Heil­be­hand­lung im EU-Aus­land

Die fran­zö­si­sche Rege­lung in Bezug auf die Kos­ten­er­stat­tung für geplan­te Behand­lun­gen in einem ande­ren Mit­glied­staat der EU ist nach einem heu­te ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar.

Heil­be­hand­lung im EU-Aus­land

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on erhob beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on eine Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge gegen Frank­reich, weil nach ihrer Auf­fas­sung ver­schie­de­ne inner­staat­li­che Bestim­mun­gen über die Kos­ten­er­stat­tung für bestimm­te geplan­te Behand­lun­gen – d. h. sol­che, die der Ver­si­cher­te in einem ande­ren Mit­glied­staat als Frank­reich zu erhal­ten beab­sich­tigt – gegen Uni­ons­recht ver­sto­ßen.

Eine sol­che Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge, die sich gegen einen Mit­glied­staat rich­tet, der gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Uni­ons­recht ver­sto­ßen hat, kann von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on oder einem ande­ren Mit­glied­staat erho­ben wer­den. Stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Ver­trags­ver­let­zung fest, hat der betref­fen­de Mit­glied­staat dem Urteil unver­züg­lich nach­zu­kom­men. Ist die EU-Kom­mis­si­on der Auf­fas­sung, dass der Mit­glied­staat dem Urteil nicht nach­ge­kom­men ist, kann sie erneut kla­gen und finan­zi­el­le Sank­tio­nen bean­tra­gen.

Ärzt­li­che Behand­lung in einem ande­ren EU-Land

Ers­tens war die Kom­mis­si­on der Ansicht, dass die Bestim­mun­gen des fran­zö­si­schen Code de la sécu­ri­té socia­le, die die Kos­ten­er­stat­tung für geplan­te Behand­lun­gen außer­halb von Kran­ken­häu­sern in einem ande­ren Mit­glied­staat von einer vor­he­ri­gen Geneh­mi­gung des zustän­di­gen fran­zö­si­schen Trä­gers abhän­gig machen, wenn die­se Behand­lun­gen den Ein­satz medi­zi­ni­scher Groß­ge­rä­te erfor­dern, dem frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr zuwi­der­lie­fen. Bei­spiels­wei­se geht es hier­bei um Kern­spin­to­mo­gra­fie­ge­rä­te oder Kern­spin­re­so­nanz­spek­tro­me­ter, die bei der Erken­nung und Behand­lung u. a. von Krebs, bestimm­ten neu­ro­mo­to­ri­schen Erkran­kun­gen usw. ver­wen­det wer­den. Frank­reich, unter­stützt durch Spa­ni­en, Finn­land und das Ver­ei­nig­te König­reich Groß­bri­tan­ni­en und Nord­ir­land, hält die­se Rüge für unbe­grün­det.

Hier­zu stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass ent­gelt­li­che medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen nach sei­ner stän­di­gen Recht­spre­chung in den Anwen­dungs­be­reich der Bestim­mun­gen über den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr fal­len, ohne dass danach zu unter­schei­den wäre, ob die Ver­sor­gung in einem Kran­ken­haus oder außer­halb eines sol­chen erbracht wird.

Der freie Dienst­leis­tungs­ver­kehr schließt die Frei­heit der Leis­tungs­emp­fän­ger, ins­be­son­de­re der Per­so­nen, die eine medi­zi­ni­sche Behand­lung benö­ti­gen, ein, sich zur Inan­spruch­nah­me die­ser Dienst­leis­tun­gen in einen ande­ren Mit­glied­staat zu bege­ben, ohne durch Beschrän­kun­gen beein­träch­tigt zu wer­den. Die vor­he­ri­ge Geneh­mi­gung, die in der fran­zö­si­schen Rege­lung für die Erstat­tung der Kos­ten für eine den Ein­satz medi­zi­ni­scher Groß­ge­rä­te erfor­dern­de Behand­lung ver­langt wird, ist aber geeig­net, die Ver­si­cher­ten des fran­zö­si­schen Sys­tems davon abzu­schre­cken oder sogar dar­an zu hin­dern, sich an die Erbrin­ger medi­zi­ni­scher Leis­tun­gen in einem ande­ren Mit­glied­staat zu wen­den, und stellt daher tat­säch­lich eine Beschrän­kung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs dar.

Die im Code de la san­té publi­que abschlie­ßend auf­ge­zähl­ten medi­zi­ni­schen Groß­ge­rä­te müs­sen aber unab­hän­gig davon, ob sie inner­halb oder außer­halb von Kran­ken­häu­sern auf­ge­stellt oder benutzt wer­den, wegen ihrer beson­ders hohen Kos­ten Gegen­stand einer Pla­nungs­po­li­tik sein kön­nen, wie sie durch die fran­zö­si­sche Rege­lung defi­niert wird, ins­be­son­de­re, was ihre Zahl und ihre geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung betrifft, um dazu bei­zu­tra­gen, im gesam­ten Staats­ge­biet ein Ange­bot an Spit­zen-Behand­lungs­leis­tun­gen zu gewähr­leis­ten, das ratio­nell, sta­bil, aus­ge­wo­gen und gut zugäng­lich ist, aber auch, um jede Ver­schwen­dung finan­zi­el­ler, tech­ni­scher und mensch­li­cher Res­sour­cen soweit wie mög­lich zu ver­hin­dern. Bei­spiels­wei­se belau­fen sich die Anschaf­fungs- und Benut­zungs­kos­ten für die bei der Krebs­er­ken­nung und –behand­lung not­wen­di­gen Gerä­te auf Tau­sen­de oder sogar Mil­lio­nen Euro.

