Schockschäden – und ihre Anerkennung mehrere Jahre nach dem Verbrechen

Sind die psychischen Auswirkungen so eng mit der Gewalttat verbunden, dass sie eine Einheit bilden, sind auch Sekundäropfer in den Schutzbereich des Opferentschädigungsrechts einzubeziehen. Die Anerkennung eines Schockschadens und einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) können auch Jahre nach der Tat anerkannt werden.

Schockschäden – und ihre Anerkennung mehrere Jahre nach dem Verbrechen

Mit dieser Begründung hat das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen in dem hier vorliegenden Fall einer Frau Jahre nach einem Verbrechen eine Opferrente zuerkannt. Die Klage hat eine Frau aus Bremen eingereicht, deren Vater zu Weihnachten 2004 von ihrem psychisch kranken Bruder mit der Axt erschlagen worden war. Zu dieser Zeit war sie im Urlaub auf Lanzarote. Dort erhielt sie am Heiligen Abend den Anruf mit der Nachricht vom Vatermord. Durch den Anruf erlitt sie einen schweren Schock mit Blackout, ging aber nicht zum Arzt.

Erst sechs Jahre später beantragte sie eine Opferrente. Sie habe sich bislang nicht behandeln lassen, da sie sich mit dem Ereignis aus Scham nicht auseinandersetzen wollte und versucht habe, das Trauma zu verdecken. Sie habe sich jedoch aus Angst und Minderwertigkeitsempfinden aus ihrem sozialen Umfeld zurückgezogen; Tanzen, Kegeln und Freunde gäbe es nicht mehr. Aus Furcht vor einem ähnlichen Ereignis habe sie ihre Wohnung in eine regelrechte Festung verwandelt.

Der Antrag wurde vom Versorgungsamt abgelehnt, da keine psychischen Störungen mit Tatbezug dokumentiert seien und keine adäquate ärztliche und psychotherapeutische Behandlung erfolgt sei. Außerdem gäbe es keinen Nachweis für einen Schock durch den Anruf. Nach Auffassung des Versorgungsamtes lägen daher kein Schockschaden und keine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) vor.

Zu einem anderen Ergebnis ist das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen gekommen: In seiner Urteilsbegründung hat es ausdrücklich erklärt, dass auch Sekundäropfer in den Schutzbereich des Opferentschädigungsrechts einbezogen würden, wenn die psychischen Auswirkungen so eng mit der Gewalttat verbunden seien, dass sie eine Einheit bildeten. Dies sei im Falle der Klägerin anzunehmen.

In seiner Beurteilung stützt sich das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen auf ein umfassendes medizinisches Gutachten, wonach alle Kriterien einer PTBS bei der Frau vorlägen. Sie habe auf die Nachricht mit Angst, Hilflosigkeit und Entsetzen reagiert. Sie erlebe das Ereignis immer wieder und zeige das typische Vermeidungsverhalten auch bei langem Ignorieren der Symptomatik. Dass die Frau sich lange nicht behandeln ließ, spräche auch nicht gegen eine PTBS, sondern sei vielmehr Ausdruck derselben.

Aus diesen Gründen hat das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen die PTBS der Frau anerkannt.

Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen, Urteil vom 17. Dezember 2020 – L 10 VE 79/17

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