1-€-Jobs im öffent­li­chen Dienst – und die Zwi­schen­schal­tung pri­va­ter Maß­nah­men­trä­ger

Der Ein­satz erwerbs­fä­hi­ger Leis­tungs­be­rech­tig­ter ("MAE-Kräf­te") in Arbeits­ge­le­gen­hei­ten gemäß § 16d Abs. 1 und 7 SGB II in einer Dienst­stel­le unter­liegt auch dann wegen Erfül­lung des Tat­be­stands der Ein­stel­lung der Mit­be­stim­mung gemäß § 87 Nr. 1 Bln­Pers­VG oder der Mit­wir­kung gemäß § 90 Nr. 10 Bln­Pers­VG, wenn die Dienst­stel­le im sozi­al­recht­li­chen Sinn nicht selbst Maß­nah­men­trä­ger ist, son­dern die MAE-Kräf­te von einem pri­va­ten Drit­ten ver­mit­telt und ange­lei­tet wer­den, der sei­ner­seits durch die Agen­tur für Arbeit als Maß­nah­men­trä­ger ein­ge­schal­tet wor­den ist und För­der­leis­tun­gen für die Bereit­stel­lung von Arbeits­ge­le­gen­hei­ten in Anspruch nimmt.

1-€-Jobs im öffent­li­chen Dienst – und die Zwi­schen­schal­tung pri­va­ter Maß­nah­men­trä­ger

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in dem Urteil vom 21.03.2007, der die mit § 16d Abs. 1 und 7 SGB II im hier inter­es­sie­ren­den Umfang deckungs­glei­chen Bestim­mun­gen in § 16 Abs. 1 und 3 SGB II a.F. betraf, aus­ge­spro­chen, dass MAE-Kräf­te, die im Rah­men von Arbeits­ge­le­gen­hei­ten in der Dienst­stel­le zum Ein­satz kom­men, dort im Sin­ne des per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Ein­stel­lungs­be­griffs ein­ge­glie­dert wer­den 1. Die Zwi­schen­schal­tung eines pri­va­ten Maß­nah­men­trä­gers, der die MAE-Kräf­te ver­mit­telt und anlei­tet, könn­te allen­falls dann zu einer ande­ren recht­li­chen Beur­tei­lung als im Urteil vom 21.03.2007 – das den Ein­satz bei einer Dienst­stel­le betraf, die selbst als Maß­nah­men­trä­ger fun­gier­te – füh­ren, wenn auf­grund die­ser Zwi­schen­schal­tung die Rechts­be­zie­hung zwi­schen Dienst­stel­le und den MAE-Kräf­ten nicht die für die Annah­me einer Ein­glie­de­rung erfor­der­li­chen Merk­ma­le auf­wie­se. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, die auch das Urteil vom 21.03.2007 zum Aus­gangs­punkt nimmt 2, ist zur Annah­me einer Ein­glie­de­rung neben der – hier unstrei­tig gege­be­nen – tat­säch­li­chen Arbeits­auf­nah­me im Rah­men der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on der Dienst­stel­le ein recht­li­ches Band erfor­der­lich, durch wel­ches ein Wei­sungs­recht der Dienst­stel­le, ver­bun­den mit ent­spre­chen­den Schutz­pflich­ten, und damit kor­re­spon­die­rend die Wei­sungs­ge­bun­den­heit des Dienst­leis­ten­den, ver­bun­den mit ent­spre­chen­den Schutz­rech­ten, begrün­det wer­den. Ein sol­ches recht­li­ches Band liegt – wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat – auch vor, wenn MAE-Kräf­te, die bei einer Dienst­stel­le zum Ein­satz gelan­gen, durch einen pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger ver­mit­telt und ange­lei­tet wer­den.

