Kür­zung der Ren­ten­an­sprü­che nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz

Die Kür­zung der Ren­ten­an­sprü­che der Ver­trie­be­nen und Flücht­lin­ge nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz durch das 2004 ver­kün­de­te Ren­ten­ver­si­che­rungs-Nach­hal­tig­keits­ge­setz ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richs ver­fas­sungs­ge­mäß.

Kür­zung der Ren­ten­an­sprü­che nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz

§ 22b Abs. 1 Satz 1 Fremd­ren­ten­ge­setz in der Fas­sung des Geset­zes zur Siche­rung der nach­hal­ti­gen Finan­zie­rungs­grund­la­gen der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz – RVNG) vom 21. Juli 2004 (BGBl I S. 1791) und des­sen rück­wir­ken­de Inkraft­set­zung zum 7. Mai 1996 sind mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar, soweit hier­durch die Höhe sol­cher Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten beschränkt wird, die allein auf Zei­ten nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz beru­hen und die ohne die in § 22b Abs. 1 Satz 1 Fremd­ren­ten­ge­setz in der Fas­sung des RV-Nach­hal­tig­keits­ge­set­zes vor­ge­se­he­ne Beschrän­kung noch nicht bestands­kräf­tig gewährt wor­den sind.

Im Fremd­ren­ten­recht galt seit den 1960er Jah­ren das Ein­glie­de­rungs­prin­zip, wonach Ver­trie­be­ne und Flücht­lin­ge in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach ihrem Zuzug in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land so behan­delt wur­den, als ob sie ihre bis­he­ri­ge Erwerbs­tä­tig­keit unter der Gel­tung des deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rungs­rechts zurück­ge­legt hät­ten. Die poli­ti­schen Umwäl­zun­gen in den Staa­ten Ost- und Süd­ost­eu­ro­pas ab Ende der 1980er Jah­re ver­an­lass­ten den Gesetz­ge­ber jedoch zu einer Abkehr vom Ein­glie­de­rungs­prin­zip. So wur­den unter ande­rem durch den am 7. Mai 1996 in Kraft getre­te­nen § 22b Abs. 1 Satz 1 des Fremd­ren­ten­ge­set­zes (FRG a.F.) die Fremd­ren­ten­an­sprü­che dadurch beschränkt, dass für einen Berech­tig­ten höchs­tens 25 Ent­gelt­punk­te der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zugrun­de zu legen waren. Die­se Begren­zung galt nur für sol­che Berech­tig­ten, die ab dem 7. Mai 1996 ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land genom­men hat­ten. Die Norm wur­de in den fol­gen­den Jah­ren unter­schied­lich aus­ge­legt. Die Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger und Sozi­al­ge­rich­te gin­gen davon aus, dass die Begren­zung auf 25 Ent­gelt­punk­te als Gesamt­ober­gren­ze für eine Ein­zel­per­son sowohl deren eige­ne Ren­te auf­grund eige­ner Beschäf­ti­gung im Her­kunfts­land als auch deren Hin­ter­blie­be­nen­ren­te auf­grund Beschäf­ti­gung des Ver­stor­be­nen im Her­kunfts­land umfas­se. Dem­ge­gen­über befand der 4. Senat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts mit Urteil vom 30. August 2001, dass die Begren­zung kei­ne Anwen­dung als Gesamt­ober­gren­ze fän­de, wenn dem Begüns­tig­ten neben der eige­nen Alters­ren­te auch eine Hin­ter­blie­be­nen­ren­te nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz zuste­he. Die­ser Rechts­auf­fas­sung folg­ten die Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger jedoch nicht; auch die unte­ren Instanz­ge­rich­te schlos­sen sich ihr nur teil­wei­se an. Durch das am 11. März 2004 im Bun­des­tag beschlos­se­ne und am 26. Juli 2004 ver­kün­de­te Ren­ten­ver­si­che­rungs-Nach­hal­tig­keits­ge­setz (RVNG) wur­de § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG dahin­ge­hend neu­ge­fasst, dass für Fremd­ren­ten aus eige­ner Ver­si­che­rung und wegen Todes eines Berech­tig­ten ins­ge­samt höchs­tens 25 Ent­gelt­punk­te zugrun­de gelegt wer­den. Art. 15 Abs. 3 RVNG ord­ne­te das Inkraft­tre­ten die­ser Ände­rung mit Wir­kung vom 7. Mai 1996 an.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te hier­zu nun über eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de [1] und drei Rich­ter­vor­la­gen zu ent­schei­den. Die Beschwer­de­füh­re­rin des Ver­fas­sungs­be­schwer­de und die Klä­ge­rin­nen der den drei kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­len zugrun­de lie­gen­den Aus­gangs­ver­fah­ren sie­del­ten in der zwei­ten Häf­te der 1990er Jah­re, jedoch nach dem 7. Mai 1996 nach Deutsch­land aus und wur­den hier als Spät­aus­sied­le­rin­nen aner­kannt. Ihre Ehe­män­ner waren ent­we­der schon im Her­kunfts­land ver­stor­ben oder star­ben weni­ge Jah­re nach der Über­sied­lung. In allen Fäl­len wur­de die Berech­nung der Alters- und Hin­ter­blie­be­nen­ren­te von den Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­gern unter Berück­sich­ti­gung einer Ober­gren­ze von ins­ge­samt 25 Ent­gelt­punk­ten vor­ge­nom­men, was dazu führ­te, dass sich für die Hin­ter­blie­be­nen­ren­te kein bzw. nur ein gerin­ger Zahl­be­trag ergab, weil die 25 Ent­gelt­punk­te bereits (teil­wei­se) mit der eige­nen Alters­ren­te aus­ge­schöpft waren.

