Lohn­wu­cher

Liegt ein auf­fäl­li­ges Miss­ver­hält­nis im Sin­ne von § 138 Abs. 1 BGB vor, weil der Wert der Arbeits­leis­tung den Wert der Gegen­leis­tung um mehr als 50 %, aber weni­ger als 100 % über­steigt, bedarf es zur Annah­me der Nich­tig­keit der Ver­gü­tungs­ab­re­de zusätz­li­cher Umstän­de, aus denen geschlos­sen wer­den kann, der Arbeit­ge­ber habe die Not oder einen ande­ren den Arbeit­neh­mer hem­men­den Umstand in ver­werf­li­cher Wei­se zu sei­nem Vor­teil aus­ge­nutzt. Ist der Wert einer Arbeits­leis­tung (min­des­tens) dop­pelt so hoch wie der Wert der Gegen­leis­tung, gestat­tet die­ses beson­ders gro­be Miss­ver­hält­nis den tat­säch­li­chen Schluss auf eine ver­werf­li­che Gesin­nung des Begüns­tig­ten im Sin­ne von § 138 Abs. 1 BGB.

Lohn­wu­cher

Nach § 138 Abs. 2 BGB ist ein Rechts­ge­schäft nich­tig, durch das sich jemand unter Aus­beu­tung der Zwangs­la­ge, der Uner­fah­ren­heit oder des Man­gels an Urteils­ver­mö­gen eines ande­ren für eine Leis­tung Ver­mö­gens­vor­tei­le ver­spre­chen oder gewäh­ren lässt, die in einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zu der Leis­tung ste­hen. Zu Recht hat das Beru­fungs­ge­richt die Vor­aus­set­zun­gen eines wucher­ähn­li­chen Geschäfts iSd. § 138 Abs. 1 BGB ver­neint. Ein wucher­ähn­li­ches Geschäft liegt vor, wenn Leis­tung und Gegen­leis­tung in einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zuein­an­der ste­hen und wei­te­re sit­ten­wid­ri­ge Umstän­de wie zB eine ver­werf­li­che Gesin­nung des durch den Ver­trag objek­tiv Begüns­tig­ten hin­zu­tre­ten 1.

Das auf­fäl­li­ge Miss­ver­hält­nis bestimmt sich nach dem objek­ti­ven Wert der Leis­tung des Arbeit­neh­mers. Aus­gangs­punkt der Wert­be­stim­mung sind hier­bei in der Regel die Tari­fent­gel­te des jewei­li­gen Wirt­schafts­zweigs. Sie drü­cken den objek­ti­ven Wert der Arbeits­leis­tung aus, wenn sie in dem betref­fen­den Wirt­schafts­ge­biet übli­cher­wei­se gezahlt wer­den 2. Von der Üblich­keit der Tarif­ver­gü­tung kann ohne wei­te­res aus­ge­gan­gen wer­den, wenn mehr als 50 % der Arbeit­ge­ber eines Wirt­schafts­ge­biets tarif­ge­bun­den sind oder wenn die orga­ni­sier­ten Arbeit­ge­ber mehr als 50 % der Arbeit­neh­mer eines Wirt­schafts­ge­biets beschäf­ti­gen 3.

Kann ein beson­ders gro­bes Miss­ver­hält­nis zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung fest­ge­stellt wer­den, weil der Wert der Leis­tung (min­des­tens) dop­pelt so hoch ist wie der Wert der Gegen­leis­tung, gestat­tet dies den tat­säch­li­chen Schluss auf eine ver­werf­li­che Gesin­nung des Begüns­tig­ten 4. Dann bedarf es zwar noch der Behaup­tung der ver­werf­li­chen Gesin­nung 5, doch sind an die­sen Vor­trag kei­ne hohen Anfor­de­run­gen zu stel­len. Es genügt, dass die benach­tei­lig­te Ver­trags­par­tei sich auf die tat­säch­li­che Ver­mu­tung einer ver­werf­li­che Gesin­nung der ande­ren Ver­trags­par­tei beruft 6.

Die mit einem beson­ders gro­ben Miss­ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung begrün­de­te tat­säch­li­che Ver­mu­tung der ver­werf­li­chen Gesin­nung des begüns­tig­ten Ver­trags­teils kann im Ein­zel­fall durch beson­de­re Umstän­de erschüt­tert wer­den. Inso­weit trägt die begüns­tig­te Ver­trags­par­tei die Dar­le­gungs- und Beweis­last 7.

Liegt ein beson­ders gro­bes Miss­ver­hält­niss von Leis­tung und Gegen­leis­tung nicht vor, bedarf es zusätz­li­cher Umstän­de, aus denen geschlos­sen wer­den kann, der Arbeit­ge­ber habe die Not oder einen ande­ren den Arbeit­neh­mer hem­men­den Umstand in ver­werf­li­cher Wei­se zu sei­nem Vor­teil aus­ge­nutzt. Dafür ist der Arbeit­neh­mer dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Mai 2012 – 5 AZR 268/​11

  1. BAG 22.04.2009 – 5 AZR 436/​08, BAGE 130, 338; 26.04.2006 – 5 AZR 549/​05, BAGE 118, 66; BGH 13.06.2001 – XII ZR 49/​99, NJW 2002, 55, jeweils mwN[]
  2. BAG 22.04.2009 – 5 AZR 436/​08, BAGE 130, 338; 18.04.2012 – 5 AZR 630/​10[]
  3. vgl. BAG 22.04.2009 – 5 AZR 436/​08, aaO; LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern 02.11.2010 – 5 Sa 91/​10[]
  4. vgl. BAG 22.04.2009 – 5 AZR 436/​08, BAGE 130, 338 unter Hin­weis auf BGH 13.06.2001 – XII ZR 49/​99, NJW 2002, 55; BGH 08.03.2012 – IX ZR 51/​11, NJW 2012, 2099; 09.10.2009 – V ZR 178/​08, NJW 2010, 363[]
  5. BGH 09.10.2009 – V ZR 178/​08, aaO[]
  6. BGH 09.10.2009 – V ZR 178/​08, aaO; 08.03.2012 – IX ZR 51/​11, aaO[]
  7. BGH 10.02.2012 – V ZR 51/​11, NJW 2012, 1570; 29.06.2007 – V ZR 1/​06, NJW 2007, 2841[]