Ärzt­li­che Behand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den

Die ärzt­li­che Behand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den durch Ver­trags­ärz­te und Kran­ken­häu­ser mit Kas­sen­zu­las­sung im Rah­men der gesetz­li­chen Heil­für­sor­ge erfolgt – anders als etwa bei der trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung von Sol­da­ten – nicht in Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes, führt mit­hin bei ärzt­li­chen Feh­lern nicht zu einem Amts­haf­tungs­an­spruch gegen den Staat.

Ärzt­li­che Behand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den

Die Ärz­te sind bei der ärzt­li­chen Behand­lung des Zivil­dienst­leis­ten­den nicht in Aus­übung eines ihnen anver­trau­ten öffent­li­chen Amtes tätig gewor­den (Art. 34 Satz 1 GG). Für die Fol­gen der ihnen unter­lau­fe-nen ärzt­li­chen Feh­ler haben sie daher per­sön­lich gemäß § 823 Abs. 1, Abs. 2 BGB i.V.m. § 229 StGB, § 847 BGB a.F. ein­zu­ste­hen.

Ob sich das Han­deln einer Per­son als Aus­übung eines öffent­li­chen Amts dar­stellt, bestimmt sich nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs danach, ob die eigent­li­che Ziel­set­zung, in deren Sinn der Betref­fen­de tätig wur­de, hoheit­li­cher Tätig­keit zuzu­rech­nen ist und ob zwi­schen die­ser Ziel­set­zung und der schä­di­gen­den Hand­lung ein so enger äuße­rer und inne­rer Zusam­men­hang besteht, dass die Hand­lung eben­falls als noch dem Bereich hoheit­li­cher Betä­ti­gung ange­hö­rend ange­se­hen wer­den muss. Dabei ist nicht auf die Per­son des Han­deln­den, son­dern auf sei­ne Funk­ti­on, das heißt auf die Auf­ga­be, deren Wahr­neh­mung die im kon­kre­ten Fall aus­ge­üb­te Tätig­keit dient, abzu­stel­len 1. Der für die Annah­me der Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes erfor­der­li­che enge Zusam­men­hang zwi­schen der Ziel­rich­tung der hoheit­li­chen Auf­ga­be und deren Aus­füh­rung ist bei der Heil­be­hand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den ange­sichts ihrer recht­li­chen und prak­ti­schen Aus­ge­stal­tung nicht gege­ben.

Die ärzt­li­che Heil­be­hand­lung von Kran­ken ist regel­mä­ßig nicht Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes im Sin­ne von Art. 34 GG 2. Die­ser Grund­satz gilt aller­dings nicht aus­nahms­los. So ist aner­kannt, dass die ärzt­li­che Behand­lung von Sol­da­ten durch Trup­pen­ärz­te im Rah­men der gesetz­li­chen Heil­für­sor­ge Wahr­neh­mung einer hoheit­li­chen Auf­ga­be ist und damit in Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes erfolgt 3. Auch die Behand­lung eines Sol­da­ten, die im Auf­trag der Bun­des­wehr durch Ärz­te eines zivi­len Kran­ken­hau­ses auf­grund eines pri­vat­recht­li­chen Ver­tra­ges auf Wei­sung des Bun­des­wehr­arz­tes durch­ge­führt wird, stellt die Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes dar, so dass weder der behan­deln­de Arzt unmit­tel­bar noch der Kran­ken­haus­trä­ger auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men wer­den kann 4.

Die­se für Sol­da­ten gel­ten­den Grund­sät­ze kön­nen auf die Heil­be­hand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den nicht ent­spre­chend ange­wandt wer­den.

Aller­dings erhal­ten Zivil­dienst­pflich­ti­ge im Krank­heits­fall von Geset­zes wegen ent­spre­chend den Vor­schrif­ten für Wehr­pflich­ti­ge freie Heil­für­sor­ge­leis­tun­gen. So fin­den nach § 35 Abs. 1 ZDG auf den Dienst­pflich­ti­gen in Fra­gen der Heil­für­sor­ge die Bestim­mun­gen ent­spre­chen­de Anwen­dung, die für einen Sol­da­ten des unters­ten Mann­schafts­dienst­gra­des, der auf­grund der Wehr­pflicht Wehr­dienst leis­tet, gel­ten. Wehr­pflich­ti­ge Sol­da­ten erhal­ten gemäß § 6 Satz 1 und § 10 WSG i.V.m. § 69 Abs. 2 Satz 1 BBesG im Rah­men der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift (VwV) zu § 69 Abs. 2 BBesG unent­gelt­li­che trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung. Nach VwV § 2 Abs. 1 umfasst die unent­gelt­li­che trup­pen­ärzt­li­che Ver­sor­gung alle zur Gesund­erhal­tung, Ver­hü­tung und früh­zei­ti­gen Erken­nung von gesund­heit­li­chen Schä­den sowie die zur Behand­lung einer Erkran­kung spe­zi­fisch erfor­der­li­chen medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen der­ge­stalt, dass alle regel­wid­ri­gen Kör­per- und Geis­tes­zu­stän­de erfasst wer­den, die einer Behand­lung bedürf­tig und einer The­ra­pie zugäng­lich sind. Die Heil­für­sor­ge ist dabei als Sach­leis­tung aus­ge­stal­tet, so dass der Wehr­pflich­ti­ge bei Krank­heit kei­ne Über­nah­me der gege­be­nen­falls ange­fal­le­nen Behand­lungs­kos­ten bean­spru­chen kann 5.

