Auto­fah­ren mit Niqab

Am 19.10.2017 ist die neue Rege­lung des § 23 Abs. 4 Satz 1 StVO in Kraft getre­ten, wonach ein Kraft­fahr­zeug­füh­rer sein Gesicht nicht so ver­hül­len oder ver­de­cken darf, dass er nicht mehr erkenn­bar ist. Einen hier­ge­gen gerich­te­ten Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt abge­lehnt.

Auto­fah­ren mit Niqab

Die Antrag­stel­le­rin rügt eine Ver­let­zung des Art. 4 GG. Sie tra­ge auf­grund ihres isla­mi­schen Glau­bens seit sie­ben Jah­ren einen Gesichts­schlei­er (Niqab). Der­zeit mache sie ihren Füh­rer­schein. Wegen des Ver­hül­lungs­ver­bots sei es ihr nicht mehr mög­lich, die rest­li­chen Fahr­stun­den zu neh­men und dann die prak­ti­sche Fahr­prü­fung abzu­le­gen. Dies habe für sie schwer­wie­gen­de nach­tei­li­ge Fol­gen. Als allein­er­zie­hen­de und auf dem Land leben­de Frau sei sie auf ein Kraft­fahr­zeug ange­wie­sen. Die­se Nach­tei­le müss­ten durch den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung abge­wen­det wer­den, zumal nicht bekannt sei, dass die Iden­ti­fi­zie­rung ver­schlei­er­ter Frau­en bei auto­ma­ti­sier­ten Ver­kehrs­kon­trol­len Pro­ble­me berei­te.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt lehn­te den Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ab:

Zu den Zuläs­sig­keits­an­for­de­run­gen an einen Antrag nach § 32 Abs. 1 BVerfGG gehört die sub­stan­ti­ier­te Dar­le­gung der Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung 1. Dem genügt der Antrag in mehr­fa­cher Hin­sicht nicht.

Der Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung kommt nach dem auch im Ver­fah­ren nach § 32 Abs. 1 BVerfGG zu beach­ten­den Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät nur in Betracht, wenn zuvor alle Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft wur­den, fach­ge­richt­li­chen Eil­rechts­schutz zu erlan­gen 2. Eine sol­che Mög­lich­keit ist den vom Ver­hül­lungs­ver­bot nach § 23 Abs. 4 Satz 1 StVO betrof­fe­nen Kraft­fahr­zeug­füh­rern eröff­net, wenn sie der Auf­fas­sung sind, die­se unmit­tel­bar gel­ten­de ver­ord­nungs­recht­li­che Pflicht ver­sto­ße gegen ihre Grund­rech­te. Sie kön­nen vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten auf eine ent­spre­chen­de Fest­stel­lung kla­gen und in die­sem Zusam­men­hang auch um vor­läu­fi­gen Rechts­schutz ersu­chen 3. Die Antrag­stel­le­rin zeigt nicht auf, dass sie die­sen Rechts­weg aus­ge­schöpft hat.

Zu den Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung gehört fer­ner, dass sich der Antrag in der Haupt­sa­che nicht als von vorn­her­ein unzu­läs­sig oder offen­sicht­lich unbe­grün­det erweist 4. Des­we­gen bedarf es auch inso­weit ent­spre­chen­der Dar­le­gun­gen 5.

Dem Antrag ist nicht zu ent­neh­men, dass eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen nach § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG genüg­te 6. Ins­be­son­de­re setzt sich die Antrag­stel­le­rin nicht ansatz­wei­se mit der Fra­ge aus­ein­an­der, inwie­weit das für Kraft­fahr­zeug­füh­rer gemäß § 23 Abs. 4 Satz 1 StVO gel­ten­de Ver­hül­lungs­ver­bot ihre Glau­bens­frei­heit auch mit Rück­sicht auf etwai­ge wider­strei­ten­de Grund­rech­te Drit­ter oder Gemein­schafts­wer­te von Ver­fas­sungs­rang ver­let­zen könn­te 7. Hier­zu hät­te es einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ziel die­ses Ver­bo­tes bedurft, die Fest­stell­bar­keit der Iden­ti­tät von Kraft­fahr­zeug­füh­rern bei auto­ma­ti­sier­ten Ver­kehrs­kon­trol­len zu sichern, um die­se bei Rechts­ver­stö­ßen her­an­zie­hen zu kön­nen 8. Dies gilt umso mehr, als eine effek­ti­ve Ver­kehrs­über­wa­chung wie auch die Gewähr­leis­tung der unge­hin­der­ten Rund­um­sicht von Kraft­fahr­zeug­füh­rern dem Schutz ande­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer dient. Die Antrag­stel­le­rin beschränkt sich hin­ge­gen auf die weder von ihr beleg­te noch über­haupt nach­voll­zieh­ba­re Behaup­tung, auch Frau­en mit einem Gesichts­schlei­er könn­ten bei auto­ma­ti­sier­ten Ver­kehrs­kon­trol­len iden­ti­fi­ziert wer­den.

Die Antrag­stel­le­rin hat es schließ­lich ver­säumt, zumin­dest im Sin­ne einer Plau­si­bi­li­täts­kon­trol­le nach­prüf­bar und indi­vi­dua­li­siert 9 dar­zu­le­gen, dass ihr durch die Pflicht nach § 23 Abs. 4 Satz 1 StVO ein schwe­rer Nach­teil im Sin­ne des § 32 Abs. 1 BVerfGG ent­steht. Dabei ist zu beach­ten, dass die inso­fern gestell­ten Anfor­de­run­gen für die Beur­tei­lung der Vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 1 BVerfGG noch­mals stren­ger sind, wenn der Voll­zug einer Rechts­norm aus­ge­setzt wer­den soll 10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Febru­ar 2018 – 1 BvQ 6/​18

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.12 2017 – 1 BvR 1780/​17 4 m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvQ 42/​13 1; BVerfG, Beschluss vom 24.03.2014 – 1 BvQ 9/​14 2[]
  3. vgl. hier­zu BVerfGE 115, 81, 95 f.; BVerfGK 1, 107, 109; Schoch, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO § 123 Rn. 35[]
  4. vgl. BVerfGE 89, 38, 44; 118, 111, 122; 130, 367, 369; stRspr[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.08.2015 – 1 BvQ 28/​15 2; Beschluss vom 27.11.2015 – 2 BvQ 43/​15 2; Beschluss vom 20.12 2017 – 2 BvQ 86/​17[]
  6. vgl. dazu BVerfGK 20, 327, 329[]
  7. vgl. BVerfGE 93, 1, 21; 108, 282, 297; 138, 296, 333 Rn. 98 jeweils m.w.N.[]
  8. vgl. BR-Drs. 556/​17, S. 2, 14[]
  9. vgl. BVerfGE 106, 351, 357; BVerfGK 7, 188, 192[]
  10. vgl. BVerfGE 6, 1, 4; 64, 67, 69; 81, 53, 54[]
  11. BAG 12.10.2010 – 9 AZR 554/​09, Rn. 28[]