Arbeits­un­fall oder Gele­gen­heits­ur­sa­che?

Arbeits­un­fäl­le sind gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VII Unfäl­le von Ver­si­cher­ten infol­ge einer den Ver­si­che­rungs­schutz nach den §§ 2, 3 oder 6 SGB VII begrün­den­den Tätig­keit (ver­si­cher­te Tätig­keit). Unfäl­le sind zeit­lich begrenz­te, von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­de Ereig­nis­se, die zu einem Gesund­heits­scha­den oder zum Tod füh­ren (§ 8 Abs. 1 Satz 2 SGB VII).

Arbeits­un­fall oder Gele­gen­heits­ur­sa­che?

Durch das Wort „infol­ge“ drückt § 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VII aus, dass ein kau­sa­ler Zusam­men­hang zwi­schen der in inne­rem Zusam­men­hang mit der ver­si­cher­ten Tätig­keit ste­hen­den Ver­rich­tung und dem Unfall als auch zwi­schen dem Unfall und dem Gesund­heits­scha­den erfor­der­lich ist. Die­se soge­nann­te dop­pel­te Kau­sa­li­tät wird nach her­kömm­li­cher Dog­ma­tik bezeich­net als die haf­tungs­be­grün­den­de und die haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät.

Der Bereich der haf­tungs­be­grün­den­den Kau­sa­li­tät ist u.a. betrof­fen, wenn es um die Fra­ge geht, ob der Unfall wesent­lich durch die ver­si­cher­te Tätig­keit oder durch eine soge­nann­te inne­re Ursa­che her­vor­ge­ru­fen wor­den ist, wäh­rend dem Bereich der haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät die Kau­sal­ket­te – Unfall­ereig­nis (pri­mä­rer) Gesund­heits­scha­den und (sekun­dä­rer) Gesund­heits­scha­den – wei­te­re Gesund­heits­stö­run­gen zuzu­ord­nen ist. Das Ent­ste­hen von län­ger andau­ern­den Unfall­fol­gen auf­grund eines Gesundheits-(erst)-Schadens im Rah­men der haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät ist nicht Vor­aus­set­zung für die Aner­ken­nung eines Arbeits­un­falls 1.

Für die Kau­sa­li­tät zwi­schen Unfall­ereig­nis und Gesund­heits­scha­den gilt die Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung. Die­se setzt zunächst einen natur­wis­sen­schaft­li­chen Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen dem Unfall­ereig­nis und dem Gesund­heits­scha­den vor­aus und einen zwei­ten, wer­ten­den Schritt, dass das Unfall­ereig­nis für den Gesund­heits­scha­den wesent­lich war 2. Wäh­rend für die Grund­la­gen der Ursa­chen­be­ur­tei­lung – ver­si­cher­te Tätig­keit, Unfall­ereig­nis, Gesund­heits­scha­den – eine an Gewiss­heit gren­zen­de Wahr­schein­lich­keit erfor­der­lich ist, genügt für den ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen Unfall­ereig­nis und Gesund­heits­scha­den eine hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit. Hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit liegt vor, wenn bei ver­nünf­ti­ger Abwä­gung aller Umstän­de die für den wesent­li­chen Ursa­chen­zu­sam­men­hang spre­chen­den Tat­sa­chen so stark über­wie­gen, dass dar­auf die rich­ter­li­che Über­zeu­gung gegrün­det wer­den kann und ernst­li­che Zwei­fel aus­schei­den; die blo­ße Mög­lich­keit einer wesent­li­chen Ver­ur­sa­chung genügt nicht 3. Dabei müs­sen auch kör­per­ei­ge­ne Ursa­chen erwie­sen sein, um bei der Abwä­gung mit den ande­ren Ursa­chen berück­sich­tigt wer­den zu kön­nen; kann eine Ursa­che jedoch nicht sicher fest­ge­stellt wer­den, stellt sich nicht ein­mal die Fra­ge, ob sie im kon­kre­ten Ein­zel­fall auch nur als Ursa­che in natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schem Sinn in Betracht zu zie­hen ist 4. Die Kau­sa­li­täts­be­ur­tei­lung hat auf der Basis des aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stan­des über die Mög­lich­kei­ten von Ursa­chen­zu­sam­men­hän­gen zwi­schen bestimm­ten Ereig­nis­sen und der Ent­ste­hung bestimm­ter Krank­hei­ten zu erfol­gen. Das schließt die Prü­fung ein, ob ein Ereig­nis nach wis­sen­schaft­li­chen Maß­stä­ben über­haupt geeig­net war, eine bestimm­te kör­per­li­che Stö­rung her­vor­zu­ru­fen 5.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2010 – S 4 U 2813/​09

  1. vgl. BSG, Urteil vom 12.04.2005 – B 2 U 27/​04 R[]
  2. BSG, SozR 4 – 2700 § 8 Nr. 15[]
  3. BSG, Urteil vom 07.09.2004 – B 2 U 34/​03 R, m.w.N.[]
  4. BSGE 61, 127 ff.[]
  5. vgl. BSG, Urteil vom 09.05.2006 – B 2 U 1/​05 R[]