Inso­fern ist zum einen auf die sozi­al­recht­li­che Bestim­mung des § 16d Abs. 7 Satz 2 HS 2 SGB II zu ver­wei­sen, nach der die Vor­schrif­ten über den Arbeits­schutz ent­spre­chend anzu­wen­den sind. Auf­grund die­ser Bestim­mung erge­ben sich unmit­tel­bar im Ver­hält­nis zwi­schen der Dienst­stel­le und den bei ihr ein­ge­setz­ten MAE-Kräf­ten einer­seits Schutz­pflich­ten und ande­rer­seits hier­mit kor­re­spon­die­ren­de Schutz­an­sprü­che im Hin­blick auf die ein­schlä­gi­gen gesetz­li­chen Rege­lun­gen zum Arbeits­schutz in einer Wei­se, wie sie sonst für das Rechts­ver­hält­nis zwi­schen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern typisch ist 3. Die­se Rechts­la­ge ver­än­dert sich nicht dadurch, dass eine Ver­mitt­lung und Anlei­tung betrof­fe­ner MAE-Kräf­te durch einen pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger erfolgt und die Dienst­stel­le nicht selbst als Maß­nah­men­trä­ger fun­giert. Dies gilt auch dann, wenn – wie im Aus­gangs­fall des vor­lie­gen­den Streits – die Dienst­stel­le mit dem pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger im Rah­men eines Koope­ra­ti­ons­ver­trags ver­ein­bart, dass die­ser die MAE-Kräf­te über Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten belehrt, ihnen Anwei­sun­gen zur Arbeits­si­cher­heit erteilt und die öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten des Arbeits­schut­zes "erfüllt". Ver­ein­ba­run­gen die­ser Art begrün­den Ver­pflich­tun­gen des pri­va­ten Maß­nah­men­trä­gers im Innen­ver­hält­nis zur Dienst­stel­le, bei ent­spre­chend zu Tage tre­ten­dem Rege­lungs­wil­len dar­über hin­aus auch ver­trag­li­che Ansprü­che zuguns­ten betrof­fe­ner Drit­ter wie hier der MAE-Kräf­te. Sie brin­gen aber weder die geset­zes­un­mit­tel­bar in § 16a Abs. 7 Satz 2 SGB II nor­mier­ten Pflich­ten der Dienst­stel­le zum Erlö­schen, noch das in die­ser Bestim­mung zugleich ange­leg­te Recht von MAE-Kräf­ten, sich gegen­über der Dienst­stel­le, bei der sie ein­ge­setzt sind, auf die Ein­hal­tung die­ser Pflich­ten zu beru­fen und ggfs. Ansprü­che gel­tend zu machen, sofern sie ver­letzt wer­den. Die nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben aus § 16a Abs. 7 Satz 2 SGB II ste­hen mit ande­ren Wor­ten nicht der­ge­stalt zur Dis­po­si­ti­on der Dienst­stel­le, dass die­se sich ihrer im Wege der Dele­ga­ti­on auf einen pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger, der die MAE-Kräf­te ver­mit­telt und anlei­tet, ent­le­di­gen könn­te. Ein hier­von abwei­chen­des Geset­zes­ver­ständ­nis, nach dem die genann­ten Vor­ga­ben allein den von der Agen­tur für Arbeit ein­ge­schal­te­ten Maß­nah­men­trä­ger und nicht zumin­dest auch die Dienst­stel­le trä­fen, bei der die MAE-Kräf­te tat­säch­lich zum Ein­satz gelan­gen, wür­de die Gefahr erheb­li­cher Schutz­lü­cken zu Las­ten der ein­ge­setz­ten MAE-Kräf­te begrün­den. Denn der außen­ste­hen­de Maß­nah­men­trä­ger wird in aller Regel nicht einen der­art weit­rei­chen­den Zugriff auf die Arbeits­stät­te der Dienst­stel­le und ihre arbeits­tech­ni­schen Vor­rich­tun­gen besit­zen, dass er allein aus eige­nem Ver­mö­gen in der Lage wäre, die Ein­hal­tung der gesetz­li­chen Arbeits­schutz­re­ge­lun­gen auch tat­säch­lich hin­rei­chend zu gewähr­leis­ten.

