Der euro­päi­sche Feld­hams­ter

Frank­reich hat bis 2008 kei­ne aus­rei­chen­den Maß­nah­men zum Schutz des Feld­hams­ters im Elsass getrof­fen. Die­se Erkennt­nis ver­dan­ken wir dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass in einem des­we­gen von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on gegen Frank­reich ange­streng­tem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ent­schied, dass die Habi­tatricht­li­nie von den Mit­glied­staa­ten ver­langt, einen stren­gen Schutz die­ser Art sicher­zu­stel­len, um tat­säch­lich jede Beschä­di­gung oder Ver­nich­tung der Fort­pflan­zungs- oder Ruhe­stät­ten zu ver­hin­dern.

Der euro­päi­sche Feld­hams­ter

Die EU-Kom­mis­si­on hat­te den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ange­ru­fen, weil sie die Auf­fas­sung ver­tritt, dass Frank­reich gegen eini­ge sei­ner Ver­pflich­tun­gen aus der Habi­tatricht­li­nie 1, die die Erhal­tung der bio­lo­gi­schen Viel­falt för­dern sol­len, ver­sto­ßen hat, indem es kein Pro­gramm von Maß­nah­men auf­ge­stellt hat, die einen stren­gen Schutz des Feld­hams­ters ermög­li­chen.

Eine sol­che Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge, die sich gegen einen Mit­glied­staat rich­tet, der gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Uni­ons­recht ver­sto­ßen hat, kann von der Kom­mis­si­on oder einem ande­ren Mit­glied­staat erho­ben wer­den. Stellt der Gerichts­hof die Ver­trags­ver­let­zung fest, hat der betref­fen­de Mit­glied­staat dem Urteil unver­züg­lich nach­zu­kom­men. Das Vor­lie­gen der Ver­trags­ver­let­zung ist anhand der Situa­ti­on beur­teilt wor­den, wie sie sich bei Ablauf der in der mit Grün­den ver­se­he­nen Stel­lung­nah­me gesetz­ten Frist, d. h. am 5. August 2008, dar­stell­te.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on wirft Frank­reich vor, bis 2008 kei­ne aus­rei­chen­den Maß­nah­men getrof­fen zu haben, um im Elsass (Frank­reich), der ein­zi­gen Regi­on, in der der Feld­hams­ter vor­kommt, einen stren­gen Schutz die­ser Art sicher­zu­stel­len, die durch die ungüns­ti­ge land­wirt­schaft­li­che Pra­xis und Ent­wick­lung des Städ­te­baus, die sei­ne Fort­pflan­zungs- und Ruhe­stät­ten stö­ren, kurz­fris­tig vom Aus­ster­ben bedroht ist.

In sei­nem Urteil ent­schied nun der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass die Maß­nah­men, die Frank­reich zum Schutz des Feld­hams­ters im Elsass bis zum 5. August 2008 durch­ge­führt hat­te, nicht aus­reich­ten, um einen stren­gen Schutz der Art sicher­zu­stel­len.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof ver­weist hier­zu dar­auf, dass die Habi­tatricht­li­nie von den Mit­glied­staa­ten ver­langt, Maß­nah­men zu tref­fen, um ein stren­ges Schutz­sys­tem der Tier­ar­ten „von gemein­schaft­li­chem Inter­es­se“, zu denen der Feld­hams­ter gehört, ein­zu­füh­ren. Ein sol­ches Sys­tem muss also im Stan­de sein, tat­säch­lich die Beschä­di­gung oder Ver­nich­tung der Fort­pflan­zungs- oder Ruhe­stät­ten der in der Richt­li­nie genann­ten Tier­ar­ten zu ver­hin­dern. Den Akten ist zu ent­neh­men, dass zwi­schen 2001 und 2007 die Zahl der Feld­hams­ter­baue (ein Bau steht für ein Tier) in den „Kern­zo­nen“ von 1 160 auf weni­ger als 180 zurück­ge­gan­gen ist, wohin­ge­gen die Schwel­le der über­le­bens­fä­hi­gen Min­dest­po­pu­la­ti­on bei 1 500 Exem­pla­ren liegt, ver­teilt auf einem zusam­men­hän­gen­den Gebiet von 600 Hekt­ar bei güns­ti­gen Boden­ver­hält­nis­sen.

