Hin­weis­pflicht eines Steu­er­be­ra­ters auf dro­hen­de Ver­jäh­rung von Regress­an­sprü­chen gegen Vor­be­ra­ter

Ohne geson­der­tes Man­dat ist ein Steu­er­be­ra­ter nicht ver­pflich­tet, die Mög­lich­keit von Regress­an­sprü­chen gegen Vor­be­ra­ter zu prü­fen. Selbst die Erkennt­nis von ersicht­li­chen Fehl­be­ur­tei­lun­gen des Vor­be­ra­ters ver­pflich­tet den nach­fol­gen­den Steu­er­be­ra­ter – anders als einen Rechts­an­walt – nicht dazu, die Ver­jäh­rung mög­li­cher Regress­an­sprü­che zu prü­fen.

Hin­weis­pflicht eines Steu­er­be­ra­ters auf dro­hen­de Ver­jäh­rung von Regress­an­sprü­chen gegen Vor­be­ra­ter

Im hier vom Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te der Man­dant, ein Arzt, sei­ner neu­en Steu­er­be­ra­te­rin einen aus­drück­li­chen Auf­trag, mög­li­che Scha­den­er­satz­an­sprü­che gegen den Vor­be­ra­ter zu prü­fen, nicht erteilt, obwohl er nach dem Bescheid des Finanz­am­tes gehal­ten war zu ent­schei­den, ob er Regress­an­sprü­che gegen den Vor­be­ra­ter prü­fen las­sen will. Denn der Man­dant ging davon aus, sein Erlös für die Ver­äu­ße­rung von Pra­xis­an­tei­len an Dr. A. sei steu­er­be­güns­tigt – das ergibt sich allein schon aus dem Umstand, dass er die neue Steu­er­be­ra­te­rin mit der Ein­spruchs­ein­le­gung beauf­trag­te. Als sich zeig­te, dass die­ser Stand­punkt vom Finanz­amt nicht geteilt und ihm der die Nach­for­de­rung begrün­den­de Bescheid mit­ge­teilt wur­de, kam aus Sicht des Man­dan­ten zwei­er­lei in Betracht:

  • Ent­we­der war der Stand­punkt des Finanz­amts unrich­tig – um dies zu über­prü­fen, stand dem Man­dan­ten der von ihm beschrit­te­ne Ein­spruchs­weg offen.
  • Oder der Vor­be­ra­ter hat­te den Man­dan­ten falsch bera­ten. Auch wenn der Man­dant als steu­er­fach­li­cher und juris­ti­scher Laie selbst sicher­lich nicht beur­tei­len konn­te, ob er falsch bera­ten wor­den war, so konn­te er doch zumin­dest jeman­den mit der Prü­fung die­ser Fra­ge betrau­en. Zu sol­cher Prü­fung hät­te auch die Fra­ge der Ver­jäh­rung etwai­ger Ansprü­che gehört. Der Man­dant betrau­te die neue Steu­er­be­ra­te­rin aber nicht mit die­ser Prü­fung, son­dern mit der Beschrei­tung des ande­ren Weges, des Ein­spruchs gegen den Steu­er­be­scheid.

Der der Steu­er­be­ra­te­rin erteil­te Auf­trag zur Ein­spruchs­ein­le­gung umfass­te auch nicht die Prü­fung von Regress­an­sprü­chen gegen den Vor­be­ra­ter.

Der Umfang der Hin­weis- und Beleh­rungs­pflicht des Steu­er­be­ra­ters wird durch den Gegen­stand und die Reich­wei­te des erteil­ten Man­dats bestimmt 1.Müss­te der Steu­er­be­ra­ter Vor­gän­ge, die ihm ledig­lich bei Gele­gen­heit des erteil­ten Auf­trags bekannt gewor­den sind, jedoch in kei­ner unmit­tel­ba­ren Bezie­hung zu der von ihm über­nom­me­nen Auf­ga­be ste­hen, jeweils dar­auf­hin unter­su­chen, ob sie Ver­an­las­sung zu einem Rat oder Hin­weis an den Man­dan­ten geben, wür­de das zu einer erheb­li­chen Aus­wei­tung der geschul­de­ten Tätig­keit und damit gera­de auf dem kom­ple­xen und unüber­sicht­li­chen Gebiet des Steu­er­rechts zu einer untrag­ba­ren Ver­schär­fung der Anfor­de­run­gen an die ver­trag­li­chen Haupt­leis­tun­gen füh­ren 2. Das der Steu­er­be­ra­te­rin erteil­te Man­dat zur Ein­spruchs­ein­le­gung stand nicht in unmit­tel­ba­rer Bezie­hung zu der Fra­ge, ob dem Man­dan­ten gegen den Vor­be­ra­ter Regress­an­sprü­che zuste­hen. Denn das eine ist eine steu­er­recht­li­che, das ande­re eine zivil­recht­li­che Fra­ge, Geg­ner ist in einem Fall das Finanz­amt, im ande­ren Fall der Vor­be­ra­ter. Die Bezie­hung der Fra­gen beschränk­te sich dar­auf, dass für den Fall, dass der beauf­trag­te Ein­spruch ohne Erfolg blieb, even­tu­ell Regress­an­sprü­che gegen den Vor­be­ra­ter bestan­den.