Die Beschwer­de­füh­re­rin wen­det sich mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts, durch die der Bescheid des Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­gers im Ergeb­nis bestä­tigt wor­den ist.

In den übri­gen Ver­fah­ren haben die gegen die Ren­ten­ver­si­che­rungs­be­schei­de erho­be­nen Kla­gen zur Vor­la­ge durch einen ande­ren, den drei­zehn­ten Senat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts geführt [2]. Die­ser Senat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts sieht in der rück­wir­ken­den Neu­re­ge­lung des § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG eine sog. ech­te Rück­wir­kung, die hier unzu­läs­sig sei.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zurück­ge­wie­sen und in den ver­bun­de­nen Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren ent­schie­den, dass die in Art. 15 Abs. 3 RVNG ange­ord­ne­te (rück­wir­ken­de) Gel­tung der gemein­sa­men Ober­gren­ze von 25 Ent­gelt­punk­ten mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist. Die Ent­schei­dung betrifft – ent­spre­chend den vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­tio­nen – die Beschrän­kung der Höhe sol­cher Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten, die allein auf Zei­ten nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz beru­hen und die bis­lang noch nicht ohne die in § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG vor­ge­se­he­ne Beschrän­kung bestands­kräf­tig gewährt wor­den sind.

Die Nor­men­kon­troll­an­trä­ge blei­bein in der Sache ohne Erfolg.

Die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des zur Ände­rung des Fremd­ren­ten­ge­set­zes beruht auf Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, nach dem sich die kon­kur­rie­ren­de Gesetz­ge­bung unter ande­rem auf das Gebiet der Sozi­al­ver­si­che­rung erstreckt. Zwar han­delt es sich bei den Ren­ten nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz der Sache nach um eine Für­sor­ge­leis­tung [3]. Die­se wird aber seit Anbe­ginn im Rah­men der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung in Gestalt eines Ren­ten­an­spruchs gewährt. Vom Kom­pe­tenz­ti­tel für die Sozi­al­ver­si­che­rung wer­den auch sol­che Berei­che erfasst, die eng an einen Trä­ger der klas­si­schen Sozi­al­ver­si­che­rung ange­lehnt sind [4], ohne dass es inso­weit auf eine Bei­trags­zah­lung ankä­me, weil es für die Sozi­al­ver­si­che­rung im Sin­ne des Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG seit jeher kenn­zeich­nend ist, dass das Ver­si­che­rungs­prin­zip mit Ele­men­ten der öffent­li­chen Für­sor­ge ver­bun­den wird [5].

Eine bun­des­ge­setz­li­che Rege­lung war im Sin­ne des Art. 72 Abs. 2 GG in der vom 15. Novem­ber 1994 bis zum 31. August 2006 gel­ten­den Fas­sung zur Wah­rung der Rechts­ein­heit erfor­der­lich. Ein­heit­li­che Rechts­re­geln auf den in Art. 74 GG genann­ten Gebie­ten kön­nen dann erfor­der­lich sein, wenn eine unter­schied­li­che recht­li­che Behand­lung des­sel­ben Lebens­sach­ver­hal­tes erheb­li­che Rechts­un­si­cher­hei­ten und damit unzu­mut­ba­re Behin­de­run­gen für den län­der­über­grei­fen­den Rechts­ver­kehr erzeu­gen kann [6]. So ver­hält es sich auf dem Gebiet der Sozi­al­ver­si­che­rung, in deren Gewand das Fremd­ren­ten­recht geklei­det ist. Die bun­des­wei­te Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Sozi­al­ver­si­che­rung hat ele­men­ta­re Bedeu­tung für die Lebens­ver­hält­nis­se in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land [7]. Eine in allen Lan­des­tei­len gleich funk­tio­nie­ren­de Sozi­al­ver­si­che­rung ist auf der Basis unter­schied­li­cher Län­der­ge­set­ze prak­tisch kaum denk­bar [7]. Die grund­sätz­lich gebo­te­ne bun­des­wei­te Ein­heit­lich­keit der Leis­tun­gen nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz lässt sich mit unter­schied­li­chen lan­des­recht­li­chen Rege­lun­gen nicht errei­chen. Eine Erfor­der­lich­keit bun­des­ein­heit­li­cher Rege­lun­gen auf die­sem Gebiet besteht auch, soweit § 22b FRG n.F. das Ziel von Ein­spa­run­gen ver­folgt und damit letzt­lich dem Erhalt der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung dient. Da allein der Bund mit dem Bun­des­zu­schuss für die finan­zi­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ein­zu­ste­hen hat (vgl. Art. 120 Abs. 1 Satz 4 GG, § 213 Abs. 1 SGB VI), kön­nen not­wen­di­ge Ein­spa­run­gen nicht gesetz­li­chen Rege­lun­gen auf Län­der­ebe­ne über­las­sen wer­den.

