Das nicht funk­tio­nie­ren­de Gerichts­fax

Schei­tert am Abend des letz­ten Tages der Beru­fungs­frist die Über­mitt­lung der Beru­fungs­schrift auf­grund eines Feh­lers des Gerichts­fa­xes, so muss der Beru­fungs­klä­ger nicht noch auf ande­re Wei­se ver­su­chen, den Schrift­satz fris­t­wah­rend an das Beru­fungs­ge­richt zu über­mit­teln.

Das nicht funk­tio­nie­ren­de Gerichts­fax

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ver­such­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin am letz­ten Tag der Beru­fungs­frist ab ca. 20.00 Uhr erfolg­los, eine Beru­fungs­schrift per Tele­fax an das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt zu über­mit­teln. Dort konn­ten ab 17.24 Uhr aus tech­ni­schen Grün­den kei­ne Tele­fax­sen­dun­gen mehr emp­fan­gen wer­den. Die Stö­rung wur­de erst am nächs­ten Tag beho­ben.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin über­sand­te wegen der erkenn­ba­ren Stö­rung noch am Abend des Frist­ab­laufs um 20.40 Uhr die ein­ge­scann­te – nicht mit einer qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur ver­se­he­ne – Beru­fungs­schrift als pdf-Datei per E‑Mail an das Post­fach der Ver­wal­tung des Lan­des­ar­beits­ge­richts. Die Beru­fungs­schrift war an das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt gerich­tet und führ­te die Par­tei­en mit vol­lem Namen, ihrer Adres­se sowie den Par­tei­be­zeich­nun­gen für bei­de Instan­zen an, aller­dings war dort ein fal­sches Arbeits­ge­richt und ein feh­ler­haf­tes Akten­zei­chen I. Instanz auf­ge­führt.

Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt hat den Antrag der Klä­ge­rin auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zurück­ge­wie­sen und ihre Beru­fung wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist als unzu­läs­sig ver­wor­fen [1]. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hob die­sen Beschluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts wie­der auf und gewähr­te dem Beru­fungs­klä­ger Wie­der­ein­set­zung in die Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung:

Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist

Die Klä­ge­rin hat die Beru­fungs­frist ver­säumt. Die­se ende­te nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts mit Ablauf des 29.11.2012. Die Über­mitt­lung des – ein­ge­scann­ten – Beru­fungs­schrift­sat­zes per E‑Mail am 29.11.2012 ver­moch­te die Frist nicht zu wah­ren.

Der per E‑Mail über­mit­tel­te Beru­fungs­schrift­satz ent­spricht weder den Anfor­de­run­gen des § 130 ZPO noch denen des § 130a ZPO.

Eine E‑Mail ist ein elek­tro­ni­sches Doku­ment, das aus der in einer elek­tro­ni­schen Datei ent­hal­te­nen Daten­fol­ge besteht. Ein sol­ches wahrt nicht die in § 130 ZPO vor­aus­ge­setz­te Schrift­form für vor­be­rei­ten­de und bestim­men­de Schrift­sät­ze [2].

Die Beru­fungs­schrift genügt man­gels einer qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur auch nicht den Anfor­de­run­gen des § 130a Abs. 1 Satz 2 ZPO. Die­se Vor­schrift ent­hält für bestim­men­de Schrift­sät­ze nicht nur eine Ord­nungs­vor­schrift [3].

Zwar kann ein bestim­men­der Schrift­satz auch ohne qua­li­fi­zier­te elek­tro­ni­sche Signa­tur form­ge­recht per E‑Mail über­mit­telt wer­den. Auf die­se Wei­se wahrt der Schrift­satz aber nur dann die Rechts­mit­tel­frist, wenn er dem zustän­di­gen Gericht – mit der in Kopie wie­der­ge­ge­be­nen Unter­schrift des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­se­hen – noch inner­halb der Frist in aus­ge­druck­ter Form vor­liegt [4]. Im Streit­fall wur­de die Beru­fungs­schrift vom Lan­des­ar­beits­ge­richt erst am 30.11.2012 und damit nach Ablauf der Beru­fungs­frist aus­ge­druckt. Recht­lich uner­heb­lich ist, dass der Aus­druck vom Lan­des­ar­beits­ge­richt mit dem Ein­gangs­stem­pel vom 29.11.2012 ver­se­hen wur­de.

Wie­der­ein­set­zung

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Klä­ge­rin zu Unrecht nicht wie­der in die Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung ein­ge­setzt.

Nach § 233 ZPO ist einer Par­tei auf ihren Antrag Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, wenn sie ohne ihr Ver­schul­den ver­hin­dert war, eine Not­frist ein­zu­hal­ten.

Die Klä­ge­rin hat die Beru­fungs­frist ohne ihr Ver­schul­den ver­säumt.