Ange­sichts der Gefah­ren sowohl für die Orga­ni­sa­ti­on der öffent­li­chen Gesund­heits­po­li­tik als auch für das finan­zi­el­le Gleich­ge­wicht des Sys­tems der sozia­len Sicher­heit stellt das Erfor­der­nis einer vor­he­ri­gen Geneh­mi­gung für die­se Art von Behand­lun­gen folg­lich beim gegen­wär­ti­gen Stand des Uni­ons­rechts eine gerecht­fer­tig­te Ein­schrän­kung dar. Ein Sys­tem der vor­he­ri­gen Geneh­mi­gung muss auf objek­ti­ven und nicht dis­kri­mi­nie­ren­den Kri­te­ri­en beru­hen, die im Vor­aus bekannt sind, damit dem Ermes­sen der natio­na­len Behör­den Gren­zen gesetzt wer­den, die sei­ne miss­bräuch­li­che Aus­übung ver­hin­dern. Ein der­ar­ti­ges Geneh­mi­gungs­sys­tem muss außer­dem auf einem leicht zugäng­li­chen Ver­fah­ren beru­hen und geeig­net sein, den Betrof­fe­nen zu garan­tie­ren, dass ihr Antrag inner­halb ange­mes­se­ner Frist sowie objek­tiv und unpar­tei­isch behan­delt wird, wobei eine Ver­sa­gung der Geneh­mi­gung im Rah­men eines gericht­li­chen Ver­fah­rens anfecht­bar sein muss. Im vor­lie­gen­den Fall hat die Kom­mis­si­on in Bezug auf die fran­zö­si­schen ver­fah­rens- und mate­ri­ell­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Sys­tems der vor­he­ri­gen Geneh­mi­gung kei­ne spe­zi­fi­schen Rügen vor­ge­bracht.

Kos­ten­er­stat­tung in der Sozi­al­ver­si­che­rung

Zwei­tens mach­te die EU-Kom­mis­si­on gel­tend, Frank­reich habe die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs nicht durch­ge­führt, der zufol­ge dem Sozi­al­ver­si­cher­ten, wenn die Erstat­tung von Kos­ten, die durch im Auf­ent­halts­mit­glied­staat erbrach­te Kran­ken­haus­dienst­leis­tun­gen ver­an­lasst wor­den sind, die sich aus der Anwen­dung der in die­sem Mit­glied­staat gel­ten­den Rege­lung ergibt, nied­ri­ger als die­je­ni­ge ist, die sich aus der Anwen­dung der im Mit­glied­staat der Ver­si­che­rungs­zu­ge­hö­rig­keit gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten im Fall einer Kran­ken­haus­pfle­ge in die­sem Staat erge­ben wür­de, vom zustän­di­gen Trä­ger eine ergän­zen­de Erstat­tung gemäß dem genann­ten Unter­schied zu gewäh­ren ist [1].

Hier­zu stellt der Euro­päi­sche Gerichts­hof fest, dass ein Pati­ent nach den fran­zö­si­schen Bestim­mun­gen im Fall von in einem ande­ren Mit­glied­staat erbrach­ten Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen Anspruch auf eine Kos­ten­er­stat­tung unter den glei­chen Bedin­gun­gen, wie wenn die Behand­lung in Frank­reich durch­ge­führt wor­den wäre, und in den Gren­zen der dem Sozi­al­ver­si­cher­ten tat­säch­lich ent­stan­de­nen Kos­ten hat. Die­se Bestim­mun­gen umfas­sen somit das Recht der Ver­si­cher­ten des fran­zö­si­schen Sys­tems auf eine ergän­zen­de Erstat­tung zu Las­ten des zustän­di­gen fran­zö­si­schen Trä­gers im Fall von Unter­schie­den der Niveaus der sozia­len Absi­che­rung zwi­schen dem Staat der Ver­si­che­rungs­zu­ge­hö­rig­keit und dem Staat der Kran­ken­haus­pfle­ge, auf den die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs abstellt.

Die­se Fest­stel­lung wird durch die Tat­sa­che bestä­tigt, dass die Kom­mis­si­on kei­ne inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten genannt hat, die der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs zuwi­der­lie­fen. Auch hat die Kom­mis­si­on weder Ent­schei­dun­gen fran­zö­si­scher Gerich­te ange­führt, in denen das Recht auf die ergän­zen­de Erstat­tung geleug­net wor­den wäre, noch die Exis­tenz einer Ver­wal­tungs­pra­xis dar­ge­tan, die den Ver­si­cher­ten die­ses Recht hät­te vor­ent­hal­ten kön­nen.

Die Kla­ge der Kom­mis­si­on gegen Frank­reich wur­de vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on daher ins­ge­samt abge­wie­sen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 5. Okto­ber 2010 – C‑512/​08 [Kom­mis­si­on /​Frank­reich]

  1. EuGH, Urteil des Gerichts­hofs vom 21.07.2001 – C‑368/​98 [Van­brae­kel u. a.][]