Unge­plan­ter Kran­ken­haus­auf­ent­halt im Urlaub

Im Fall einer nicht geplan­ten Kran­ken­haus­be­hand­lung, die wäh­rend eines vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halts in einem ande­ren Mit­glied­staat als dem Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat durch­ge­führt wird, besteht nach einem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on kei­ne Ver­pflich­tung, dem Pati­en­ten die Kos­ten zu erstat­ten, die ihm in dem Staat auf­er­legt wur­den, in dem die Behand­lung statt­ge­fun­den hat. Der Trä­ger des Ver­si­che­rungs­mit­glied­staats ist nur ver­pflich­tet, dem Trä­ger des Staa­tes, in dem die­se Behand­lung durch­ge­führt wur­de, die Kos­ten zu erstat­ten, die die­ser Trä­ger nach Maß­ga­be des in die­sem Auf­ent­halts­mit­glied­staat gel­ten­den Deckungs­ni­veaus getra­gen hat. Ein Ver­si­cher­ter hat daher bei einem unge­plan­ten Kran­ken­haus­auf­ent­halt in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat – unab­hän­gig von einer even­tu­ell höhe­ren Ver­si­che­rung im eige­nen Land – mit­hin immer nur Anspruch auf Erstat­tung der­je­ni­gen Kos­ten, die auch den dor­ti­gen Ver­si­cher­ten erstat­tet wer­den.

Unge­plan­ter Kran­ken­haus­auf­ent­halt im Urlaub

Nach den spa­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten auf dem Gebiet des Gesund­heits­we­sens sind in der Regel nur die vom natio­na­len spa­ni­schen Gesund­heits­sys­tem an sei­ne Ver­si­cher­ten erbrach­ten Leis­tun­gen völ­lig kos­ten­frei. Gleich­wohl erstat­tet das spa­ni­sche Sys­tem nach der durch die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 [1] vor­ge­se­he­nen Rege­lung dann, wenn ein im spa­ni­schen Sys­tem Ver­si­cher­ter in einem ande­ren Mit­glied­staat eine uner­war­te­te Behand­lung erhält (also eine Kran­ken­haus­be­hand­lung, die durch die Ent­wick­lung sei­nes Gesund­heits­zu­stands wäh­rend eines vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halts in die­sem Mit­glied­staat erfor­der­lich wur­de) dem Trä­ger des Staa­tes, in dem die­se Behand­lung durch­ge­führt wur­de, die von ihm über­nom­me­nen Kos­ten nach Maß­ga­be des in die­sem Auf­ent­halts­mit­glied­staat gel­ten­den Deckungs­ni­veaus. (In den Aus­nah­me­fäl­len einer in einem ande­ren Mit­glied­staat erfolg­ten „drin­gen­den, sofor­ti­gen und lebens­not­wen­di­gen Gesund­heits­ver­sor­gung“ – die von der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che aller­dings nicht betrof­fen ist – über­nimmt und erstat­tet das spa­ni­sche Gesund­heits­sys­tem die Kos­ten jedoch in vol­ler Höhe.) Folg­lich hat der betref­fen­de Ver­si­cher­te grund­sätz­lich kei­nen Anspruch auf Über­nah­me des Teils der Behand­lungs­kos­ten durch den spa­ni­schen Trä­ger, der vom Auf­ent­halts­mit­glied­staat nicht gedeckt und sei­nen Ver­si­cher­ten auf­er­legt wird.

Auf­grund der Beschwer­de eines im spa­ni­schen Gesund­heits­sys­tem Ver­si­cher­ten, der sich bei einem Auf­ent­halt in Frank­reich einer uner­war­te­ten Kran­ken­haus­be­hand­lung unter­zie­hen muss­te und dem bei sei­ner Rück­kehr nach Spa­ni­en die Erstat­tung des Teils der Kran­ken­haus­kos­ten ver­wei­gert wur­de, den ihm Frank­reich nach sei­ner eige­nen Rege­lung auf­er­legt hat­te, beschloss die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on, eine Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge gegen Spa­ni­en zu erhe­ben. Die spa­ni­sche Rege­lung behin­de­re den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr, da sie den spa­ni­schen Ver­si­cher­ten die Erstat­tung des Teils der Behand­lungs­kos­ten vor­ent­hal­te, der nicht durch den Trä­ger des Auf­ent­halts­mit­glied­staats gedeckt sei. Damit habe die betref­fen­de Rege­lung die Wir­kung, sowohl die Erbrin­gung von Behand­lungs­leis­tun­gen im Kran­ken­haus als auch die Erbrin­gung von tou­ris­ti­schen oder bil­dungs­be­zo­ge­nen Leis­tun­gen zu behin­dern, deren Inan­spruch­nah­me den Anlass für einen vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halt in einem ande­ren Mit­glied­staat bil­den könn­ten.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on befin­det in sei­nem heu­te ergan­ge­nen Urteil, dass der freie Dienst­leis­tungs­ver­kehr die Frei­heit eines in einem Mit­glied­staat ansäs­si­gen Ver­si­cher­ten umfasst, sich bei­spiels­wei­se als Tou­rist oder Stu­die­ren­der zu einem vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halt in einen ande­ren Mit­glied­staat zu bege­ben und dort eine Kran­ken­haus­be­hand­lung durch einen Leis­tungs­er­brin­ger mit Sitz in die­sem ande­ren Mit­glied­staat zu erhal­ten, wenn sein Gesund­heits­zu­stand wäh­rend die­ses Auf­ent­halts eine sol­che Behand­lung erfor­der­lich macht. Jedoch kann die spa­ni­sche Rege­lung in ihrer all­ge­mei­nen Bedeu­tung nicht als geeig­net ange­se­hen wer­den, den frei­en Ver­kehr von Behand­lungs­leis­tun­gen im Kran­ken­haus, von tou­ris­ti­schen Leis­tun­gen oder von bil­dungs­be­zo­ge­nen Leis­tun­gen zu behin­dern.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen uni­on unter­schei­det inso­weit zwi­schen dem Fall der uner­war­te­ten Behand­lung und dem einer geplan­ten und geneh­mig­ten Behand­lung in einem ande­ren Mit­glied­staat:

