Zwangs­voll­stre­ckung in ein Nieß­brauchs­recht

Die für die Zwangs­voll­stre­ckung in ein Nieß­brauchs­recht an einem Grund­stück gemäß § 857 Abs. 4 Satz 1, 2 ZPO vor­ge­se­he­ne Ver­wal­tung des Grund­stücks setzt eben­so wie die Zwangs­ver­wal­tung nach §§ 146 ff. ZVG den unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Besitz des Schuld­ners vor­aus.

Zwangs­voll­stre­ckung in ein Nieß­brauchs­recht

Die Anord­nung der Ver­wal­tung hängt nicht von der Fest­stel­lung des Voll­stre­ckungs­ge­richts ab, dass der Schuld­ner das mit dem Nieß­brauch belas­te­te Grund­stück tat­säch­lich besitzt. Wenn die Ein­tra­gung des Nieß­brauchs im Grund­buch nach­ge­wie­sen ist, ord­net das Voll­stre­ckungs­ge­richt die Ver­wal­tung nach § 857 Abs. 4 ZPO ohne eine Prü­fung an, ob der Schuld­ner den Besitz an dem Grund­stück inne­hat. Etwas ande­res gilt dann, wenn dem Voll­stre­ckungs­ge­richt bekannt ist, dass der Schuld­ner kei­nen Besitz hat.

Das gemäß § 857 Abs. 1, § 828 Abs. 1 ZPO zustän­di­ge Voll­stre­ckungs­ge­richt kann bei der Zwangs­voll­stre­ckung in ein Nieß­brauchs­recht an einem Grund­stück gemäß § 857 Abs. 4 Satz 1, 2 ZPO eine Ver­wal­tung des Grund­stücks anord­nen, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs an die Vor­schrif­ten zur Zwangs­ver­wal­tung in §§ 146 ff. ZVG anzu­leh­nen ist 1. Gemäß §§ 146, 17 ZVG darf die Zwangs­ver­wal­tung vor­be­halt­lich der Son­der­re­ge­lung in § 147 Abs. 1 ZVG nur ange­ord­net wer­den, wenn nach­ge­wie­sen wird, dass der Schuld­ner als Eigen­tü­mer des Grund­stü­ckes ein­ge­tra­gen oder dass er Erbe des ein­ge­tra­ge­nen Eigen­tü­mers ist.

Ob auch die­se for­ma­len Anfor­de­run­gen für die Anord­nung einer Ver­wal­tung nach § 857 Abs. 4 ZPO zu beach­ten sind, bedarf kei­ner Ent­schei­dung, denn sie waren in dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall erfüllt.

Das Voll­stre­ckungs­ge­richt kann den Ver­wal­ter nach Maß­ga­be der Rege­lung in § 150 Abs. 2 ZVG ermäch­ti­gen, sich den Besitz des mit dem Nieß­brauch belas­te­ten Grund­stücks zu ver­schaf­fen 1. Zur Wahr­neh­mung der dem Nieß­brauchs­be­rech­tig­ten zuste­hen­den Nut­zungs­rech­te muss er, wie sich aus § 152 Abs. 1 ZVG ergibt, das Grund­stück zweck­ent­spre­chend im Sin­ne der Gläu­bi­ger­be­frie­di­gung ver­wal­ten und nut­zen. Dazu benö­tigt er den Besitz an dem Grund­stück. Des­halb setzt die gemäß § 857 Abs. 4 ZPO ange­ord­ne­te Ver­wal­tung eben­so wie die Zwangs­ver­wal­tung nach §§ 146 ff. ZVG unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Besitz des Schuld­ners vor­aus 2. Den unmit­tel­ba­ren Besitz kann sich der Ver­wal­ter mit Hil­fe der im Pfän­dungs­be­schluss ent­hal­te­nen Ermäch­ti­gung ver­schaf­fen, wobei der Beschluss Voll­stre­ckungs­ti­tel gemäß § 794 Abs. 1 Nr. 3 ZPO ist und not­falls mit Hil­fe des Gerichts­voll­zie­hers durch­ge­setzt wer­den kann 1. Den mit­tel­ba­ren Besitz des Nieß­brauchs­be­rech­tig­ten erlangt er durch Ein­wei­sung 3 oder bereits durch die Anord­nung und Über­tra­gung der Ver­wal­tung mit der Annah­me des Amtes durch den Ver­wal­ter 4. Ist der Schuld­ner aller­dings weder unmit­tel­ba­rer noch mit­tel­ba­rer Besit­zer des Grund­stü­ckes und ver­wei­gert der Drit­te, der den Besitz inne­hat, die Her­aus­ga­be, ist die Zwangs­ver­wal­tung recht­lich undurch­führ­bar 5. Des­halb darf unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen auch eine Ver­wal­tung nach § 857 Abs. 4 ZPO, die in glei­cher Wei­se an den Besitz des Schuld­ners anknüpft, nicht ange­ord­net wer­den.