Art. 15 Abs. 3 RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz ist nicht an Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG zu mes­sen, soweit davon – wie hier – Ren­ten betrof­fen sind, die aus­schließ­lich auf Bei­trags- und Beschäf­ti­gungs­zei­ten außer­halb der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land beru­hen.

Zu den von Art. 14 Abs. 1 GG geschütz­ten Rechts­po­si­tio­nen kön­nen grund­sätz­lich auch öffent­lich­recht­li­che Ansprü­che und Anwart­schaf­ten auf Leis­tun­gen aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung gehö­ren [8]. Sie genie­ßen Eigen­tums­schutz, wenn es sich um ver­mö­gens­wer­te Rechts­po­si­tio­nen han­delt, die nach Art eines Aus­schließ­lich­keits­rechts dem Rechts­trä­ger pri­vat­nüt­zig zuge­ord­net sind, auf nicht uner­heb­li­chen Eigen­leis­tun­gen des Ver­si­cher­ten beru­hen und sei­ner Exis­tenz­si­che­rung die­nen [9]. Geschützt ist neben dem eigent­li­chen Ren­ten­an­spruch auch die zuvor erwor­be­ne Anwart­schaft, wenn sie die kon­sti­tu­ie­ren­den Merk­ma­le des Eigen­tums­be­griffs auf­weist [10]. Von einer Anwart­schaft geht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus, wenn die ren­ten­recht­li­che Posi­ti­on eines Ver­si­cher­ten bei Erfül­lung wei­te­rer Vor­aus­set­zun­gen zum Voll­recht erstar­ken kann [11]. Nicht geschützt durch Art. 14 Abs. 1 GG ist dage­gen man­gels einer eige­nen Leis­tung des Begüns­tig­ten ein Anspruch, der auf staat­li­cher Gewäh­rung beruht oder den der Staat in Erfül­lung einer Für­sor­ge­pflicht ein­räumt [12].

Es ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bereits geklärt, dass die Vor­aus­set­zun­gen für einen grund­recht­li­chen Eigen­tums­schutz bei allein durch das Fremd­ren­ten­ge­setz begrün­de­ten Ren­ten­an­sprü­chen und ‑anwart­schaf­ten nicht vor­lie­gen. Die­se unter­fal­len nicht dem Schutz des Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG, wenn ihnen aus­schließ­lich Bei­trags- und Beschäf­ti­gungs­zei­ten zugrun­de lie­gen, die in den Her­kunfts­ge­bie­ten erbracht oder zurück­ge­legt wor­den sind, weil es inso­fern am Äqui­va­lent einer nicht uner­heb­li­chen eige­nen Leis­tung in eine bun­des­deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung fehlt [13].

Art. 15 Abs. 3 RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz ist mit Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­ein­bar. Zwar han­delt es sich bei Art. 15 Abs. 3 RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz um eine Norm, der zumin­dest in for­ma­ler Hin­sicht ech­te Rück­wir­kung zukommt und deren Recht­mä­ßig­keit der unein­ge­schränk­ten ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Kon­trol­le unter­liegt. Sie ist aber zuläs­sig.

Art. 15 Abs. 3 RVNG führt zu einer ech­ten Rück­wir­kung. Eine ech­te Rück­wir­kung liegt vor, wenn ein Gesetz nach­träg­lich ändernd in abge­wi­ckel­te, der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren­de Tat­be­stän­de ein­greift [14] oder wenn der Beginn ihrer zeit­li­chen Anwen­dung auf einen Zeit­punkt fest­ge­legt ist, der vor dem Zeit­punkt liegt, zu dem die Norm durch ihre Ver­kün­dung recht­lich exis­tent, das heißt gül­tig gewor­den ist [15]. Ein Tat­be­stand in die­sem Sin­ne ist bei Rechts­sät­zen, die unmit­tel­bar Rechts­an­sprü­che ein­räu­men, nicht erst abge­wi­ckelt, wenn ein Anspruch durch Bescheid zuer­kannt wird, da er schon mit der Ver­wirk­li­chung der gesetz­li­chen Tat­be­stands­merk­ma­le und nicht erst durch behörd­li­chen Voll­zugs­akt ent­steht. Es genügt für die Annah­me ech­ter Rück­wir­kung in for­ma­ler Hin­sicht, dass der Gesetz­ge­ber in Sach­ver­hal­te ein­greift, die vor der Geset­zes­ver­kün­dung abge­schlos­sen waren und die Vor­aus­set­zun­gen des bis­her gel­ten­den Anspruchs­tat­be­stan­des erfüll­ten [16].

Damit kommt Art. 15 Abs. 3 RVNG zumin­dest in for­ma­ler Hin­sicht allein schon des­we­gen ech­te Rück­wir­kung zu, weil er bewirkt, dass § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. seit dem 7. Mai 1996 zeit­lich anwend­bar ist und damit auch für die­je­ni­gen Betrof­fe­nen gilt, deren Ver­si­che­rungs­fall zwi­schen dem 7. Mai 1996 und dem 26. Juli 2004 ein­ge­tre­ten ist, obwohl die Norm erst mit der Ver­kün­dung am 26. Juli 2004 recht­lich exis­tent gewor­den ist.