Zum ande­ren ent­fällt durch die Ein­schal­tung eines pri­va­ten Maß­nah­men­trä­gers zur Ver­mitt­lung und Anlei­tung von MAE-Kräf­ten auch nicht die erfor­der­li­che Wei­sungs­be­fug­nis der Dienst­stel­le. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in dem genann­ten Urteil vom 21.03.2007 aus­ge­spro­chen, dass der Norm­ge­ber des § 16 Abs. 3 SGB II a.F. unaus­ge­spro­chen davon aus­ge­gan­gen ist, erwerbs­fä­hi­ge Hilfs­be­dürf­ti­ge wür­den in Arbeits­ge­le­gen­hei­ten wei­sungs­ab­hän­gi­ge Tätig­kei­ten ver­rich­ten 4. Es bedarf kei­ner Ent­schei­dung, ob des­halb – oder womög­lich auch aus Grün­den, die außer­halb des Sozi­al­rechts lie­gen – die Aus­ge­stal­tung einer Rechts­be­zie­hung zwi­schen einer Dienst­stel­le und einem pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger hin­sicht­lich des Ein­sat­zes von MAE-Kräf­ten in der Dienst­stel­le aus­ge­schlos­sen ist, kraft derer das Wei­sungs­recht gegen­über den MAE-Kräf­ten auf den Maß­nah­men­trä­ger kon­zen­triert wird und der Dienst­stel­le kei­ne eige­nen Wei­sungs­mög­lich­kei­ten gegen­über die­sen ver­blei­ben. Soweit – wie mit dem Fest­stel­lungs­be­geh­ren des Antrag­stel­lers und wie beim Aus­gangs­fall des vor­lie­gen­den Streits – ein Maß­nah­men­trä­ger in Rede steht, dem kraft Ver­ein­ba­rung mit der Dienst­stel­le die­ser gegen­über ledig­lich die Ver­mitt­lung und Anlei­tung von MAE-Kräf­ten obliegt, ist jeden­falls die Wei­sungs­be­fug­nis der Dienst­stel­le, von der § 16d Abs. 7 SGB II glei­cher­ma­ßen wie zuvor § 16 Abs. 3 SGB II a.F. geset­zes­un­mit­tel­bar aus­geht, sowie die hier­mit kor­re­spon­die­ren­de Wei­sungs­ge­bun­den­heit der in der Dienst­stel­le ein­ge­setz­ten MAE-Kräf­te nicht in Fra­ge gestellt. Dies berück­sich­tigt im Übri­gen auch der Koope­ra­ti­ons­ver­trag, der im Aus­gangs­fall des vor­lie­gen­den Streits abge­schlos­sen wor­den ist. Nach ihm ist zwar der vom pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger gestell­te Vor­ar­bei­ter mit der unmit­tel­ba­ren Lei­tung der Arbeits­ein­sät­ze vor Ort betraut, hat aber den Arbeits­ein­satz und ‑ablauf der MAE-Kräf­te täg­lich mit einem Beauf­trag­ten der Dienst­stel­le abzu­stim­men. Die Dienst­stel­le soll dem­nach die wesent­li­chen Direk­ti­ons­ent­schei­dun­gen im Hin­blick auf die Erbrin­gung der Arbeits­leis­tung in der Hand behal­ten. Fer­ner ist nach dem Koope­ra­ti­ons­ver­trag die Arbeits­zeit­ge­stal­tung mit ihr abzu­stim­men. Aus den der Dienst­stel­le nach der Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung vor­be­hal­te­nen Rech­ten, Ersatz­per­so­nal für nicht­ge­eig­ne­te Arbeits­kräf­te anzu­for­dern und die sofor­ti­ge Been­di­gung des Arbeits­ein­sat­zes eines Teil­neh­mers bei per­so­nen­be­zo­ge­nem Fehl­ver­hal­ten zu ver­lan­gen, kann zudem indi­rekt geschlos­sen wer­den, dass der Dienst­stel­le nach dem Wil­len der Koope­ra­ti­ons­part­ner vor­ge­la­gert zu den genann­ten Rech­ten ein Recht zur Kon­trol­le der Arbeits­er­brin­gung durch die MAE-Kräf­te belas­sen blei­ben soll.

Die im Urteil vom 21.03.2007 ange­stell­ten Erwä­gun­gen zu Sinn und Zweck der Per­so­nal­rats­be­tei­li­gung beim Ein­satz von MAE-Kräf­ten in der Dienst­stel­le 5 kom­men im hier betrof­fe­nen Fall des Ein­sat­zes auf Ver­mitt­lung eines zwi­schen­ge­schal­te­ten pri­va­ten Maß­nah­men­trä­gers glei­cher­ma­ßen zum Tra­gen.

Der Mit­be­stim­mungs- bzw. Mit­wir­kungs­pflich­tig­keit des Ein­sat­zes von MAE-Kräf­ten in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on steht nicht ent­ge­gen, wenn die Aus­wahl der Kräf­te durch den pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger erfolgt. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der gesetz­li­cher Bestim­mun­gen bleibt das Recht der Dienst­stel­le, die von einer Agen­tur für Arbeit aus­ge­wähl­ten Kräf­te wegen feh­len­der fach­li­cher oder per­sön­li­cher Eig­nung abzu­leh­nen, unbe­rührt 6. Es ist kein Grund ersicht­lich, war­um kein sol­ches Recht bestehen soll­te, wenn die Aus­wahl durch einen zwi­schen­ge­schal­te­ten pri­va­ten Maß­nah­men­trä­ger erfolgt. Etwai­ge ent­ge­gen­ste­hen­de Ver­ein­ba­run­gen mit die­sem wären unbe­acht­lich. Eine Dienst­stel­le kann Betei­li­gungs­rech­te des Per­so­nal­rats nicht dadurch unter­lau­fen, dass sie auf Ein­fluss­nah­me bei der Arbeits­auf­nah­me bei ihr ein­zu­set­zen­der Per­so­nen ver­zich­tet 7.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Mai 2014 – 6 PB 11.2014 -

  1. BVerwG, Urteil vom 21.03.2007 – 6 P 4.06, BVerw­GE 128, 212 = Buch­holz 251.8 § 78 RhPPers­VG Nr. 1 Rn. 15[]
  2. BVerwG, a.a.O. Rn. 10[]
  3. vgl. näher bezo­gen auf § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II a.F.: Urteil vom 21.03.2007 a.a.O. Rn. 18[]
  4. BVerwG, a.a.O. Rn. 18[]
  5. BVerwG, a.a.O. Rn. 31 ff.[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 21.03.2007 a.a.O. Rn. 24[]
  7. vgl. BAG, Beschluss vom 22.04.1997 – 1 ABR 74/​96 – AP Nr. 18 zu § 99 BetrVG 1972 Bl. 1627 51[]