Nach die­ser Fest­stel­lung unter­sucht der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Maß­nah­men, die Frank­reich durch­ge­führt hat, um auf die bei­den Ursa­chen für den Rück­gang des Feld­hams­ters, näm­lich eine bestimm­te land­wirt­schaft­li­che Pra­xis und die Ent­wick­lung des Städ­te­baus, ein­zu­wir­ken.

Hin­sicht­lich der land­wirt­schaft­li­chen Pra­xis räumt Frank­reich ein, dass der ver­stärk­te Anbau von Mais für den Feld­hams­ter ver­häng­nis­voll gewe­sen und die­se Ent­wick­lung im Elsass nicht voll­stän­dig auf­ge­hal­ten wor­den sei.

Um nun in die­ser Situa­ti­on Abhil­fe zu schaf­fen, wur­den drei prio­ri­tä­re Akti­ons­zo­nen (zones d'action prio­ri­taire – ZAP – ) geschaf­fen, in denen auf jeg­li­che Boden­nut­zungs­än­de­run­gen, sofern sie nicht mit der Land­wirt­schaft zusam­men­hän­gen, ver­zich­tet und als Ziel ein Anteil von 22 % bei den für den Feld­hams­ter güns­ti­gen Anbau­kul­tu­ren, näm­lich 2 % Luzer­ne und 20 % Halm­ge­trei­de, fest­ge­legt wur­den, um schließ­lich eine lebens­fä­hi­ge Popu­la­ti­on von ca. 1 200 bis 1 500 Exem­pla­ren pro Zone zu errei­chen.

Das ers­te Akti­ons­ge­biet besteht aus den drei ZAP, näm­lich Geis­pols­heim-Blaes­heim-Innen­heim, Scot du Pié­mont des Vos­ges-Ober­nai und Grus­sen­heim-Elsen­heim. Das zwei­te Akti­ons­ge­biet ent­spricht dem Wie­der­be­sie­de­lungs­ge­biet, d. h. 49 % der his­to­risch vom Hams­ter genutz­ten güns­ti­gen Flä­chen, und das drit­te Akti­ons­ge­biet ent­spricht dem his­to­ri­schen Gebiet, d. h. 89 % der his­to­risch vom Hams­ter genutz­ten güns­ti­gen Flä­chen.

Die­se Agrar­um­welt­maß­nah­men sind zwar geeig­net, die land­wirt­schaft­li­che Pra­xis in eine für die­se Art güns­ti­ge Bahn zu len­ken, ins­be­son­de­re durch die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung von Land­wir­ten, um den Anbau von Luzer­ne und Win­ter­ge­trei­den stär­ker zu för­dern, doch es zeigt sich, dass das Ziel von 22 % bei den für die­se Art güns­ti­gen Anbau­kul­tu­ren im Jahr 2008 erst in einem der drei ZAP erreicht wor­den ist, die im Übri­gen nur 2 % aller für den Feld­hams­ter güns­ti­gen Flä­chen im Elsass aus­ma­chen.

