Rechts­be­schwer­de gegen die Ent­las­sung eines Betreu­ers

Die Ent­las­sung des bis­he­ri­gen Betreu­ers gemäß § 1908 b Abs. 1 BGB wird nicht von den §§ 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, 271 Nr. 1 FamFG erfasst. Des­halb ist die Rechts­be­schwer­de gegen einen Beschluss des Beschwer­de­ge­richts in einem sol­chen Ver­fah­ren ohne Zulas­sung nicht statt­haft 1.

Rechts­be­schwer­de gegen die Ent­las­sung eines Betreu­ers

Gegen­stand des Beschwer­de­ver­fah­rens kann grund­sätz­lich nur der Ver­fah­rens­ge­gen­stand sein, über den im ers­ten Rechts­zug ent­schie­den wor­den ist 2.

Nach § 70 Abs. 1 FamFG ist die Rechts­be­schwer­de eines Betei­lig­ten statt­haft, wenn sie das Beschwer­de­ge­richt oder das Ober­lan­des­ge­richt im ers­ten Rechts­zug in dem Beschluss zuge­las­sen hat. Nach § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FamFG ist die Rechts­be­schwer­de gegen einen Beschluss des Beschwer­de­ge­richts auch ohne Zulas­sung u.a. in Betreu­ungs­sa­chen zur Bestel­lung eines Betreu­ers sowie zur Auf­he­bung einer Betreu­ung statt­haft.

Die Rege­lung des § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FamFG, die eine Rechts­be­schwer­de auch ohne Zulas­sung erlaubt, knüpft an die gleich lau­ten­de Defi­ni­ti­on des Begriffs der Betreu­ungs­sa­chen in § 271 Nr. 1 und 2 FamFG an. Die dort genann­ten Ver­fah­rens­ge­gen­stän­de sind von beson­de­rer Bedeu­tung, weil durch sie regel­mä­ßig in gra­vie­ren­dem Maße in höchst­per­sön­li­che Rech­te der Betei­lig­ten ein­ge­grif­fen wird. Dies woll­te der Gesetz­ge­ber mit der Dif­fe­ren­zie­rung in § 271 FamFG deut­lich machen. Da er mit der Rege­lung des § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FamFG gera­de für Betreu­ungs­sa­chen mit beson­ders hoher Ein­griffs­in­ten­si­tät in höchst­per­sön­li­che Rech­te der Betei­lig­ten einen zulas­sungs­frei­en Zugang zum Bun­des­ge­richts­hof schaf­fen woll­te, folgt aus der Ver­knüp­fung der bei­den Vor­schrif­ten, dass eine Rechts­be­schwer­de ohne Zulas­sung durch das Beschwer­de­ge­richt in allen Ver­fah­ren statt­haft ist, die von § 271 Nr. 1 und 2 FamFG erfasst wer­den 3.

Betreu­ungs­sa­chen zur Bestel­lung eines Betreu­ers im Sin­ne der §§ 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, 271 Nr. 1 FamFG sind Ver­fah­ren nach § 1896 BGB. Dabei kann es sich sowohl um ein Erst­ver­fah­ren als auch um ein Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren han­deln, für das § 295 Abs. 1 FamFG eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrif­ten über die erst­ma­li­ge Anord­nung die­ser Maß­nah­me, also der §§ 1896 ff. BGB, anord­net 4. Die beson­ders hohe Ein­griffs­in­ten­si­tät ergibt sich bei die­sen Ver­fah­ren dar­aus, dass mit der Bestel­lung des Betreu­ers zugleich die Anord­nung der Betreu­ung selbst ein­her­geht. Denn § 1896 BGB unter­schei­det nicht zwi­schen Anord­nung der Betreu­ung und Bestel­lung eines Betreu­ers; viel­mehr ist eine Ein­heits­ent­schei­dung zu tref­fen 5.

Dem­ge­gen­über bezieht sich die hier in Rede ste­hen­de Norm des § 1908 b Abs. 1, 3 BGB, die die Rechts­grund­la­ge für die Ent­las­sung des Betreu­ers dar­stellt, nur auf die­je­ni­gen Fäl­le, in denen bei fort­be­stehen­der Betreu­ung eine iso­lier­te Ent­schei­dung über die Been­di­gung des Amtes des bis­he­ri­gen Betreu­ers getrof­fen wer­den soll 6. Die Ent­las­sung des bis­he­ri­gen Betreu­ers berührt also nicht den Fort­be­stand der Betreu­ung als sol­che 7. Die­ses Ver­fah­ren wird des­halb auch nicht von den §§ 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, 271 Nr. 1 FamFG erfasst; viel­mehr fällt es unter die Auf­fang­norm des § 271 Nr. 3 FamFG 8.

Da die Ent­las­sung des Betreu­ers gemäß § 1908 b BGB nicht die Auf­he­bung der Betreu­ung nach sich zieht, kommt auch eine zulas­sungs­freie Rechts­be­schwer­de nach § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 02. Alt. FamFG nicht in Betracht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Mai 2011 – XII ZB 671/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 09.02.2011 – XII ZB 364/​10, Fam­RZ 2011, 632[]
  2. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 05.01.2011 – XII ZB 240/​10, Fam­RZ 2011, 367[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2011 – XII ZB 364/​10, Fam­RZ 2011, 632 Rn. 7; und vom 15.09. 2010 – XII ZB 166/​10, Fam­RZ 2010, 1897 Rn. 8 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 15.09.2010 – XII ZB 166/​10, Fam­RZ 2010, 1897 Rn. 9[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2011 – XII ZB 364/​10, Fam­RZ 2011, 632 Rn. 8; und vom 15.09.2010 – XII ZB 166/​10, Fam­RZ 2010, 1897 Rn. 10[]
  6. BGH, Beschluss vom 15.09. 2010 – XII ZB 166/​10, Fam­RZ 2010, 1897 Rn. 17[]
  7. Palandt/​Diederichsen, BGB, 70. Aufl., § 1908 b Rn. 1[]
  8. BGH, Beschluss vom 09.02.2011 – XII ZB 364/​10, Fam­RZ 2011, 632 Rn. 9 mwN[]