Da der Zivil­dienst im Gegen­satz zur Bun­des­wehr jedoch nicht über einen eige­nen Sani­täts­dienst ver­fügt, ist in § 35 Abs. 3 ZDG bestimmt, dass das zustän­di­ge Bun­des­mi­nis­te­ri­um Ver­trä­ge mit Kör­per­schaf­ten und Ver­bän­den der Heil­be­ru­fe zur Sicher­stel­lung der Heil­für­sor­ge der Dienst­leis­ten­den abschließt. Ein sol­cher Ver­trag wur­de zwi­schen dem Bun­des­mi­nis­ter für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend und der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung abge­schlos­sen (Zivil­dienst­be­hand­lungs­ver­trag). Zivil­dienst­leis­ten­de erhal­ten auf der Grund­la­ge die­ses Ver­tra­ges und der gesetz­li­chen Bestim­mun­gen Heil­für­sor­ge durch Bereit­stel­lung des Ver­sor­gungs­an­ge­bots der Ver­trags­ärz­te und Kran­ken­häu­ser mit Kas­sen­zu­las­sung (vgl. auch § 75 Abs. 3 Satz 1 und 2 SGB V). Damit steht den Zivil­dienst­leis­ten­den eine kas­sen­ärzt­li­che Ver­sor­gung als Sach­leis­tung zur Ver­fü­gung, die der trup­pen­ärzt­li­chen Ver­sor­gung der Wehr­pflich­ti­gen ent­spricht und auf deren Inan­spruch­nah­me der Zivil­dienst­leis­ten­de in ande­ren als Not­fäl­len ver­wie­sen ist. Hier­zu wird dem Zivil­dienst­leis­ten­den vor Beginn der Behand­lung ein Behand­lungs­aus­weis bzw. ein Über­wei­sungs­schein aus­ge­hän­digt, der dem behan­deln­den Kas­sen­arzt vor­zu­le­gen ist. Der Arzt rech­net sei­ne Leis­tun­gen über die zustän­di­ge Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung ab, die wie­der­um dem Bun­des­amt den ange­fal­le­nen Gesamt­be­trag in Rech­nung stellt 6.

Wenn auch für Zivil­dienst­leis­ten­de eben­so wie für Sol­da­ten ein gesetz­li­cher Anspruch auf Heil­für­sor­ge besteht, so ist die­se in wesent­li­chen Punk­ten jedoch unter­schied­lich aus­ge­stal­tet. Wäh­rend der Sol­dat nicht das Recht der frei­en Arzt­wahl hat 7, ist die­se beim Zivil­dienst­leis­ten­den zwar nicht recht­lich, wohl aber fak­tisch gege­ben 8. Bei Zivil­dienst­leis­ten­den läuft die Heil­für­sor­ge, auch wenn sie im Inter­es­se einer mög­lichst weit­ge­hen­den Gleich­stel­lung mit der­je­ni­gen für Wehr­pflich­ti­ge recht­lich als Sach­leis­tung aus­ge­stal­tet ist, in der prak­ti­schen Durch­füh­rung auf eine Erstat­tung der Heil­be­hand­lungs­kos­ten hin­aus. Wäh­rend die ärzt­li­che Heil­be­hand­lung von Sol­da­ten vor­ran­gig durch öffent­lich bediens­te­te Ärz­te und deren Hilfs­per­so­nen sowie Sani­täts­be­rei­che und eige­ne Kran­ken­an­stal­ten der Bun­des­wehr erfolgt und ande­re Ärz­te oder zivi­le Kli­ni­ken regel­mä­ßig nur im Bedarfs­fall zur Ersatz­ver­sor­gung her­an­ge­zo­gen wer­den 9, erfolgt die Heil­be­hand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den pri­mär durch nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te und zivi­le Kli­ni­ken. Die­se geschieht bei der ärzt­li­chen Behand­lung von Sol­da­ten im Auf­trag und auf Wei­sung des Bun­des­wehr­arz­tes 10. Bei der ärzt­li­chen Behand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den fehlt es hin­ge­gen sowohl an einem ent­spre­chen­den Auf­trag als auch an einer Wei­sung.

Die­se Unter­schie­de begrün­den auch hin­sicht­lich der Haf­tungs­fra­ge eine abwei­chen­de recht­li­che Ein­ord­nung dahin­ge­hend, dass die Heil­be­hand­lung von Zivil­dienst­leis­ten­den anders als die der Sol­da­ten nicht Wahr­neh­mung einer hoheit­li­chen Auf­ga­be ist. Des­halb erfolgt die ärzt­li­che Behand­lung des Zivil­dienst­leis­ten­den nicht in Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes im Sin­ne von Art. 34 GG 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Okto­ber 2010 – VI ZR 307/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.06.2006 – III ZR 270/​05, VersR 2006, 1684 m.w.N.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.12.1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 270[]
  3. BGH, Urtei­le vom 06.07.1989 – III ZR 79/​88, BGHZ 108, 230, 233; und vom 12.11.1992 – III ZR 19/​92, BGHZ 120, 176, 178[]
  4. BGH, Beschluss vom 29.02.1996 – III ZR 238/​94, VersR 1996, 976[]
  5. vgl. VG Mün­chen, Urteil vom 27.08.2009 – M 15 K 09.746[]
  6. VG Mün­chen, Urteil vom 27.08.2009 – M 15 K 09.746, aaO, Rn. 23 f.[]
  7. BGH, Urteil vom 06.07.1989 – III ZR 79/​88, aaO, S. 235[]
  8. Brecht, Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung und Zivil­dienst, 5. Aufl., § 35 ZDG Anm. 3[]
  9. BGH, Urteil vom 06.07.1989 – III ZR 79/​88, aaO, S. 235 f.[]
  10. BGH, Beschluss vom 29.02.1996 – III ZR 238/​94, aaO[]
  11. a.A.: Brecht, aaO[]