Akten­ein­sicht nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens

Es besteht kein Anspruch auf Gewäh­rung von Akten­ein­sicht nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens zur Vor­be­rei­tung von Regress­an­sprü­chen gegen den Steu­er­be­ra­ter.

Akten­ein­sicht nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens

Auch nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens kann das Akten­ein­sichts­ge­such nicht auf außer­steu­er­li­che Grund­la­gen, wie das Daten­schutz­gestz oder das (Lan­des)Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz, gestützt wer­den.

Kei­ne Bestim­mung zur Akten­ein­sicht in der AO

Die Abga­ben­ord­nung ent­hält –anders als ande­re Ver­fah­rens­ord­nun­gen wie z.B. § 29 VwVfG und § 147 StPO– kei­ne Rege­lung, nach der ein Anspruch auf Akten­ein­sicht besteht. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein sol­ches Ein­sichts­recht weder aus § 91 Abs. 1 AO und dem hier­zu ergan­ge­nen Anwen­dungs­er­lass zur Abga­ben­ord­nung (AEAO) noch aus § 364 AO und dem dazu ergan­ge­nen AEAO abzu­lei­ten 1.

Akten­ein­sicht im Besteue­rungs­ver­fah­ren

Aller­dings aner­kennt der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung –eben­so wie die Finanz­ver­wal­tung in Nr. 4 AEAO zu § 91 AO – , dass dem wäh­rend eines Ver­wal­tungs­ver­fah­rens um Akten­ein­sicht nach­su­chen­den Steu­er­pflich­ti­gen oder sei­nem Ver­tre­ter ein Anspruch auf eine pflicht­ge­mä­ße Ermes­sens­ent­schei­dung der Behör­de zusteht 2. In die­sem Rah­men hat das Gericht die behörd­li­che Ent­schei­dung nur dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob die Behör­de von dem ihr ein­ge­räum­ten Ermes­sen Gebrauch gemacht hat, die Gren­zen ihres Ermes­sens über­schrit­ten oder die­ses Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se aus­ge­übt hat (§ 102 FGO).

Der Bun­des­fi­nanz­hof sieht den Anspruch des Ein­sicht­su­chen­den auf feh­ler­freie Ermes­sens­ent­schei­dung als gewahrt an, wenn das Finanz­amt im Rah­men einer Inter­es­sen­ab­wä­gung des­sen Belan­ge und die der Behör­de gegen­ein­an­der abge­wo­gen hat 3.

…und nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens

Im Streit­fall schei­tert ein Anspruch auf ermes­sens­feh­ler­freie Ent­schei­dung über die Gewäh­rung von Akten­ein­sicht bereits dar­an, dass das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren mit der bestands­kräf­ti­gen Fest­set­zung der Umsatz­steu­er abge­schlos­sen ist. Eben­so wie beim Anspruch nach § 364 AO geht es auch bei dem Akten­ein­sichts­recht um die Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten. Nach Abschluss des Ver­fah­rens fehlt es dem für die­ses Ver­fah­ren erfor­der­li­chen Inter­es­se an der Kennt­nis der Unter­la­gen 4.

Kein Anspruch aus Treu und Glau­ben

Die Klä­ge­rin kann sich auch nicht auf einen aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben her­ge­lei­te­ten Anspruch auf Akten­ein­sicht beru­fen. Nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung erstreckt sich die Pflicht, Treu und Glau­ben zu genü­gen (§ 242 BGB), weil auf einem all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken beru­hend, auch auf das öffent­li­che Recht 5 und ver­langt die Rück­sicht­nah­me auf die berech­tig­ten Inter­es­sen des ande­ren Betei­lig­ten im Steu­er­rechts-(Steu­er­pflicht-, Steu­er­schuld-)Ver­hält­nis. Der Grund­satz von Treu und Glau­ben ist unmit­tel­bar aus der Gerech­tig­keits­idee ableit­bar und aus sich her­aus Rechts­quel­le 6.

