Beweis­an­tritt

Zum Beweis­an­tritt muss die Par­tei die zu bewei­sen­de erheb­li­che Tat­sa­che und das Beweis­mit­tel bestimmt bezeich­nen. Mehr darf nicht gefor­dert wer­den1.

Beweis­an­tritt

Einer Par­tei darf nicht ver­wehrt wer­den, eine tat­säch­li­che Auf­klä­rung auch hin­sicht­lich sol­cher Punk­te zu ver­lan­gen, über die sie selbst kein zuver­läs­si­ges Wis­sen besitzt und auch nicht erlan­gen kann.

Sie kann des­halb genö­tigt sein, eine von ihr nur ver­mu­te­te Tat­sa­che zu behaup­ten und unter Beweis zu stel­len. Unzu­läs­sig wird ein sol­ches pro­zes­sua­les Vor­ge­hen erst dort, wo die Par­tei ohne greif­ba­re Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen eines bestimm­ten Sach­ver­halts will­kür­lich Behaup­tun­gen „aufs Gera­te­wohl” oder „ins Blaue hin­ein” auf­stellt.

Bei der Annah­me von Will­kür in die­sem Sin­ne ist Zurück­hal­tung gebo­ten; in der Regel wird sie nur beim Feh­len jeg­li­cher tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te, gerecht­fer­tigt wer­den kön­nen2.

Das Gesetz ver­langt nicht, dass der Beweis­füh­rer sich auch dar­über äußert, wel­che Anhalts­punk­te er für die Rich­tig­keit der in das Wis­sen das Zeu­gen gestell­ten Behaup­tung habe3. Für das Vor­lie­gen eines hin­rei­chend bestimm­ten Beweis­an­trags ist es gera­de nicht erfor­der­lich, dass die Par­tei das Beweis­ergeb­nis im Sin­ne einer vor­weg­ge­nom­me­nen Beweis­wür­di­gung wahr­schein­lich macht4.

Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz macht die Recht­spre­chung ledig­lich dann, wenn ein Zeu­ge über inne­re Vor­gän­ge bei einer ande­ren Per­son ver­nom­men wer­den soll, die der direk­ten Wahr­neh­mung durch den Zeu­gen natur­ge­mäß ent­zo­gen sind5.

Ein sol­cher Fall liegt hier jedoch nicht vor, weil die Beweis­per­so­nen ersicht­lich über Äuße­run­gen der Käu­fe­rin anläss­lich der Ver­trags­ver­hand­lun­gen ver­nom­men wer­den sol­len6. Im Übri­gen hat die Klä­ge­rin durch den Hin­weis auf die bereits im zwei­ten Quar­tal des Jah­res 2006 geführ­ten Ver­trags­ver­hand­lun­gen und den feh­len­den Zeit­druck durch­aus Indi­zi­en bezüg­lich der inne­ren Wil­lens­rich­tung der Käu­fe­rin vor­ge­tra­gen. Auch die Kauf­preis­zah­lung Ende März 2007 legt als Beweis­an­zei­chen nahe, dass eine Voll­zie­hung des Ver­tra­ges bereits bis Ende des Jah­res 2006 mög­lich war. Bei die­ser Sach­la­ge, die kei­nen Anhalt für einen Vor­trag ins Blaue erken­nen lässt, muss­te der ange­tre­te­ne Beweis erho­ben wer­den. Soweit das Beru­fungs­ge­richt meint, der Umstand, dass sich die Ver­trags­ver­hand­lun­gen über meh­re­re Mona­te hin­zo­gen und die Käu­fe­rin die Kauf­preis­zah­lung finan­zie­ren muss­te, spre­che gegen die Behaup­tung der Klä­ge­rin, han­delt es sich um eine unzu­läs­si­ge vor­weg­ge­nom­me­ne Beweis­wür­di­gung.

Eine Par­tei ist nicht gehin­dert, ihr Vor­brin­gen im Lau­fe des Rechts­streits zu ändern, ins­be­son­de­re zu prä­zi­sie­ren, zu ergän­zen oder zu berich­ti­gen7. Dar­um kön­nen für einen Kla­ge­an­trag, sofern nicht eine bewuss­te Ver­let­zung der Wahr­heits­pflicht (§ 138 Abs. 1 ZPO) gege­ben ist, in tat­säch­li­cher Hin­sicht wider­spre­chen­de Begrün­dun­gen gege­ben wer­den, wenn das Ver­hält­nis die­ser Begrün­dun­gen zuein­an­der klar­ge­stellt ist, sie also nicht als ein ein­heit­li­ches Vor­brin­gen gel­tend gemacht wer­den8.

Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots wegen ver­meint­li­cher Wider­sprü­che im Vor­trag der beweis­be­las­te­ten Par­tei läuft auf eine pro­zes­su­al unzu­läs­si­ge vor­weg­ge­nom­me­ne tatrich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung hin­aus und ver­stößt damit zugleich gegen Art. 103 Abs. 1 GG9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. April 2015 – IX ZR 195/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 01.12 1971 – VIII ZR 88/​70, NJW 1972, 249, 250
  2. BGH, Urteil vom 27.05.2003 – IX ZR 283/​99, NJW-RR 2004, 337, 338
  3. BGH, Urteil vom 01.12 1971 – VIII ZR 88/​70, NJW 1972, 249, 250; vom 13.07.1988 – IVa ZR 67/​87, NJW-RR 1988, 1529
  4. BVerfG, NJW 2003, 2976, 2977
  5. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159 Rn. 44 mwN; vom 03.06.2014 – XI ZR 147/​12, WM 2014, 1382 Rn. 43
  6. vgl. BGH, Urteil vom 30.04.1992 – VII ZR 78/​91, NJW 1992, 2489 f
  7. BGH, Urteil vom 05.07.1995 – KZR 15/​94, NJW-RR 1995, 1340, 1341; Beschluss vom 06.02.2013 – I ZR 22/​12, TranspR 2013, 430 Rn. 11
  8. BGH, Urteil vom 25.01.1956 – V ZR 190/​54, BGHZ 19, 387, 390; vom 20.05.1987 – VIII ZR 282/​86, NJW-RR 1987, 1318; vom 19.06.1995 – II ZR 255/​93, NJW 1995, 2843, 2845 f; Saenger/​Wöstmann, ZPO, 6. Aufl., § 138 Rn. 2; Musielak/​Stadler, ZPO, 11. Aufl., § 138 Rn. 2; Münch­Komm-ZPO/­Wag­ner, 4. Aufl., § 138 Rn. 12
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2013, aaO