Ände­rung des Grund­la­gen­be­scheids – wäh­rend des Kla­ge­ver­fah­rens gegen den Fol­ge­be­scheid

Nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 der Abga­ben­ord­nung (AO) ist die für den Erlass des Fol­ge­be­scheids zustän­di­ge Finanz­be­hör­de ver­pflich­tet, die not­wen­di­gen Fol­ge­run­gen aus dem Grund­la­gen­be­scheid zu zie­hen 1. Dabei kann die Finanz­be­hör­de den Fol­ge­be­scheid bereits vor dem Grund­la­gen­be­scheid erlas­sen (§ 155 Abs. 2 AO). Ergeht der Grund­la­gen­be­scheid nach­träg­lich, ist der zuvor erlas­se­ne Fol­ge­be­scheid nur inso­weit zu ändern, als er dem Grund­la­gen­be­scheid nicht ent­spricht 2.

Ände­rung des Grund­la­gen­be­scheids – wäh­rend des Kla­ge­ver­fah­rens gegen den Fol­ge­be­scheid

Nach § 100 Abs. 1 FGO hat das Finanz­ge­richt den ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt und die Ent­schei­dung über den außer­ge­richt­li­chen Rechts­be­helf auf­zu­he­ben, soweit die­ser rechts­wid­rig ist und den Klä­ger in sei­nen Rech­ten ver­letzt. Die Rechts­wid­rig­keit muss im Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt bestehen 3. Wer­den ent­schei­dungs­er­heb­li­che Tat­sa­chen erst im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren bekannt oder nach­ge­wie­sen, hat das Finanz­ge­richt die­se Tat­sa­chen bei der Ent­schei­dungs­fin­dung zu berück­sich­ti­gen. Eine Aus­nah­me gilt ledig­lich für Ermes­sens­ent­schei­dun­gen, bei denen grund­sätz­lich nur die dem Finanz­amt bei Erlass der Ein­spruchs­ent­schei­dung bekann­ten Tat­sa­chen zu berück­sich­ti­gen sind (§ 102 FGO).

Ändert sich ein Sach­ver­halt auf­grund einer rechts­ge­stal­ten­den Erklä­rung im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren rück­wir­kend, hat das Finanz­ge­richt den geän­der­ten Sach­ver­halt eben­falls sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de zu legen. Dies ist höchst­rich­ter­lich für den Fall des § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO ent­schie­den 4. Nichts ande­res gilt jedoch für eine Ände­rung nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO, denn die bei­den Vor­schrif­ten sind bezüg­lich der Rechts­fol­gen (Bin­dungs­wir­kung für die Finanz­be­hör­de) iden­tisch. Ergeht danach im lau­fen­den Anfech­tungs­ver­fah­ren gegen den Fol­ge­be­scheid der mate­ri­ell zutref­fen­de und mit dem Fol­ge­be­scheid über­ein­stim­men­de Grund­la­gen­be­scheid, muss das Finanz­ge­richt dies bei sei­ner Ent­schei­dung über die Recht­mä­ßig­keit des Fol­ge­be­scheids berück­sich­ti­gen.

War der Fol­ge­be­scheid bis zum Erlass des Grund­la­gen­be­scheids rechts­wid­rig und ist er (nach­träg­lich) durch den Grund­la­gen­be­scheid recht­mä­ßig gewor­den, hat sich ggf. der Rechts­streit in der Haupt­sa­che erle­digt.

Bean­tragt der Klä­ger in einem sol­chen Fall gleich­wohl die Auf­he­bung des (nun­mehr recht­mä­ßi­gen) Fol­ge­be­scheids, muss das Finanz­ge­richt die Kla­ge abwei­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 5. August 2015 – II B 113/​14

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 28.11.2001 – X R 23/​97, BFH/​NV 2002, 614; Loo­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 175 AO Rz 8, m.w.N.[]
  2. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 155 AO Rz 31[]
  3. Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 100 FGO Rz 39; Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 100 FGO Rz 6[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 28.07.2005 – III R 68/​04, BFHE 211, 107, BSt­Bl II 2008, 350[]