Die in der Begrün­dung des Geset­zes­ent­wurfs zu § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. in Anspruch genom­me­ne Befug­nis des Gesetz­ge­bers zur authen­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on ist für die recht­spre­chen­de Gewalt nicht ver­bind­lich. Sie schränkt weder die Kon­troll­rech­te und ‑pflich­ten der Fach­ge­rich­te und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ein noch rela­ti­viert sie die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be. Zur ver­bind­li­chen Aus­le­gung einer Norm ist letzt­lich allein die recht­spre­chen­de Gewalt beru­fen, die gemäß Art. 92 GG den Rich­tern anver­traut ist [17]. Dies gilt auch für die Fra­ge, ob eine Norm kon­sti­tu­ti­ven oder dekla­ra­to­ri­schen Cha­rak­ter hat. Der Gesetz­ge­ber ist zwar befugt, im Rah­men der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung zu han­deln, zu der auch die aus den Grund­rech­ten und dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­den Gren­zen für rück­wir­ken­de Recht­set­zung gehö­ren, und dabei gege­be­nen­falls eine Recht­spre­chung zu kor­ri­gie­ren, mit der er nicht ein­ver­stan­den ist. Er kann die­se Aus­gangs­la­ge und die Prü­fungs­kom­pe­tenz der Gerich­te aber nicht durch die Behaup­tung unter­lau­fen, sei­ne Norm habe klar­stel­len­den Cha­rak­ter. Eine durch einen Inter­pre­ta­ti­ons­kon­flikt zwi­schen Gesetz­ge­ber und Recht­spre­chung aus­ge­lös­te Norm­set­zung ist nicht anders zu beur­tei­len als eine durch sons­ti­ge Grün­de ver­an­lass­te rück­wir­ken­de Geset­zes­än­de­rung [18].

Es kann indes dahin­ste­hen, ob durch § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. die Rechts­la­ge – wie das Bun­des­so­zi­al­ge­richt meint – kon­sti­tu­tiv ver­än­dert wur­de und damit die Grund­sät­ze des Rück­wir­kungs­ver­bo­tes grei­fen oder ob – wie Tei­le der Sozi­al­ge­richts­bar­keit mit beacht­li­chen Argu­men­ten ver­tre­ten – eine bereits nach § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG a.F. bestehen­de Rechts­la­ge ledig­lich dekla­ra­to­risch bestä­tigt wor­den ist, so dass das Rück­wir­kungs­ver­bot gar nicht ein­greift [19]. Denn auch eine ech­te Rück­wir­kung durch die zur Kon­trol­le gestell­te Norm wäre hier zuläs­sig.

Das Rechts­staats­prin­zip und die Grund­rech­te begren­zen die Befug­nis des Gesetz­ge­bers, Rechts­än­de­run­gen vor­zu­neh­men, die an Sach­ver­hal­te der Ver­gan­gen­heit anknüp­fen. Aus dem Umstand, dass Art. 103 Abs. 2 GG nur für die Straf­bar­keit ein aus­drück­li­ches Rück­wir­kungs­ver­bot auf­stellt, kann nicht gefol­gert wer­den, Rück­wir­kun­gen sei­en im Übri­gen unbe­denk­lich [20]. Die Ver­läss­lich­keit der Rechts­ord­nung ist viel­mehr eine Grund­be­din­gung frei­heit­li­cher Ver­fas­sun­gen [21]. Dabei fin­det das Rück­wir­kungs­ver­bot sei­nen Grund im Ver­trau­ens­schutz [22]. Das grund­sätz­li­che Ver­bot der ech­ten Rück­wir­kung greift daher nur ein, wenn eine gesetz­li­che Rege­lung dazu geeig­net war, Ver­trau­en auf ihren Fort­be­stand in ver­gan­ge­nen Zeit­räu­men zu erwe­cken [23]. Ent­schei­dend ist dabei, ob die bis­he­ri­ge Rege­lung bei objek­ti­ver Betrach­tung geeig­net war, ein Ver­trau­en der betrof­fe­nen Per­so­nen­grup­pe auf ihren Fort­be­stand zu begrün­den [24]. Die Fun­die­rung im Ver­trau­ens­schutz zeich­net zugleich die Gren­ze des Rück­wir­kungs­ver­bo­tes vor [25]. Die­ses greift unter ande­rem dann nicht ein, wenn sich kein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en auf den Bestand des gel­ten­den Rechts für ver­gan­ge­ne Zeit­räu­me bil­den konn­te [26], etwa weil die Rechts­la­ge unklar war [27].

Die Klä­ge­rin­nen in den Aus­gangs­ver­fah­ren der Nor­men­kon­trol­len konn­ten nicht dar­auf ver­trau­en, dass bei der Berech­nung ihrer Alters- und Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten mehr als 25 Ent­gelt­punk­te berück­sich­tigt wür­den.

Bis zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung des 4. Senats des Bun­des­so­zi­al­ge­richts am 30. August 2001 konn­te § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG a.F. kei­ne geeig­ne­te Grund­la­ge für die Bil­dung von Ver­trau­en dahin­ge­hend bil­den, dass für die eige­ne Ren­te und für die Hin­ter­blie­be­nen­ren­te kei­ne Gesamt­ober­gren­ze von 25 Ent­gelt­punk­ten gel­te, weil damals nach über­ein­stim­men­der Rechts­auf­fas­sung nie­mand von einem sol­chen Rege­lungs­ge­halt der Norm aus­ging. Sowohl die Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger als auch die Sozi­al­ge­rich­te ver­tra­ten ein­hel­lig die gegen­tei­li­ge Posi­ti­on. Damit man­gel­te es für die­se Zeit­span­ne an jeder objek­ti­ven Grund­la­ge für ein Ver­trau­en im Sin­ne der spä­te­ren Aus­le­gung durch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt.

