„Sexualisierte“ Verhaltensweisen von Kindern

„Sexualisierte“ Verhaltensweisen von Kindern können je nach den konkreten Umständen auch Ausdruck eines Entwicklungs- und Reifeprozesses sein, sie sind nicht zwangsläufig Anzeichen für einen sexuellen Missbrauch.

„Sexualisierte“ Verhaltensweisen von Kindern

Dabei ist zunächst zu berücksichtigen, dass Kinder von ihrer Geburt an sexuelle Wesen sind. Sie erforschen ihren eigenen Körper und den des anderen Geschlechts. Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr wandelt sich allmählich das Verhältnis zu den Eltern. Mutter und Vater werden zu sexuell interessanten Liebesobjekten. In diesem Alter buhlt die Tochter mit der Mutter um den Vater, kämpft der Sohn mit seinem Vater um die Mutter. Dabei neigen Jungen im Alter zwischen drei und sechs Jahren dazu, gegenüber dem anderen Geschlecht mit ihren Genitalien zu prahlen. Gleichzeitig schnappen sie mit Begeisterung „verbotene“ Worte auf1. Die von der Antragsgegnerin beschriebenen „sexualisierten“ Äußerungen und Verhaltensweisen können hiernach als Ausdruck eines Entwicklungs- und Reifeprozesses des Kindes verstanden werden, dagegen sind sie nicht zwangsläufig Anzeichen für sexuellen Missbrauch.02.06.02. Daneben fällt bei der Würdigung der Aussagen des Kindes ins Gewicht, dass sich in der Vorstellungswelt von Kindern im Alter von M. manches in einer anderen Wertigkeit abspielt, als dies tatsächlich der Fall ist. Kleinkinder sind zudem erhöht suggestibel, d.h., ihre Erinnerungsfähigkeit ist leicht beeinflussbar, und es gelingt ihnen unzureichend, zwischen Selbsterlebtem einerseits und Gehörtem und aufgedrängten Interpretationen von Erwachsenen andererseits zu differenzieren. Sie neigen ferner dazu, solche Aussagen zu widerholen, auf die der jeweilige Elternteil mit besonderer Aufmerksamkeit reagiert2. Die Verfahrensbeiständin hat daher im Oberlandesgerichtstermin am 11.04.2013 zu Recht darauf hingewiesen, dass die Antragsgegnerin „nicht alles für bare Münze nehmen könne“, was das Kind zu ihr gesagt habe.

Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur gemeinsamen elterlichen Sorge nicht verheirateter Eltern vom 21.07.20103 ist die streitentscheidende Bestimmung des § 1626a BGB a.F. bis zum Inkrafttreten ihrer Neufassung am 19.05.20134 mit der Maßgabe weiter anzuwenden, dass das Familiengericht den Eltern auf Antrag eines Elternteils die elterliche Sorge gemeinsam überträgt, soweit zu erwarten ist, dass dies dem Kindeswohl entspricht. Durch diesen Prüfungsmaßstab ist sichergestellt, dass die Belange des Kindes maßgebliche Berücksichtigung finden, jedoch die Zugangsvoraussetzungen zur gemeinsamen elterlichen Sorge nicht zu hoch angesetzt werden5.

Der von der Antragsgegnerin erhobene Vorwurf des sexuellen Missbrauchs und die darauf beruhenden Spannungen und Konflikte zwischen den Eltern führen nicht zu der Annahme, dass ausschließlich die Alleinsorge der Mutter dem Wohl des Kindes entspricht. Wie etwa die im Oberlandesgerichtstermin am 13.09.2012 getroffene Elternvereinbarung, die Zustimmung des Antragstellers zur Taufe des Kindes oder die Übereinkunft der Eltern über die Vorstellung des Kindes bei einer weiteren Therapeutin zeigen, ist dem Antragsteller und der Antragsgegnerin trotz der bestehenden Spannungen ein gemeinsames Handeln im Interesse des Kindeswohls möglich. Es kann daher nicht schon aktuell prognostiziert werden, dass zwischen den Eltern jegliche tragfähige soziale Beziehung fehlt und ein Mindestmaß an Übereinstimmung nicht erzielbar ist. Zudem stehen den Eltern die Beratungsangebote des zuständigen Jugendamtes zur Verfügung und ist eine Fortsetzung der begonnenen Elternberatung möglich. Diese Möglichkeit sollten der Antragsteller und die Antragsgegnerin wahrnehmen, um unter professioneller Anleitung ihre Kommunikationsfähigkeit zu verbessern, da sie nur so das Wohl ihres Kindes am besten fördern. Insoweit ist das Oberlandesgericht auch überzeugt, dass es der Antragsgegnerin zukünftig gelingen wird, ihre bisherige starre Haltung zum Wohl ihres Sohnes M. abzulegen und dem Kind zu ermöglichen, eine unbefangene Haltung zu beiden Elternteilen einnehmen bzw. zu behalten.

Oberlandesgericht Dresden, Beschluss vom 14. Mai 2013 – 21 UF 787/12

  1. vgl. hierzu Ernst/Herbst/Langbein/Skalnik, Kursbuch Kinder, Abschnitt 4, Entwicklung der Geschlechter, S. 288 ff.[]
  2. vgl. Salzgeber/Scholz/Wittenhagen/Aymans, FamRZ 1992, 1249, 1255[]
  3. BVerfGE 127, 132 = FamRZ 2010, 1403[]
  4. siehe Art. 7 des Gesetzes zur Reform der elterlichen Sorge nicht miteinander verheirateter Eltern vom 16.04.2013, BGBl. I, S. 795[]
  5. vgl. BVerfG, FamRZ 2010, 1403, 1420[]

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