Für einen Ver­si­cher­ten, der sich bei­spiels­wei­se aus tou­ris­ti­schen oder bil­dungs­be­zo­ge­nen Grün­den, nicht aber – wie im Fall einer geplan­ten Behand­lung – wegen einer belie­bi­gen Unzu­läng­lich­keit im Ange­bot des Gesund­heits­sys­tems, dem er ange­schlos­sen ist, in einen ande­ren Mit­glied­staat begibt, kön­nen die Bedin­gun­gen im Zusam­men­hang mit einem Kran­ken­haus­auf­ent­halt in einem ande­ren Mit­glied­staat je nach Ein­zel­fall Vor- oder Nach­tei­le haben. Dies erklärt sich nament­lich durch die natio­na­len Unter­schie­de bei der sozia­len Absi­che­rung und der Zweck der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71, die natio­na­len Vor­schrif­ten zu koor­di­nie­ren, nicht aber, sie ein­an­der anzu­glei­chen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof weist hier­zu dar­auf hin, dass sei­ne Recht­spre­chung zum frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr im Rah­men geplan­ter Behand­lun­gen auf uner­war­te­te Behand­lun­gen nicht anwend­bar ist. Die Fäl­le, die in einem ande­ren Mit­glied­staat geplan­te Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen betref­fen, erge­ben sich näm­lich aus der Fest­stel­lung, dass im Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat die frag­li­che Behand­lung inner­halb eines medi­zi­nisch ver­tret­ba­ren zeit­li­chen Rah­mens nicht oder nicht eben­so wirk­sam zur Ver­fü­gung steht. Anders als bei der Rege­lung betref­fend uner­war­te­te Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen muss der Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat im Fall geplan­ter Behand­lun­gen nach den Regeln des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs und somit auf­grund sei­ner Ver­pflich­tun­gen aus der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 dem Ver­si­cher­ten daher ein Deckungs­ni­veau garan­tie­ren, das eben­so vor­teil­haft ist wie das­je­ni­ge, das er dem Betrof­fe­nen gewährt hät­te, hät­te besag­te Behand­lung inner­halb des genann­ten Zeit­raums in sei­nem eige­nen Gesund­heits­sys­tem zur Ver­fü­gung gestan­den.

Wird die uner­war­te­te Kran­ken­haus­be­hand­lung unter Umstän­den erfor­der­lich, die ins­be­son­de­re mit der Dring­lich­keit, der Schwe­re der Beein­träch­ti­gung oder des Unfalls oder auch mit der aus medi­zi­ni­scher Sicht bestehen­den Unmög­lich­keit einer Rück­rei­se in den Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat in Zusam­men­hang ste­hen, kann der spa­ni­schen Rege­lung hin­sicht­lich der Erbrin­gung von Behand­lungs­leis­tun­gen im Kran­ken­haus durch in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­si­ge Leis­tungs­er­brin­ger kei­ner­lei hin­der­li­che Wir­kung zuge­schrie­ben wer­den. In die­sen Fäl­len hat der Ver­si­cher­te näm­lich nicht die Wahl zwi­schen einer Kran­ken­haus­be­hand­lung in dem Mit­glied­staat, in dem er sich vor­über­ge­hend auf­hält, und einer vor­zei­ti­gen Rück­kehr nach Spa­ni­en.