Ein Steu­er­rechts­ver­hält­nis zwi­schen Finanz­amt und Steu­er­pflich­ti­gem besteht aber nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens nicht mehr.

Doch selbst wenn man in Nach­wir­kung eines abge­schlos­se­nen Ver­fah­rens gewis­se Ver­pflich­tun­gen des Finanz­am­tes aus Treu und Glau­ben gegen­über dem ehe­mals Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten aner­ken­nen könn­te, ergä­be sich hier­aus im Streit­fall kein Anspruch auf Gewäh­rung der begehr­ten Akten­ein­sicht. Denn die­se in gewis­sem Umfang mög­li­cher­wei­se bestehen­den nach­sor­gen­den Ver­pflich­tun­gen hat das Finanz­amt im Streit­fall erfüllt, in dem es unter Abwä­gung der unter­schied­li­chen Inter­es­sen, der der Klä­ge­rin, der des sei­ner­zei­ti­gen Bevoll­mäch­tig­ten und sei­ner eige­nen behörd­li­chen Inter­es­sen das Gesuch geprüft und mit aus­führ­li­cher, für das Gericht nach­voll­zieh­ba­rer Begrün­dung abge­lehnt hat. Ins­be­son­de­re ist es nicht zu bean­stan­den, dass der Beklag­te sei­nen Inter­es­sen an einer grund­sätz­lich bestehen­den Geheim­hal­tung der Akten wäh­rend des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens den Vor­rang ein­ge­räumt hat gegen­über dem Inter­es­se des Klä­gers an der Beschaf­fung von Erkennt­nis­sen für einen Regress­pro­zess. Inso­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass selbst aus einer bestehen­den abga­ben­recht­li­chen "Son­der­ver­bin­dung" kei­ne Treue­pflicht zur Unter­stüt­zung ver­fah­rens­frem­der Zwe­cke abzu­lei­ten ist.

Kei­en außer­steu­er­li­chen Anspruchs­grund­la­gen

Schließ­lich kann die Klä­ge­rin ihr Begeh­ren auch nicht mit Erfolg auf ande­re, außer­steu­er­li­che Anspruchs­grund­la­gen, wie etwa das Ham­bur­gi­sche Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz oder das Ham­bur­gi­sche Daten­schutz­ge­setz, stüt­zen, auch nicht nach Abschluss des Besteue­rungs­ver­fah­rens.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Gerichts­be­scheid vom 2. Märu 2011 – 2 K 59/​10

  1. z.B. BFH, Urteil vom 23.02.2010 – VII R 19/​09, BSt­Bl II 2010, 729 m. w. N.[]
  2. vgl. z.B. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 23.02.2010 – VII R 19/​09, BSt­Bl II 2010,729 m. w. N; und vom 04.06.2003 – VII B 138/​01, BSt­Bl II 2003, 790, m. w. N.[]
  3. vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 04.06.2003 – VII B 138/​01, BSt­Bl II 2003, 790; vom 08.06.1995 – IX B 168/​94, BFH/​NV 1996, 64; und vom 07.05.1985 – VII R 25/​82, BSt­Bl II 1985, 571[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 23.02.2010 – VII R 19/​09, BSt­Bl II 2010,729[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 22.01.1993 – 8 C 46/​91, BVerw­GE 92, 8, m. w. N.). Sie ist dem­entspre­chend auch im Steu­er­recht als all­ge­mei­ner Rechts­grund­satz unein­ge­schränkt aner­kannt ((vgl. BFH, Urtei­le vom 08.02.1996 – V R 54/​94, BFH/​NV 1996, 733; vom 09.08.1989 – I R 181/​85, BSt­Bl II 1989, 990, und vom 08.02.1995 – I R 127/​93, BSt­Bl II 1995, 764[]
  6. BFH, Urteil vom 09.08.1989 – I R 181/​85, BSt­Bl II 1989, 990[]