Der Tagungs­ort des Euro­pa­par­la­ments

Der Sitz des Euro­päi­schen Par­la­ments ist Straß­burg, nicht Brüs­sel. Und ganz im Sin­ne der euro­päi­schen Kirch­turm­po­li­tik wacht die Fran­zö­si­sche Repu­blik dar­über, dass das Euro­pa­par­la­ment auch ja jeden Monat min­des­tens ein­mal in Straß­bourg – und nicht etwa wie die ande­ren EU-Orga­ne in Brüs­sel – tagt. Not­falls wird von Frank­reich sogar der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bemüht, um fest­zu­stel­len, dass das Euro­päi­sche Par­la­ment nicht genug auf fran­zö­sisch getagt hat.

Der Tagungs­ort des Euro­pa­par­la­ments

Und so hat jetzt wie­der ein­mal der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Beschlüs­se des Euro­päi­schen Par­la­ments über den Tagungs­ka­len­der des Par­la­ments für die Jah­re 2012 und 2013 für nich­tig erklärt, da die bei­den Ple­nar­ta­gun­gen, in die das Par­la­ment die Ple­nar­ta­gung vom Okto­ber 2012 und vom Okto­ber 2013 auf­ge­teilt hat, nicht jeweils für sich als monat­li­che Ple­nar­ta­gung ange­se­hen wer­den kön­nen.

Welch unge­heu­rer Vor­gang war gesche­hen? Das Euro­päi­sche Par­la­ment, des­sen Sitz in Straß­burg fest­ge­legt ist, ist auf­grund der Ver­trä­ge ver­pflich­tet, pro Jahr zu zwölf monat­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen – ein­schließ­lich der Haus­halts­ta­gung – zusam­men­zu­tre­ten, ohne dass die Dau­er die­ser Ple­nar­ta­gun­gen vor­ge­ge­ben wäre. Als Aus­gleich für die im August aus­fal­len­de Ple­nar­ta­gung fin­den tra­di­ti­ons­ge­mäß im Okto­ber zwei Ple­nar­ta­gun­gen in Straß­burg statt. In der Pra­xis des Par­la­ments wer­den die ordent­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen von vier Tagen Dau­er in Straß­burg abge­hal­ten, wäh­rend zusätz­li­che Tagun­gen in Brüs­sel statt­fin­den.

Die­se "Sitz­ver­tei­lung" beruht auf dem 20 Jah­re alten "Beschluss von Edin­burgh": Im Jahr 1992 fass­ten die Regie­run­gen der Mit­glied­staa­ten auf dem Gip­fel von Edin­burgh den „Beschluss von Edin­burgh“ über die Fest­le­gung der Sit­ze der Orga­ne und bestimm­ter Ein­rich­tun­gen und Dienst­stel­len der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten. Auf der Regie­rungs­kon­fe­renz, die zur Annah­me des Ver­trags von Ams­ter­dam geführt hat, wur­de beschlos­sen, den Beschluss von Edin­burgh den Ver­trä­gen bei­zu­fü­gen. Gegen­wär­tig wird der Wort­laut des Beschlus­ses von Edin­burgh (Art. 1 Buchst. a) in dem dem EUV und dem AEUV jeweils bei­gefüg­ten Pro­to­koll Nr. 6 sowie in dem dem EAGV bei­gefüg­ten Pro­to­koll Nr. 3 wie­der­ge­ge­ben.

Auf­grund zwei­er vom Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Fox ein­ge­brach­ter Ände­rungs­an­trä­ge änder­te das Par­la­ment mit zwei am 9. März 2011 ange­nom­me­nen Beschlüs­sen den Tagungs­ka­len­der für die Jah­re 2012 und 2013. Zum einen wur­de eine der bei­den vier­tä­gi­gen Ple­nar­ta­gun­gen vom Okto­ber 2012 und vom Okto­ber 2013 in Straß­burg gestri­chen. Zum ande­ren wur­den die ver­blie­be­nen Ple­nar­ta­gun­gen in den Mona­ten Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013 zwei­ge­teilt: So waren für die Woche vom 22. bis 25. Okto­ber 2012 und für die Woche vom 21. bis 24. Okto­ber 2013 zwei ein­zel­ne Ple­nar­ta­gun­gen von jeweils zwei Tagen Dau­er in Straß­burg vor­ge­se­hen.