Die Ent­schei­dung des 4. Senats des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 30. August 2001 war eben­falls unge­eig­net, Ver­trau­en dahin­ge­hend zu erzeu­gen, dass ein Anspruch auf die Gewäh­rung der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ohne Berück­sich­ti­gung der Ent­gelt­punk­te aus der eige­nen Fremd­ren­te bestehe.

Zwar wir­ken fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen, obwohl sie nur Ein­zel­fäl­le beur­tei­len und inter par­tes bin­den, dar­über hin­aus, wenn sie zur Klä­rung zwei­fel­haf­ter und umstrit­te­ner Rechts­la­gen bei­tra­gen und damit als Prä­ju­diz für künf­ti­ge Fäl­le bedeut­sam sind [28]. Gera­de für die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung hat die­se Funk­ti­on Ein­gang in die Ver­fah­rens­ord­nun­gen gefun­den. Vor allem aus den Revi­si­ons­vor­schrif­ten lässt sich die Auf­ga­be der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des zur Ver­ein­heit­li­chung der Recht­spre­chung ent­neh­men (vgl. § 160 Abs. 2 Nr. 1 und 2 SGG für die hier betrof­fe­ne Sozi­al­ge­richts­bar­keit). Weil die unte­ren Instan­zen an die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung außer­halb der Bin­dungs­wir­kung der Revi­si­ons­ent­schei­dung im kon­kre­ten Ver­fah­ren (vgl. § 170 Abs. 5 SGG) jedoch nicht gebun­den sind, ist die Eig­nung judi­ka­ti­ver Akte als Anknüp­fungs­punkt schutz­wür­di­gen Ver­trau­ens im Ver­gleich zu Nor­men, die gene­rel­le Ver­bind­lich­keit bean­spru­chen, ein­ge­schränkt. Die Rechts­pfle­ge ist auf­grund der Unab­hän­gig­keit der Rich­ter (Art. 97 GG) kon­sti­tu­tio­nell unein­heit­lich [29]. Kein Pro­zess­be­tei­lig­ter kann daher dar­auf ver­trau­en, der Rich­ter wer­de stets an einer bestimm­ten Rechts­auf­fas­sung aus der bis­he­ri­gen Judi­ka­tur fest­hal­ten [30]. Ent­spre­chend ist auch die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung in unge­klär­ten Rechts­la­gen weni­ger geeig­net, schutz­wür­di­ges Ver­trau­en in eine bestimm­te Rechts­la­ge zu erzeu­gen, als eine klar­stel­len­de gesetz­li­che Rege­lung [31]. Die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ist nicht Geset­zes­recht und erzeugt kei­ne damit ver­gleich­ba­re Rechts­bin­dung [32]. Der Gel­tungs­grund höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung über den Ein­zel­fall hin­aus beruht allein auf der Über­zeu­gungs­kraft ihrer Grün­de sowie der Auto­ri­tät und Kom­pe­tenz des Gerichts [32]. Schutz­wür­di­ges Ver­trau­en in eine bestimm­te Rechts­la­ge auf­grund höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung kann allen­falls bei gefes­tig­ter, lang­jäh­ri­ger Recht­spre­chung ent­ste­hen [33].

In den vor­lie­gen­den Fäl­len konn­ten sich die Betrof­fe­nen nicht sicher sein, ob das Bun­des­so­zi­al­ge­richt nach der Kri­tik und der wei­ter abwei­chen­den Recht­spre­chung der Unter­ge­rich­te die zunächst ein­ge­schla­ge­ne Rich­tung bei­be­hal­ten wür­de [34]. Eine gefes­tig­te, lang­jäh­ri­ge Recht­spre­chung exis­tier­te nicht. Bei der Beur­tei­lung, ob eine höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung Ver­trau­en im Sin­ne des Art. 20 Abs. 3 GG begrün­det, kann nicht außer Betracht blei­ben, dass es sich beim Urteil des 4. Senats des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 30. August 2001 um eine in Fach­krei­sen uner­war­te­te „Aus­le­gungs­über­ra­schung“ [35] han­del­te, die von der Sozi­al­ge­richts­bar­keit weit­hin nicht akzep­tiert wur­de. Die auch nach die­ser Ent­schei­dung noch abwei­chen­de Hal­tung der Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger und eines beacht­li­chen Teils der Sozi­al­ge­rich­te ers­ter und zwei­ter Instanz stand der Bil­dung von Ver­trau­en in den Fort­be­stand der Aus­le­gung des § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG a.F. durch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt eben­falls ent­ge­gen.