In die­sem Zusam­men­hang schlu­gen die fran­zö­si­schen Behör­den außer­dem eine Ände­rung des Umfangs der ZAP vor, ins­be­son­de­re um die in deren Nähe gele­ge­nen Abschnit­te, die Hams­ter beher­berg­ten, mit ein­zu­be­zie­hen. Zudem erklär­ten die fran­zö­si­schen Behör­den der Kom­mis­si­on gegen­über, dass die Anpas­sungs­dy­na­mik der land­wirt­schaft­li­chen Pra­xis in dem – nach den Anga­ben Frank­reichs 49 % der für die Art güns­ti­gen Flä­chen umfas­sen­den – „Wie­der­be­sie­de­lungs­ge­biet“, die zur unbe­streit­ba­ren Sta­bi­li­sie­rung des Bestands der Art bei­getra­gen habe, erwei­tert und ver­stärkt wür­de, und zwar ins­be­son­de­re durch die Durch­füh­rung ter­ri­to­ri­al fest­ge­leg­ter Agrar­um­welt­maß­nah­men, durch die im Lau­fe des Jah­res 2011 ein Anteil von 22 % bei den für die­se Art güns­ti­gen Anbau­kul­tu­ren erreicht wer­den soll.

Hin­sicht­lich der Ent­wick­lung des Städ­te­baus stellt der Gerichts­hof ers­tens fest, dass das Ver­bot jeder neu­en Bebau­ung in den ZAP, selbst wenn es tat­säch­lich zwin­gend wäre, nur 2 % aller für den Feld­hams­ter güns­ti­gen Flä­chen betrifft.

Zwei­tens muss im „Wie­der­be­sie­de­lungs­ge­biet“ für jedes Städ­te­bau­vor­ha­ben, das sich über eine Flä­che von einem Hekt­ar oder mehr erstreckt, durch eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die des­sen Unschäd­lich­keit für die­se Art nach­ge­wie­sen wer­den. Wenn die­ser Beweis nicht erbracht wird, kann das Vor­ha­ben nur mit einer minis­te­ri­el­len Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung ver­wirk­licht wer­den. Zum einen sind jedoch die Vor­aus­set­zun­gen für eine Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nicht genau fest­ge­legt und zum ande­ren wird im Fal­le einer sol­chen Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung kei­ne Aus­gleichs­maß­nah­me ver­langt.

Drit­tens unter­la­gen die Städ­te­bau­vor­ha­ben, die eine Flä­che von weni­ger als einem Hekt­ar bean­spru­chen, am 5. August 2008 kei­ner For­ma­li­tät, durch die hät­te über­prüft wer­den kön­nen, dass die­se Vor­ha­ben auf die Erhal­tung des Feld­hams­ters kei­ne Aus­wir­kung haben.

Folg­lich stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Maß­nah­men, die Frank­reich bis 2008 durch­ge­führt hat­te, nicht aus­reich­ten, um die Beschä­di­gung oder die Ver­nich­tung der Fort­pflan­zungs- oder Ruhe­stät­ten des Feld­hams­ters tat­säch­lich zu ver­hin­dern.

Hin­ge­gen wies der Euro­päi­sche Gerichts­hof die Rüge der Kom­mis­si­on, dass das Akti­ons­pro­gramm für die Jah­re 2008 bis 2010 zur Ein­schrän­kung der Nitrat­be­las­tung unzu­läng­lich sei, mit der Begrün­dung zurück, dass die Kom­mis­si­on den Zusam­men­hang zwi­schen der Ver­wen­dung von Nitra­ten in der Land­wirt­schaft und der Beschä­di­gung oder Ver­nich­tung der Fort­pflan­zungs- oder Ruhe­stät­ten des Feld­hams­ters recht­lich nicht hin­rei­chend dar­ge­tan hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 9. Juni 2011 – C‑383/​09 [Kom­mis­si­on /​Frank­reich]

  1. Richt­li­nie 92/​43/​EWG des Rates vom 21.05.1992 zur Erhal­tung der natür­li­chen Lebens­räu­me sowie der wild­le­ben­den Tie­re und Pflan­zen (ABl. L 206, S. 7) in der durch die Richt­li­nie 2006/​105/​EG des Rates vom 20.11.2006 geän­der­ten Fas­sung (ABl. L 363, S. 368).[]