Das war natür­lich zuviel für das leid­ge­plag­te Euro­päi­sche Herz Frank­reichs. Und so wand­te sich Frank­reich, unter­stützt von Luxem­burg, an den – bekannt­lich sowie­so unter Unter­be­schäf­ti­gung lei­den­den – Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, um die­se bei­den Beschlüs­se des Par­la­ments für nich­tig erklä­ren zu las­sen. Schließ­lich muss fran­zö­sisch blei­ben, was Frank­reich gebührt – auch wenn Euro­pa drauf­steht!

Mit Unter­stüt­zung Luxem­burgs macht Frank­reich gel­tend, dass die Beschlüs­se gegen die Ver­trä­ge und gegen die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ver­stie­ßen. Es wirft dem Par­la­ment ins­be­son­de­re vor, die regel­mä­ßi­gen Zeit­ab­stän­de der Ple­nar­ta­gun­gen dadurch unter­bro­chen zu haben, dass es zusätz­li­che Tagun­gen in Brüs­sel ange­setzt habe, obwohl nur elf Ple­nar­ta­gun­gen in Straß­burg vor­ge­se­hen sei­en.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil erklärt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Beschlüs­se des Euro­päi­schen Par­la­ments vom 9. März 2011 für nich­tig. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof weist auf sei­ne Recht­spre­chung zur Aus­le­gung des Beschlus­ses von Edin­burgh hin, der wort­gleich in die Pro­to­kol­le über die Sit­ze der Orga­ne über­nom­men wur­de. Mit Urteil von 1997 1 hat der Euro­päi­schen Gerichts­hof den Zusam­men­hang zwi­schen der Zustän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Fest­le­gung des Sit­zes des Par­la­ments in Straß­burg und der­je­ni­gen des Par­la­ments für sei­ne inter­ne Orga­ni­sa­ti­on erläu­tert. So hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof aus­ge­führt, dass die Mit­glied­staa­ten zum Aus­druck brin­gen woll­ten, dass der – in Straß­burg fest­ge­leg­te – Sitz des Par­la­ments den Ort dar­stellt, an dem in regel­mä­ßi­gen Zeit­ab­stän­den zwölf ordent­li­che Ple­nar­ta­gun­gen ein­schließ­lich der­je­ni­gen, auf denen das Par­la­ment die ihm durch den Ver­trag zuge­wie­se­nen Haus­halts­be­fug­nis­se aus­zu­üben hat, abzu­hal­ten sind. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat außer­dem fest­ge­stellt, dass zusätz­li­che Ple­nar­ta­gun­gen nur dann an einem ande­ren Arbeits­ort fest­ge­legt wer­den kön­nen, wenn das Par­la­ment die zwölf ordent­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen in Straß­burg abhält. Die Mit­glied­staa­ten haben dadurch, dass sie den Sitz des Par­la­ments in Straß­burg fest­ge­legt haben, nicht des­sen inter­ne Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt beein­träch­tigt.