Die Anord­nung der Ver­wal­tung hängt nach § 857 Abs. 4 ZPO nicht von der Fest­stel­lung ab, dass der Schuld­ner das mit dem Nieß­brauch belas­te­te Grund­stück tat­säch­lich besitzt. Das Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ist grund­sätz­lich nicht dazu bestimmt, Strei­tig­kei­ten über die der Zwangs­voll­stre­ckung zugrun­de lie­gen­den Ansprü­che aus­zu­tra­gen. Dem­entspre­chend kom­men Beweis­erhe­bun­gen im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nur in ein­ge­schränk­tem Umfang in Betracht. Auch das Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren dient nicht dazu, strei­ti­ge Rechts­ver­hält­nis­se zwi­schen den Betei­lig­ten auf­zu­klä­ren. Des­halb wird nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Zwangs­ver­wal­tung im Regel­fall ohne Prü­fung ange­ord­net, ob der Eigen­tü­mer den hier­für erfor­der­li­chen Eigen­be­sitz an dem Grund­stück inne­hat. Nur wenn dem Voll­stre­ckungs­ge­richt zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung über den Anord­nungs­an­trag bekannt ist, dass sich das Grund­stück im Eigen­be­sitz eines Drit­ten befin­det, muss der Antrag man­gels Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses abge­lehnt wer­den 6. Vor die­sem Hin­ter­grund schei­tert die Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung nicht bereits dar­an, dass der hier­für erfor­der­li­che Eigen­be­sitz des ein­ge­tra­ge­nen Eigen­tü­mers bestrit­ten wird. Viel­mehr muss der­je­ni­ge, der den Eigen­be­sitz eines nicht als Eigen­tü­mer in das Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Drit­ten behaup­tet, die­sen Eigen­be­sitz durch Vor­la­ge liqui­der Beweis­mit­tel nach­wei­sen. Gelingt ihm das nicht, hat das Gericht die Zwangs­ver­wal­tung anzu­ord­nen, und der Drit­te muss sei­ne – strei­ti­gen – Rech­te mit der Wider­spruchs­kla­ge nach § 771 ZPO im Pro­zess­we­ge gel­tend machen 7.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten bei Pfän­dung eines Nieß­brauchs­rechts eben­so für die Anord­nung der Ver­wal­tung nach § 857 Abs. 4 ZPO. Mit der Ein­räu­mung des Nieß­brauchs erwirbt der Nieß­brau­cher das Recht zum Besitz, § 1036 Abs. 1 BGB. Wenn, wie hier, die Ein­tra­gung des Nieß­brauchs nach­ge­wie­sen ist, ist in ähn­li­cher Wei­se wie beim ein­ge­tra­ge­nen Eigen­tü­mer für sei­nen Eigen­be­sitz davon aus­zu­ge­hen, dass der Nieß­brau­cher zumin­dest mit­tel­ba­ren Besitz an dem mit dem Nieß­brauch belas­te­ten Grund­stück inne­hat. Fol­ge­rich­tig besteht hier wie dort kein Anlass für das Voll­stre­ckungs­ge­richt, die Besitz­ver­hält­nis­se zu prü­fen und Fest­stel­lun­gen dazu zu tref­fen, ob der Nieß­brau­cher das Grund­stück besitzt. Aller­dings darf es die Zwangs­ver­wal­tung nicht anord­nen, wenn ihm bekannt ist, dass der Nieß­brau­cher kei­nen Besitz hat.

Stellt der zur Inbe­sitz­nah­me ermäch­tig­te Ver­wal­ter im Rah­men der Voll­stre­ckung fest, dass der Nieß­brau­cher kei­nen, auch kei­nen mit­tel­ba­ren Besitz an dem Grund­stück hat, darf die Voll­stre­ckungs­hand­lung nicht aus­ge­führt wer­den und er muss sei­ne Ver­wal­ter­tä­tig­keit ein­stel­len. Nimmt er hin­ge­gen das Grund­stück in Aus­übung des Nieß­brauchs­rechts in Besitz, ist es nach obi­gen Grund­sät­zen jedem Drit­ten, der hier­durch sein Recht zum Besitz beein­träch­tigt sieht, zuzu­mu­ten, Dritt­wi­der­spruchs­kla­ge nach § 771 ZPO zu erhe­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Dezem­ber 2010 – VII ZB 67/​09

  1. BGH, Urteil vom 12.01.2006 – IX ZR 131/​04, BGHZ 166, 1 Rn. 16[][][]
  2. zu §§ 146 ff. ZVG: BGH, Urteil vom 26.09.1985 – IX ZR 88/​84, BGHZ 96, 61, 66[]
  3. so: Stö­ber, Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ge­setz, 19. Aufl., § 146 Rn. 10.1 und § 150 Rn. 5.5[]
  4. so: Kindl/​Mel­ler-Han­nich/­Wol­f/­Sie­vers, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, ZVG § 150 Rn. 28 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 26.09.1985 – IX ZR 88/​84, BGHZ 96, 61, 66 m.w.N.[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 190/​03, MDR 2004, 1022[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 190/​03, MDR 2004, 1022[]