Zudem hin­ge in den Fäl­len, in denen die uner­war­te­te Behand­lung Situa­tio­nen betrifft, die nicht so gear­tet sind, dass dem Ver­si­cher­ten die Wahl zwi­schen einer Kran­ken­haus­pfle­ge in dem Mit­glied­staat, in dem er sich vor­über­ge­hend auf­hält, und einer vor­zei­ti­gen Rück­kehr nach Spa­ni­en genom­men wäre, die etwai­ge Ent­schei­dung des Ver­si­cher­ten, vor­zei­tig nach Spa­ni­en zurück­zu­keh­ren oder auf eine Rei­se in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­zich­ten, zum einen davon ab, ob sein Gesund­heits­zu­stand wäh­rend sei­nes vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halts tat­säch­lich eine Kran­ken­haus­be­hand­lung erfor­der­lich mach­te, und zum ande­ren von dem Deckungs­ni­veau, das in dem Mit­glied­staat, in dem er sich vor­über­ge­hend auf­hält, für die dort in Aus­sicht genom­me­ne Kran­ken­haus­be­hand­lung gilt, deren Gesamt­kos­ten zu dem Zeit­punkt nicht bekannt sind. Dem­entspre­chend gelangt der Gerichts­hof zu dem Ergeb­nis, dass in sol­chen Fäl­len der Umstand, dass im spa­ni­schen Gesund­heits­sys­tem Ver­si­cher­te ver­an­lasst sein könn­ten, vor­zei­tig nach Spa­ni­en zurück­zu­keh­ren, um dort die erfor­der­lich gewor­de­ne Kran­ken­haus­be­hand­lung zu erhal­ten, oder auf eine Rei­se in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­zich­ten, wenn sie nicht mit einem ergän­zen­den Ein­tre­ten des spa­ni­schen Trä­gers rech­nen kön­nen, als zu unge­wiss und mit­tel­bar erscheint.

Dar­über hin­aus hebt der Gerichts­hof her­vor, dass im Unter­schied zu geplan­ten Behand­lun­gen die Zahl der Fäl­le uner­war­te­ter Behand­lun­gen nicht vor­her­seh­bar und nicht zu kon­trol­lie­ren ist. Die Anwen­dung der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 beruht, wie der Gerichts­hof in die­sem Zusam­men­hang dar­legt, auf einem umfas­sen­den Risi­ko­aus­gleich. So ergibt sich im Rah­men des durch die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 für uner­war­te­te Behand­lun­gen errich­te­ten Sys­tems eine all­ge­mei­ne Aus­ge­wo­gen­heit. Die Fäl­le, in denen die uner­war­te­te, in einem ande­ren Mit­glied­staat vor­ge­nom­me­ne Kran­ken­haus­be­hand­lung auf­grund der Anwen­dung von des­sen Rege­lung den Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat einer höhe­ren finan­zi­el­len Belas­tung aus­setzt, als wenn die­se Behand­lung in einer sei­ner Ein­rich­tun­gen vor­ge­nom­men wor­den wäre, wer­den näm­lich umfas­send durch die Fäl­le aus­ge­gli­chen, in denen dem­ge­gen­über die Anwen­dung der Rege­lung des Auf­ent­halts­mit­glied­staats beim Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat zu einer finan­zi­el­le Belas­tung führt, die gerin­ger ist als die­je­ni­ge, die sich aus der Anwen­dung sei­ner eige­nen Rege­lung erge­ben hät­te.

Wür­de man daher einem Mit­glied­staat die Ver­pflich­tung auf­er­le­gen, den bei ihm Ver­si­cher­ten immer dann eine ergän­zen­de Erstat­tung zu garan­tie­ren, wenn das Deckungs­ni­veau, das im Auf­ent­halts­mit­glied­staat für die uner­war­te­ten Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen gilt, nied­ri­ger ist als das nach sei­ner eige­nen Rege­lung gel­ten­de, wür­de dies dar­auf hin­aus­lau­fen, unmit­tel­bar die Anla­ge des durch die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 errich­te­ten Sys­tems zu beein­träch­ti­gen. In einem sol­chen Fall hät­te näm­lich der Ver­si­che­rungs­mit­glied­staat sys­te­ma­tisch die finan­zi­el­le Höchst­be­las­tung zu tra­gen, sei es auf­grund der Anwen­dung der Rege­lung des Auf­ent­halts­mit­glied­staats, die ein höhe­res Deckungs­ni­veau vor­sieht als die Rege­lung des Ver­si­che­rungs­mit­glied­staats, sei es durch die Anwen­dung der letzt­ge­nann­ten Rege­lung im umge­kehr­ten Fall.

Dem­zu­fol­ge hat der Gerichts­hof die Kla­ge der Kom­mis­si­on abge­wie­sen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 15. Juni 2010 – C‑211/​08 [Kom­mis­si­on /​Spa­ni­en]

  1. Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates vom 14.06. Juni 1971 zur Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern, in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 118/​97 des Rates vom 2. Dezem­ber 1996, ABl. 1997, L 28, S. 1, geän­der­ten und aktua­li­sier­ten Fas­sung, geän­dert durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 1992/​2006 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 18. Dezem­ber 2006, ABl. L 392. Die­se Ver­ord­nung wur­de mit Wir­kung vom 1. Mai 2010 durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004, ABl. L 166, S. 1, ersetzt.[]