Es steht fest, dass das Par­la­ment mit den Beschlüs­sen vom März 2011 von den Ent­wür­fen der
Kon­fe­renz der Prä­si­den­ten abge­wi­chen ist, soweit es die monat­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen für die
Mona­te Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013 betrifft. Aus die­sen Beschlüs­sen ergibt sich, dass die für
Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013 vor­ge­se­he­nen monat­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen von jeweils vier
Tagen durch zwei Ple­nar­ta­gun­gen von jeweils zwei Tagen ersetzt wur­den. Es ist daher
fest­zu­stel­len, dass die in die­sen Beschlüs­sen der­ge­stalt für Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013
vor­ge­se­he­nen Ple­nar­ta­gun­gen nicht den sich aus den Pro­to­kol­len über die Sit­ze der
Orga­ne erge­ben­den Anfor­de­run­gen ent­spre­chen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on führt in sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil ers­tens aus, dass die ange­foch­te­nen Beschlüs­se in Anbe­tracht ihrer Ent­ste­hungs­ge­schich­te, des Wort­lauts der ihnen zugrun­de lie­gen­den Ände­run­gen und der Pra­xis des Par­la­ments, wie sie sich aus der Tages­ord­nung der Ple­nar­ta­gun­gen des Monats Okto­ber 2012 ergibt, objek­tiv zu einer erheb­li­chen Ver­kür­zung der Zeit füh­ren, die das Par­la­ment sei­nen Debat­ten oder Bera­tun­gen im Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013 wid­men kann. Im Ver­hält­nis zu den ordent­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen wird die Zeit, die für die Tagun­gen in die­sen Mona­ten tat­säch­lich zur Ver­fü­gung steht, näm­lich um über die Hälf­te ver­kürzt.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist zwei­tens dar­auf hin, dass zusätz­li­che Ple­nar­ta­gun­gen nur dann vor­ge­se­hen wer­den dür­fen, wenn tat­säch­lich zwölf ordent­li­che Ple­nar­ta­gun­gen in regel­mä­ßi­gen Zeit­ab­stän­den in Straß­burg abge­hal­ten wer­den. Eine Ple­nar­ta­gung fällt nur dann in die Kate­go­rie der „ordent­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen“, wenn sie den ande­ren ordent­li­chen monat­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen ent­spricht, die gemäß den Ver­trä­gen fest­ge­legt wur­den, ins­be­son­de­re in Bezug auf die Dau­er der Tagun­gen selbst. Die in den ange­foch­te­nen Beschlüs­sen fest­ge­leg­ten Ple­nar­ta­gun­gen der Mona­te Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013 ent­spre­chen hin­sicht­lich ihrer Dau­er nicht den ande­ren ordent­li­chen monat­li­chen Ple­nar­ta­gun­gen, die in die­sen Beschlüs­sen fest­ge­legt wur­den.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on führt drit­tens aus, dass das Par­la­ment kei­ne Grün­de im Zusam­men­hang mit der Aus­übung sei­ner inter­nen Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt vor­ge­bracht hat, die es – trotz sei­ner ste­tig wach­sen­den Befug­nis­se – recht­fer­ti­gen wür­den, die Dau­er der bei­den Ple­nar­ta­gun­gen der Mona­te Okto­ber 2012 und Okto­ber 2013 erheb­lich zu ver­kür­zen. Inso­weit ist der Gerichts­hof ins­be­son­de­re der Auf­fas­sung, dass auf­grund der Bedeu­tung, die der Haus­halts­ta­gung zukommt, die Ver­kür­zung einer Ple­nar­ta­gung nicht damit gerecht­fer­tigt wer­den kann, dass sich die Haus­halts­ta­gung in der Pra­xis nun­mehr inner­halb kur­zer Zeit abschlie­ßen las­se. Der Gerichts­hof hebt her­vor, dass die Aus­übung der Haus­halts­zu­stän­dig­keit durch das Par­la­ment, die es in Ple­nar­sit­zung wahr­nimmt, ein grund­le­gen­des Ele­ment des demo­kra­ti­schen Lebens der Euro­päi­schen Uni­on dar­stellt und daher mit der gan­zen Auf­merk­sam­keit, Genau­ig­keit und Ener­gie erfol­gen muss, die eine sol­che Ver­ant­wor­tung erfor­dert. Die Aus­übung die­ser Zustän­dig­keit bedarf ins­be­son­de­re einer öffent­li­chen Erör­te­rung in Ple­nar­sit­zung, die es den Uni­ons­bür­gern ermög­licht, von den unter­schied­li­chen zum Aus­druck gebrach­ten poli­ti­schen Aus­rich­tun­gen Kennt­nis zu neh­men und sich damit eine poli­ti­sche Mei­nung über die Hand­lun­gen der Uni­on zu bil­den.

Schließ­lich stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass es, selbst wenn die Plu­ra­li­tät der Arbeits­or­te tat­säch­lich die vom Par­la­ment geschil­der­ten Nach­tei­le und Kos­ten ver­ur­sa­chen soll­te, weder Sache des Par­la­ments noch des Gerichts­hofs ist, inso­weit Abhil­fe zu schaf­fen, son­dern gege­be­nen­falls Sache der Mit­glied­staa­ten in Aus­übung ihrer Zustän­dig­keit, den Sitz der Orga­ne fest­zu­le­gen.

Daher sind die Beschlüs­se vom 9. März 2011 für nich­tig zu erklä­ren, soweit sie für die Jah­re 2012 und 2013 kei­ne zwölf monat­li­chen Ple­nar­sit­zun­gen in Straß­burg vor­se­hen. Bas­ta.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 13. Dezem­ber 2012 – C‑237/​11 und C‑238/​11 [Frank­reich /​Par­la­ment]

  1. EuGH, Urteil vom 01.10.1997 – C‑345/​95 [Frank­reich /​Par­la­ment][]