Tarif­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel mit Stich­tags­re­ge­lung

Eine soge­nann­te "ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel" i. S. der von der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts hier­zu ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze 1 nor­miert als ein­zi­ges zusätz­li­ches Tat­be­stands­merk­mal für das Ent­ste­hen eines Anspruchs die Mit­glied­schaft in der tarif­schlie­ßen­den Gewerk­schaft.

Tarif­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel mit Stich­tags­re­ge­lung

Die Koali­tio­nen sind jedoch bei der Bestim­mung der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für tarif­lich gere­gel­te Ansprü­che weit­ge­hend frei. Als Maß­stab für die Zuläs­sig­keit von Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln gilt die soge­nann­te "nega­ti­ve Koali­ti­ons­frei­heit", ins­be­son­de­re der nicht orga­ni­sier­ten soge­nann­ten Außen­sei­ter – deren Recht, sich nicht zu Koali­tio­nen zusam­men­zu­schlie­ßen, bestehen­den Koali­tio­nen fern­zu­blei­ben oder bei frü­he­rem Ein­tritt wie­der aus­tre­ten zu dür­fen 2 -.

Die­se Rech­te wer­den durch eine ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel nicht beein­träch­tigt, weil sich die Norm­set­zungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en von Ver­fas­sungs und von Geset­zes wegen aus­schließ­lich auf ihre Mit­glie­der beschränkt und eine nor­ma­ti­ve Wir­kung einer Tarif­re­ge­lung auf Außen­sei­ter grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen ist. Eine ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel schränkt die Hand­lungs- und ins­be­son­de­re Ver­trags­frei­heit des Arbeit­ge­bers nicht ein, da es ihm unbe­nom­men bleibt, sei­ne ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zu nicht oder anders orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mern frei zu gestal­ten und durch­zu­füh­ren. Eben­so wenig kann durch eine sol­che Tarif­norm der Rechts­kreis der nicht oder anders orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mern wirk­sam betrof­fen wer­den. Soweit eine sol­che sich auf das Arbeits­ver­hält­nis von Außen­sei­tern aus­wirkt, beruht dies nicht auf der nor­ma­ti­ven Wir­kung des Tarif­ver­tra­ges, son­dern auf der pri­vat­au­to­nom gestal­te­ten Arbeits­ver­trags­be­zie­hung zwi­schen Arbeit­ge­ber und Außen­sei­ter. Die Beein­träch­ti­gung der nega­ti­ven Koali­ti­ons­frei­heit eines Außen­sei­ters ist des­halb durch die Ver­ein­ba­rung einer Tarif­norm wie einer ein­fa­chen Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen 3.

Bezieht sich die ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel qua tat­be­stand­li­cher Anwend­bar­keit des Ergän­zungs­trans­fer- und Sozi­al­ta­rif­ver­tra­ges allein auf, stich­tags­be­zo­gen defi­nier­te, Gewerk­schafts­mit­glie­der, übt sie des­halb weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar einen unzu­läs­si­gen, gegen die nega­ti­ve Koali­ti­ons­frei­heit ver­sto­ßen­den, Druck auf Außen­sei­ter zum Gewerk­schafts­bei­tritt aus und ist des­halb auch zur Über­zeu­gung der Beru­fungs­kam­mer wirk­sam.

Im vor­lie­gen­den Fall konn­te hier­durch nach Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen auch von vorn­her­ein auch kein Druck auf Außen­sei­ter – wie zum Zeit­punkt der Unterzeichnung/​des Inkraft­tre­tens die­ses Tarif­ver­tra­ges der Klä­ger – gege­ben sein: "Druck" ist von sei­ner Wort­be­deu­tung her die dadurch inten­dier­te (psy­chi­sche) Ver­an­las­sung – Nöti­gung – zu künf­ti­gem Han­deln (bzw. Unter­las­sen eines Tuns). Der Abschluss eines Tarif­ver­tra­ges samt sei­ner hier­in defi­nier­ten zeit­li­chen Anwend­bar­keit allein auf Arbeit­neh­mer, die bereits seit gewis­ser Zeit – seit einem in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Stich­tag – Gewerk­schafts­mit­glie­der sind, schließt einen erst hier­durch aus­ge­lös­ten – logi­scher Wei­se: hier­durch aus­lös­ba­ren, einen dadurch beab­sich­tig­ten "Druck" zu zukünf­ti­gem Han­deln gera­de aus. Eine feh­len­de Gewerk­schafts­mit­glied­schaft zu einem in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Stich­tag ist ein ein­deu­tig fest­ste­hen­des Fak­tum, nicht repa­rier­bar und des­halb gera­de nicht aller­erst hier­durch "druck"-erzeugend!