Für die­ses Ergeb­nis strei­tet auch, dass es selbst bei dem Bestehen von Regress­an­sprü­chen Sache des Man­dan­ten gewe­sen wäre zu ent­schei­den, ob sol­che ver­folgt wer­den sol­len. Dem­entspre­chend konn­te die Steu­er­be­ra­te­rin aus der feh­len­den Ertei­lung des Man­dats, die Mög­lich­keit sol­cher Regress­an­sprü­che zu prü­fen, auch die Schluss­fol­ge­rung zie­hen, dass der Man­dant einen Regress gegen den Vor­be­ra­ter gar nicht wünscht. Dies gilt umso mehr, als der Man­dant in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ober­lan­des­ge­richt bekun­det hat, dass die Been­di­gung des Man­dats von Herrn und der Wech­sel zur Steu­er­be­ra­te­rin allein ört­li­che Grün­de hat­te und nicht auf einer Unzu­frie­den­heit des Man­dan­ten mit der Bera­tung durch Herrn beruh­te.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus einer Hin­weis­pflicht des Steu­er­be­ra­ters auf steu­er­schäd­li­che Gestal­tungs­for­men des Vor­be­ra­ters. Eine sol­che setzt vor­aus, dass die von dem Vor­be­ra­ter gewähl­te recht­li­che Kon­struk­ti­on eine auf den ers­ten Blick ersicht­li­che steu­er­li­che Fehl­ent­schei­dung war 3. Davon konn­te hier aber hier schon des­halb kei­ne Rede sein, weil – wie bereits das Land­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat – die Steu­er­be­ra­te­rin über die Fra­ge der Begüns­ti­gung des Ver­äu­ße­rungs­ge­winns hin­aus nicht erken­nen konn­te, ob eine Gestal­tung, mit der die hier in Rede ste­hen­de Steu­er­pflicht des Man­dan­ten ver­mie­den wor­den wäre, zivil­recht­lich über­haupt hät­te rea­li­siert hät­te wer­den kön­nen, ins­be­son­de­re, ob Dr. A. damit ein­ver­stan­den gewe­sen wäre.

Unge­ach­tet des­sen hat der Bun­des­ge­richts­hof zwar ent­schie­den, dass der Man­dant auf die dro­hen­de Ver­jäh­rung von Ansprü­chen gegen den vor­be­ra­ten­den Steu­er­be­ra­ter auch dann hin­zu­wei­sen ist, wenn das eige­ne Man­dat nur die Ver­tre­tung in einem Finanz­ge­richts­streit umfasst, jedoch ersicht­lich ist, dass bei Ver­lust des Pro­zes­ses Ansprü­che gegen den Vor­be­ra­ter in Betracht kom­men 4. Die­se Ent­schei­dung betrifft jedoch die Pflich­ten eines Rechts­an­walts, nicht die eines Steu­er­be­ra­ters. Soweit Grä­fe die­se Ent­schei­dung auch für die Pflich­ten des Steu­er­be­ra­ters her­an­zieht 5, erfolgt dies ohne Begrün­dung. Die­se Ansicht steht nach Auf­fas­sung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richts aber nicht nur in Wider­spruch zu dem (enge­ren) Maß­stab für Hin­weis­pflich­ten des Steu­er­be­ra­ters. Sie berück­sich­tigt außer­dem nicht, dass es zwi­schen dem Man­dat eines Rechts­an­walts und dem eines Steu­er­be­ra­ters den wesent­li­chen Unter­schied gibt, dass die Ver­fol­gung zivil­recht­li­cher Ansprü­che, zu denen Regress­an­sprü­che gegen den vor­be­ra­ten­den Steu­er­be­ra­ter fal­len, ein­schließ­lich der Beur­tei­lung scha­dens­er­satz­recht­li­cher und ver­jäh­rungs­recht­li­cher Fra­gen zur Kern­tä­tig­keit eines Rechts­an­walts, nicht aber zu der eines Steu­er­be­ra­ters im Sin­ne des § 33 StBerG gehö­ren.

Schles­wig ‑Hol­stei­ni­sches Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 18. Juli 2014 – 17 U 21/​14

  1. BGH, Urteil vom 26.01.1995, IX ZR 10/​94, NJW 1995, 958; BGH, Urteil vom 04.03.1987, IVa ZR 222/​85 15[]
  2. so auch BGH, Urteil vom 26.01.1995 a.a.O.[]
  3. BGH, Urteil vom 26.01.1995, IX ZR 10/​94, NJW 1995, 958; OLG Karls­ru­he, Urteil vom 24.03.2000, 10 U 224/​99[]
  4. BGH v. 29.04.1993, IX ZR 101/​92, NJW 1993, 2045 ff.[]
  5. Gräfe/​Lenzen/​Schmeer, Steu­er­be­ra­ter­haf­tung, 5. Aufl.2014, Rn. 411[]