An die­ser Bewer­tung ändert sich nichts dadurch, dass der 13. Senat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts am 11. März 2004 die Recht­spre­chung des 4. Senats des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG a.F. bestä­tigt hat. Denn wei­te­re Umstän­de haben eine Ver­trau­ens­bil­dung aus­ge­schlos­sen. Seit Dezem­ber 2003 war beim Deut­schen Bun­des­tag ein Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zu § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. anhän­gig. Am 11. März 2004 beschloss der Deut­sche Bun­des­tag das Gesetz abschlie­ßend. Ein Bür­ger kann jeden­falls ab dem Tag des end­gül­ti­gen Geset­zes­be­schlus­ses des Bun­des­tags nicht mehr auf den Fort­be­stand der bis­he­ri­gen Rege­lung ver­trau­en [36], son­dern muss ab die­sem Zeit­punkt mit der Ver­kün­dung und dem Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung rech­nen [37]. Auf­grund des­sen gab es auch in der Zeit nach dem 11. März 2004 kei­ne objek­ti­ve Grund­la­ge dafür, auf den Bestand des § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG a.F. in der vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung zu ver­trau­en.

Eine ande­re Beur­tei­lung ist nicht dadurch ver­an­lasst, dass der Bun­des­rat zu die­sem Zeit­punkt noch nicht am Zustan­de­kom­men des Geset­zes mit­ge­wirkt hat­te und sich der Deut­sche Bun­des­tag am 16. Juni 2004 noch­mals mit dem Gesetz befas­sen muss­te, als er den Ein­spruch des Bun­des­rats über­stimm­te. Ein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en ent­fällt nicht erst, wenn eine Ände­rung der Rechts­la­ge sicher ist, son­dern schon wenn mit einer Neu­re­ge­lung ernst­haft zu rech­nen ist.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist gleich­falls unbe­grün­det. Die Beschwer­de­füh­re­rin ist weder durch Art. 15 Abs. 3 RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz noch durch § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. in ihren Grund­rech­ten ver­letzt. Art. 15 Abs. 3 RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz ist aus den unter I. dar­ge­leg­ten Grün­den mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar und kann daher Grund­rech­te der Beschwer­de­füh­re­rin nicht ver­let­zen. Aber auch § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. steht mit dem Grund­ge­setz in Ein­klang.

Ein Ver­stoß gegen Art. 14 GG sowie gegen Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG kommt aus den dar­ge­leg­ten Grün­den nicht in Betracht.

§ 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n.F. ver­letzt nicht Art. 3 Abs. 3 GG. Eine Dis­kri­mi­nie­rung wegen der Hei­mat oder der Her­kunft der Fremd­ren­ten­be­rech­tig­ten bewirkt sie nicht. Die ren­ten­recht­li­che Behand­lung die­ser Per­so­nen liegt dar­in begrün­det, dass sie ihre Ver­si­che­rungs­bio­gra­fie in einem ande­ren Land als der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zurück­ge­legt haben; ihre Bei­trä­ge sind ande­ren Ver­si­che­rungs­trä­gern, ihre Beschäf­ti­gung einem ande­ren Wirt­schafts- und Sozi­al­sys­tem zugu­te gekom­men [38]. Die unter­schied­li­che Behand­lung ist daher allein in unter­schied­li­chen Ver­si­che­rungs­bio­gra­fien begrün­det und nicht in der Anwen­dung eines Merk­mals, das im Sin­ne des Art. 3 Abs. 3 GG dis­kri­mi­nie­ren wür­de [39].

Eine Ver­let­zung des Art. 3 Abs. 1 GG ist nicht ersicht­lich. Wird durch eine Norm eine Grup­pe von Normadres­sa­ten im Ver­gleich zu ande­ren Normadres­sa­ten ver­schie­den behan­delt, obwohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unglei­che Behand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten, ver­letzt sie den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG [40]. Art. 3 Abs. 1 GG gebie­tet, dass hin­sicht­lich der Ungleich­be­hand­lung an ein sach­lich gerecht­fer­tig­tes Unter­schei­dungs­merk­mal ange­knüpft wird. Je nach Rege­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal erge­ben sich aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz unter­schied­li­che Gren­zen für den Gesetz­ge­ber, die vom blo­ßen Will­kür­ver­bot bis zu einer stren­gen Bin­dung an Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sät­ze rei­chen [41]. Auf dem Gebiet des Sozi­al­rechts ist dem Gesetz­ge­ber eine beson­ders wei­te Gestal­tungs­frei­heit zuzu­ge­ste­hen [42].

Soweit die nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz Berech­tig­ten oder deren Hin­ter­blie­be­ne anders behan­delt wer­den als die Ver­si­cher­ten, die ihr Ver­si­che­rungs­le­ben in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ohne das Bei­tritts­ge­biet ver­bracht haben, ist die Ungleich­be­hand­lung dadurch gerecht­fer­tigt, dass sie im Gegen­satz zu Letz­te­ren kei­ne eige­nen Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung geleis­tet haben. Sie wer­den zwar schlech­ter behan­delt, soweit bei ihrer Ren­ten­be­rech­nung für ihre Arbeits­ent­gel­te oder die ihrer ver­stor­be­nen Ehe­gat­ten nur bis zu 25 Ent­gelt­punk­te berück­sich­tigt wer­den. Der Umstand, dass die eine Per­so­nen­grup­pe eige­ne Bei­trä­ge gezahlt hat, die ande­re Per­so­nen­grup­pe aber nicht, recht­fer­tigt indes­sen die unter­schied­li­che Höhe der Leis­tungs­ge­wäh­rung. Die durch das Fremd­ren­ten­ge­setz gewähr­te Begüns­ti­gung muss kei­ne vol­le Gleich­stel­lung mit den­je­ni­gen bewir­ken, die ein Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis zu einem Ver­si­che­rungs­trä­ger in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land begrün­det hat­ten und haben [43].