Die frist­ge­rech­te Über­mitt­lung der Beru­fungs­schrift an das Gericht schei­ter­te auf­grund der tech­ni­schen Stö­rung des Emp­fangs­ge­räts. Die­se hat­te die Klä­ge­rin nicht zu ver­tre­ten.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin muss­te nicht auf ande­re Wei­se ver­su­chen, den Schrift­satz fris­t­wah­rend an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu über­mit­teln. Er hat­te mit der Wahl eines aner­kann­ten Über­mitt­lungs­me­di­ums, der ord­nungs­ge­mä­ßen Nut­zung eines funk­ti­ons­fä­hi­gen Sen­de­ge­räts und der kor­rek­ten Ein­ga­be der Emp­fän­ger­num­mer das von sei­ner Sei­te aus Erfor­der­li­che zur Fris­t­wah­rung getan. Er hat­te – um ca.20.00 Uhr – so recht­zei­tig mit der Über­mitt­lung der Beru­fungs­schrift begon­nen, dass unter nor­ma­len Umstän­den mit deren Zugang bis 24 Uhr zu rech­nen war [5].

Der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­frist war ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht des­halb zurück­zu­wei­sen, weil die Beru­fung auch dann unzu­läs­sig gewe­sen wäre, wenn kein tech­ni­sches Hin­der­nis bestan­den hät­te.

Die feh­ler­haf­te Bezeich­nung in der E‑Mail

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ange­nom­men, die Beru­fung wäre auch bei recht­zei­ti­gem Ein­rei­chen eines Schrift­sat­zes, der dem per E‑Mail über­sand­ten Schrift­satz ent­spro­chen hät­te, unzu­läs­sig gewe­sen. Einer sol­chen Beru­fungs­schrift wären weder das Akten­zei­chen der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung noch das erst­in­stanz­li­che Gericht zwei­fels­frei zu ent­neh­men gewe­sen. Da ihr auch das erst­in­stanz­li­che Urteil nicht bei­gefügt gewe­sen wäre, hät­te die Beru­fungs­schrift auch bei recht­zei­ti­gem Ein­gang nicht den Anfor­de­run­gen des § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG iVm. § 519 Abs. 2 Nr. 1 ZPO genügt [6].

Dar­auf kommt es für eine Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­frist nicht an. Nach § 233 ZPO ist Vor­aus­set­zung für die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nur, dass eine Par­tei ohne ihr Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Rechts­mit­tel­frist ein­zu­hal­ten. Ob die Beru­fungs­schrift auch die wei­te­ren Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen erfüllt, ist dafür ohne Belang. Deren Vor­lie­gen ist nach der gesetz­li­chen Rege­lung nicht im Rah­men des Ver­fah­rens zur Wie­der­ein­set­zung, son­dern erst im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren als sol­chem zu prü­fen.

Die Klä­ge­rin hat den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand form- und frist­ge­recht gestellt (§ 234 Abs. 1 Satz 1, § 236 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 ZPO) und die Pro­zess­hand­lung inner­halb der Antrags­frist von zwei Wochen ord­nungs­ge­mäß nach­ge­holt (§ 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO).

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin hat dem Gericht noch am 30.11.2012 einen Beru­fungs­schrift­satz über­mit­telt, wel­cher die zutref­fen­de Bezeich­nung von erst­in­stanz­li­chem Gericht und Akten­zei­chen ent­hielt.

Der Umstand, dass dem Lan­des­ar­beits­ge­richt bereits zuvor der Aus­druck der per E‑Mail über­mit­tel­ten Beru­fungs­schrift vor­lag, die erst­in­stanz­li­ches Gericht und Akten­zei­chen unzu­tref­fend bezeich­ne­te, ist unschäd­lich. Form­feh­ler einer Beru­fungs­schrift kön­nen inner­halb der Beru­fungs­frist noch beho­ben wer­den [7]. Dies gilt im vor­lie­gen­den Fall ent­spre­chend. Die Klä­ge­rin durf­te nach unver­schul­de­ter Frist­ver­säu­mung die Pro­zess­hand­lung bin­nen zwei­er Wochen nach Weg­fall des Hin­der­nis­ses nach­ho­len. Wäh­rend die­ser Zeit ist sie so zu stel­len, als hät­te sie die Frist nicht ver­säumt. Ihr kommt daher auch das Recht zu, in die­sem zeit­li­chen Rah­men einen Form­feh­ler der Beru­fungs­schrift zu kor­ri­gie­ren.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 11. Juli 2013 – 2 AZB 6/​13

  1. Hess. LAG, Beschluss vom 28.01.2013 – 18 Sa 1640/​12[]
  2. BGH 4.12.2008 – IX ZB 41/​08, Rn. 6; 15.07.2008 – X ZB 8/​08, Rn. 10[]
  3. BGH 14.01.2010 – VII ZB 112/​08, Rn. 15, BGHZ 184, 75[]
  4. BGH 4.12.2008 – IX ZB 41/​08, Rn. 10; 15.07.2008 – X ZB 8/​08, Rn. 8[]
  5. vgl. BVerfG 1.08.1996 – 1 BvR 121/​95, zu B II 2 der Grün­de; BGH 30.09.2003 – X ZB 48/​02, zu II 2 c der Grün­de; 1.02.2001 – V ZB 33/​00, zu II 2 der Grün­de[]
  6. vgl. zu die­sen Anfor­de­run­gen BAG 27.07.2011 – 10 AZR 454/​10, Rn. 11, 13[]
  7. BAG 28.04.1982 – 7 AZR 1125/​79, zu II 4 der Grün­de, BAGE 38, 343[]