1958 gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung = heu­te Bürgerversicherung

Das Sozi­al­ge­richt Aachen hat­te sich aktu­ell mit einem wohl nicht all­täg­li­chen Fall der „Bür­ger­ver­si­che­rung zu befas­sen. Bei der zum 01.04.2007 ein­ge­führ­ten „Bür­ger­ver­si­che­rung“ han­delt es sich um eine Pflicht­mit­glied­schaft in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung für sol­che Per­so­nen, die ansons­ten ohne Absi­che­rung im Kran­ken­heits­fall sind und ent­we­der zuletzt gesetz­lich oder bis­her über­haupt nicht kran­ken­ver­si­chert waren. Das Sozi­al­ge­richt Aachen hat­te nun die Fra­ge zu ent­schie­den, ob die „Bür­ger­ver­si­che­rung“ auch für einen zuletzt im Jah­re 1958 gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten ein­zu­tre­ten hat. 

1958 gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung = heu­te Bürgerversicherung

Strit­tig waren vor dem Sozi­al­ge­richt Aachen die Kos­ten meh­re­rer sta­tio­nä­rer Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen im Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum für einen zwi­schen­zeit­lich ver­stor­be­nen Pati­en­ten. Die­ser war im Jahr 1958 für ca. drei Mona­te gesetz­lich kran­ken­ver­si­chert gewe­sen. Ob er dar­über hin­aus zu einem spä­te­ren Zeit­punkt gesetz­lich oder pri­vat kran­ken­ver­si­chert war, ließ sich weder im Ver­wal­tungs- noch im Gerichts­ver­fah­ren klä­ren. Von Ende 2005 bis Mit­te 2007 war er inhaf­tiert. Etwa 1 1/​2 Mona­te nach Haft­ent­las­sung erhielt er lau­fen­de Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen. Kurz danach wur­de er mehr­fach als Not­fall im Kran­ken­haus behan­delt. Die­se Behand­lungs­kos­ten ver­lang­te das Kran­ken­haus nun vom Sozi­al­hil­fe­trä­ger. Die­ser lehn­te die Zah­lung mit dem Argu­ment ab, der Pati­ent sei in der Bür­ger­ver­si­che­rung kran­ken­pflicht­ver­si­chert gewe­sen, wes­we­gen die zustän­di­ge Kran­ken­kas­se zu zah­len habe.

Im kon­kre­ten Fall war nun für das Sozi­al­ge­richt Aachen ent­schei­dend, dass der Klä­ger zuletzt im Jahr 1958 gesetz­lich kran­ken­ver­si­chert war. Die Tat­sa­che, dass sich nicht mehr auf­klä­ren ließ, ob für den Pati­en­ten danach eine ande­re – gesetz­li­che oder pri­va­te – Kran­ken­ver­si­che­rung bestan­den hat, geht zu Las­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung. Zwar kann der Bezug von lau­fen­den Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen eine Mit­glied­schaft in der Bür­ger­ver­si­che­rung aus­schlie­ßen. Dies ist aber dann nicht der Fall, wenn die Pflicht­mit­glied­schaft in der Bür­ger­ver­si­che­rung bereits begon­nen hat, wie im Fall des spä­ter ver­stor­be­nen Pati­en­ten. Des­sen Mit­glied­schaft in der Bür­ger­ver­si­che­rung hat unmit­tel­bar im Anschluss an die Haft­ent­las­sung begon­nen, da er zu die­ser Zeit kei­nen ander­wei­ti­gen Anspruch auf Absi­che­rung im Krank­heits­fall hat­te. Die Bür­ger­ver­si­che­rung ist kei­ne Antrags­ver­si­che­rung, son­dern beginnt unmit­tel­bar kraft Geset­zes mit Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen. Für die Durch­füh­rung der Kran­ken­ver­si­che­rung des Pati­en­ten war die zum Ver­fah­ren bei­ge­la­de­ne Kran­ken­kas­se zustän­dig, bei der er zuletzt 1958 gesetz­lich kran­ken­ver­si­chert war. Die­se Kran­ken­kas­se wur­de des­halb zur Erstat­tung der Behand­lungs­kos­ten an das Kran­ken­haus verurteilt.

Sozi­al­ge­richt Aachen, Urteil vom 24. Novem­ber 2009 – S 20 SO 95/​08