Im Ver­gleich zu frü­he­ren Bür­gern der DDR, die ihr Arbeits­le­ben in der DDR ver­bracht und dort Ren­ten­an­sprü­che oder Ren­ten­an­wart­schaf­ten erwor­ben, aber für die­se Zei­ten vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung eben­falls kei­ne Bei­trä­ge an Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gezahlt haben, liegt eben­falls kei­ne unzu­läs­si­ge Ungleich­be­hand­lung vor. Jene wer­den zwar in das Ren­ten­sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ohne Kür­zung nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz ein­ge­glie­dert. Die Recht­fer­ti­gung der Ungleich­be­hand­lung folgt aber dar­aus, dass die bei­den deut­schen Staa­ten eine Ein­heit auch auf dem Gebiet der Sozi­al­ver­si­che­rung ange­strebt und ver­ein­bart haben. Ein zen­tra­ler Aspekt der Wie­der­her­stel­lung der deut­schen Ein­heit war die Anglei­chung der Lebens­ver­hält­nis­se in bei­den Tei­len Deutsch­lands. Dazu gehör­te ein ein­heit­li­ches Ren­ten­recht [38].

Die Kür­zung nach § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG n. F. ist im Übri­gen auch inso­weit mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar, als sie auf­grund Art. 6 § 4b FANG nicht für Per­so­nen gilt, die bereits vor dem 7. Mai 1996 ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land genom­men haben.

Dem Gesetz­ge­ber ist es durch Art. 3 Abs. 1 GG nicht ver­wehrt, zur Rege­lung bestimm­ter Lebens­sach­ver­hal­te Stich­ta­ge ein­zu­füh­ren, obwohl jeder Stich­tag unver­meid­lich gewis­se Här­ten mit sich bringt [44]. Vor­aus­set­zung ist aller­dings, dass die Ein­füh­rung eines Stich­tags über­haupt not­wen­dig und die Wahl des Zeit­punk­tes, ori­en­tiert am gege­be­nen Sach­ver­halt, ver­tret­bar ist [45].

Bei der Wahl des Stich­tags 7. Mai 1996 lie­gen die­se Vor­aus­set­zun­gen vor. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bereits wie­der­holt ent­schie­den, dass es nicht zu bean­stan­den ist, wenn der Gesetz­ge­ber danach dif­fe­ren­ziert, ob ein Ver­si­cher­ter bei Inkraft­tre­ten einer Neu­re­ge­lung bereits ein Voll­recht auf Ren­te erwor­ben hat oder nicht [46]. Da vor der Begrün­dung des gewöhn­li­chen Auf­ent­hal­tes in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kein Anspruch auf eine Ren­te nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz besteht (§ 30 FRG) [47], betrifft die Neu­re­ge­lung nur Per­so­nen, die bei Inkraft­tre­ten des § 22b FRG (alter und neu­er Fas­sung) noch kei­nen Rechts­an­spruch auf die Gewäh­rung einer Ren­te nach dem Fremd­ren­ten­ge­setz hat­ten. Der Zuzug mar­kiert grund­sätz­lich den Zeit­punkt, zu dem ein Fremd­ren­ten­be­rech­tig­ter frü­hes­tens eine Anwart­schaft auf eine Ren­te aus der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung und damit eine gefes­tig­te Rechts­po­si­ti­on statt nur einer blo­ßen Erwar­tung erwirbt. Nach die­sem Zeit­punkt zu dif­fe­ren­zie­ren, ist zuläs­sig [48]. Es kann daher nicht bean­stan­det wer­den, wenn der Gesetz­ge­ber nur die­je­ni­gen Berech­tig­ten der Neu­re­ge­lung unter­wirft, die erst nach deren Inkraft­tre­ten neu zuge­zo­gen sind.

Auch die Wahl des Zeit­punkts, näm­lich der Tag des Kabi­netts­be­schlus­ses vom 7. Mai 1996, ist ver­tret­bar. Damit wird an das Inkraft­tre­ten des § 22b Abs. 1 Satz 1 FRG a. F. ange­knüpft. Die­ser Anknüp­fung lag ein ver­nünf­ti­ger Sach­grund zugrun­de. Spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt sind die ent­spre­chen­den Geset­zes­vor­ha­ben der Öffent­lich­keit bekannt gewor­den. Ein spä­te­res Inkraft­tre­ten hät­te Tei­le des betrof­fe­nen Per­so­nen­krei­ses ver­an­las­sen kön­nen, die Zeit zwi­schen Kabi­netts­be­schluss und Inkraft­tre­ten des Geset­zes zu nut­zen, in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus­zu­sie­deln, um noch in den Genuss der unge­kürz­ten Leis­tun­gen zu kom­men [49].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 21. Juli 2010 – 1 BvR 2530/​05, 1 BvL 11/​06, 1 BvL 12/​06, 1 BvL 13/​06