Auch die Stich­tags­re­ge­lung zur Bestim­mung des per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reichs die­ses Tarif­ver­tra­ges begeg­net kei­nen Beden­ken. Durch den ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­nen Stich­tag wur­de eben ein Zwang oder Druck zum Gewerk­schafts­bei­tritt für Außen­sei­ter wie der Klä­ger aus­ge­schlos­sen. Wie bei jedem Stich­tag wird hier­durch gene­ra­li­siert und typi­siert. So kön­nen unter Bezug­nah­me auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts 4 sol­che Stich­tags­re­ge­lun­gen gerecht­fer­tigt sein, wenn sich die Wahl des Stich­tags und ggf. Refe­renz­zeit­raums am gege­be­nen Sach­ver­halt ori­en­tiert und ver­tret­bar erscheint, die Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­le im Norm­zweck ange­legt sind und die­sem nicht wider­spre­chen.

Hier­nach kann auch die vor­lie­gen­de Stich­tags­klau­sel nicht bean­stan­det wer­den. Der gewähl­te Stich­tag am 23.03.2012 liegt zwölf Kalen­der­ta­ge vor dem Abschluss des Ergän­zungs­trans­fer- und Sozi­al­ta­rif­ver­tra­ges vom 04.04.2012 und damit in einem zeit­li­chen Abstand, der kei­nen Druck auf Außen­sei­ter zum Gewerk­schafts­bei­tritt auch nur indi­zie­ren konn­te, z. B. dadurch, dass – wie ggf. bei einem zum Abschluss des Tarif­ver­tra­ges sehr zeit­na­hen Ter­min – eine "Gerüch­te­kü­che" zwi­schen Ver­hand­lungs­ab­schluss und for­mel­ler Unter­zeich­nung des Tarif­ver­tra­ges etwa einen "Run" auf den Erwerb von infor­mell kom­mu­ni­zier­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen – Gewerk­schafts­bei­tritt – initi­ie­ren könnte/​sollte 5.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Urteil vom 18. Dezem­ber 2014 – – 4 Sa 670/​14

  1. grund­le­gend BAG, U. v. 18.03.2009, a. a. O. – Rzn. 32 f, m. w. N.; sh. auch BAG, U. v. 22.09.2010, a. a. O. – Rz. 27; BAG, U. v. 23.03.2011, 4 AZR 366/​09, AP Nr. 47 zur Art. 9 GG, NZA 2011, S. 920 f – Rzn. 39 f; sh. nun­mehr auch BAG, U. v. 21.08.2013, 4 AZR 861/​11, NZA-RR 2014, S.201 f – Rzn. 21 f, m. w. N.[]
  2. vgl. nur BAG, U. v. 18.03.2009, a. a. O. – Rz. 35[]
  3. vgl. BAG, U. v. 22.09.2010, a. a. O. – Rz. 27; BAG, U. v. 18.03.2009, a. a. O. – Rzn. 46 f[]
  4. vgl. etwa BAG, U. v. 16.05.2012, 10 AZR 256/​11, NZA 2013, S. 112 (LS); U. v. 23.03.2011, 10 AZR 701/​09, ins­be­son­de­re Rzn. 22 f[]
  5. so i. E. auch Däubler/​Heuschmid, RdA 2013, S. 1 f/​5 – unter III. 6.[]