  1. 1 BvR 2530/​05[]
  2. BSG, Aus­set­zungs- und Vor­la­ge­be­schlüs­se vom 29.08.2006, B 13 RJ 47/​04 R, B 13 RJ 8/​05 R und B 13 R 7/​06 R[]
  3. vgl. BVerfGE 29, 22, 34; 116, 96, 122[]
  4. vgl. BVerfGE 11, 105, 113[]
  5. vgl. BVerfGE 113, 167, 196[]
  6. vgl. BVerfGE 106, 62, 146; 111, 226, 254[]
  7. vgl. BVerfGE 113, 167, 198[][]
  8. vgl. BVerfGE 53, 257, 289 f.; 97, 271, 283 f.[]
  9. vgl. BVerfGE 69, 272, 300; 92, 365, 405; 97, 271, 284; 100, 1, 32 f.[]
  10. vgl. BVerfGE 11, 221, 226; 14, 288, 293; 22, 241, 253; 24, 220, 225[]
  11. vgl. BVerfGE 53, 257, 289 f.[]
  12. vgl. BVerfGE 22, 241, 253; 24, 220, 226; 100, 1, 33; 116, 96, 121 f.[]
  13. vgl. BVerfGE 29, 22, 34; 116, 96, 121; BVerfGK 8, 338, 340[]
  14. vgl. BVerfGE 13, 206, 212; 33, 265, 293; 101, 239, 263[]
  15. vgl. BVerfGE 63, 343, 353; 72, 200, 241; 97, 67, 78; 109, 133, 181[]
  16. vgl. BVerfGE 30, 367, 386 f.[]
  17. vgl. BVerfGE 65, 196, 215; 111, 54, 107[]
  18. vgl. LVerfG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 15.01.2002 – LVG 3/​01, LVG 5/​01[]
  19. vgl. BVerfGE 10, 332, 335 f.; 18, 429, 436; 50, 177, 193[]
  20. vgl. BVerfGE 72, 200, 257; 88, 384, 403; 109, 133, 180[]
  21. vgl. BVerfGE 109, 133, 180[]
  22. vgl. BVerfGE 95, 64, 86 f.; 101, 239, 263; BVerfG, Beschluss vom 15.10.2008 – 1 BvR 1138/​06[]
  23. vgl. BVerfGE 13, 39, 45 f.; 30, 367, 389; BVerfG, Beschluss vom 30.05.2000 – 1 BvR 704/​00, NJW 2000, 3416[]
  24. vgl. BVerfGE 32, 111, 123[]
  25. vgl. BVerfGE 32, 111, 123; 88, 384, 404; 101, 239, 266; BVerfGK 8, 338, 340[]
  26. vgl. BVerfGE 88, 384, 404; 95, 64, 86 f.; 101, 239, 263; BVerfGK 8, 338, 340[]
  27. vgl. BVerfGE 13, 261, 272[]
  28. vgl. Mau­rer, in: Isensee/​Kirchhof, HStR IV, 3. Aufl. 2006, § 79 Rn. 135[]
  29. Dürig, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 3 Abs. 1 Rn. 410 [Dez. 1973][]
  30. vgl. BVerfGE 78, 123, 126; 87, 273, 278[]
  31. vgl. BVerfGE 59, 128, 165; 84, 212, 227; 105, 17, 38; BVerfG, Beschluss vom 28.09.1992 – 1 BvR 496/​87, NZA 1993, 213, 214[]
  32. vgl. BVerfGE 84, 212, 227; 122, 248, 277[][]
  33. vgl. BVerfGE 72, 302, 326; 122, 248, 277 f.[]
  34. vgl. BVerfGE 38, 386, 397; 72, 302, 326; 84, 212, 227[]
  35. vgl. Hey, Steu­er­pla­nungs­si­cher­heit als Rechts­pro­blem, 2002, S. 636[]
  36. vgl. BVerfGE 13, 261, 273; 14, 288, 298; 27, 167, 173 f.; 30, 272, 287; 31, 222, 227; 72, 200, 260, 271; 97, 67, 79; 97, 271, 290; 97, 378, 389[]
  37. vgl. BVerfGE 97, 67, 79[]
  38. vgl. BVerfGE 116, 96, 130[][]
  39. vgl. BVerfGE 116, 96, 130; BVerfG, Beschluss vom 03.07.2006 – 1 BvR 1224/​03; Beschluss vom 03.07.2006 – 1 BvR 476/​02[]
  40. vgl. BVerfGE 100, 195, 205; 107, 205, 214; 109, 96, 123; stän­di­ge Recht­spre­chung[]
  41. vgl. BVerfGE 97, 271, 290; 99, 367, 388; 107, 27, 45, m.w.N.[]
  42. vgl. BVerfGE 17, 210, 216; 77, 84, 106; 81, 156, 205[]
  43. vgl. BVerfGE 29, 22, 33; 116, 96, 129 f.[]
  44. vgl. BVerfGE 3, 58, 148; 13, 31, 38; 58, 81, 126; 101, 239, 270; 117, 272, 301; 122, 151, 178[]
  45. vgl. BVerfGE 13, 31, 38; 58, 81, 126; 75, 78, 106; 101, 239, 270; 117, 272, 301; 123, 111, 128[]
  46. vgl. BVerfGE 58, 81, 126 f.; 75, 78, 106; 117, 272, 302[]
  47. vgl. BVerfGE 116, 96, 121[]
  48. vgl. BVerfGE 51, 257, 267[]
  49. vgl. auch BVerfGK 8, 338, 341 f., 343[]