Die ver­bind­li­che Zusa­ge des Finanz­am­tes – und der Umfang ihrer Bin­dungs­wir­kung

Eine ver­bind­li­che Zusa­ge des Finanz­amt ent­fal­tet Bin­dungs­wir­kung nur zuguns­ten, nicht zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen. Betrifft sie eine ein­heit­li­che und geson­der­te Fest­stel­lung, so kön­nen sich die anfech­tungs­be­rech­tig­ten Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten grund­sätz­lich nur ein­ver­nehm­lich auf sie beru­fen. Geschieht dies nicht, so ent­fällt die Bin­dungs­wir­kung auch dann, wenn sich ein­zel­ne Fest­stel­lungs­be­tei­lig­te unter Ver­stoß gegen ihre gesell­schafts­recht­li­che Treue­pflicht von ihr lösen.

Die ver­bind­li­che Zusa­ge des Finanz­am­tes – und der Umfang ihrer Bin­dungs­wir­kung

Die Bin­dungs­wir­kung einer Zusa­ge wur­de bis zur Ein­füh­rung des § 89 Abs. 2 AO aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben her­ge­lei­tet 1. Sie ent­fiel, wenn die Zusa­ge klar dem Gesetz wider­sprach und offen­sicht­lich rechts­wid­rig war 2. Eine ver­bind­li­che Zusa­ge bezüg­lich einer geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung führ­te zu offen­sicht­lich rechts­wid­ri­gen Ergeb­nis­sen, wenn von meh­re­ren Betei­lig­ten ein Teil sich auf die Zusa­ge beru­fen, ein ande­rer Teil aber die Besteue­rung auf­grund einer abwei­chen­den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Wür­di­gung durch­set­zen könn­te. Die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Ein­heit­lich­keit der Fest­stel­lung (§ 179 Abs. 2 Satz 2 AO) wäre dann nicht mehr gewähr­leis­tet.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall bedeu­tet das: Die Ein­künf­te der (ehe­ma­li­gen) Mit­un­ter­neh­mer sind geson­dert und ein­heit­lich fest­zu­stel­len (§ 179 Abs. 2 Satz 2 i.V.m. § 180 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a AO), da sie ihnen als Mit­un­ter­neh­mern gemein­sam zuzu­rech­nen sind. Inso­fern ist neben der aus­schei­den­den Gesell­schaf­te­rin auch die Sozie­tät kla­ge­be­fugt. Die Sozie­tät hat sich vor­lie­gend aber durch die Erklä­rung eines über dem Kapi­tal­wert der Ren­te lie­gen­den Ver­äu­ße­rungs­ge­winns der aus­schei­den­den Gesell­schaf­te­rin von der Zusa­ge gelöst, nach der nur die Ren­te bei der aus­schei­den­den Gesell­schaf­te­rin zu einem Ver­äu­ße­rungs­ge­winn füh­ren soll­te.

Die Sozie­tät muss sich auch nicht an der Zusa­ge fest­hal­ten las­sen. Die Bin­dungs­wir­kung der Zusa­ge gilt nur zuguns­ten, nicht zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen 3.

Aus der gesell­schafts­recht­li­chen Treue­pflicht folgt auch nichts Ande­res.

Die gesell­schafts­recht­li­che Treue­pflicht ver­langt von Gesell­schaf­tern einer Per­so­nen­ge­sell­schaft, die Belan­ge der Gesell­schaft und der ande­ren Gesell­schaf­ter nicht zu beein­träch­ti­gen 4. Dies gilt auch im Hin­blick auf Ver­fah­rens­hand­lun­gen im Besteue­rungs­ver­fah­ren 5 und in einer auf­ge­lös­ten Gesell­schaft bzw. als nach­lau­fen­de Treue­pflicht 6.

Die­se Pflicht besteht aber nur zwi­schen den Gesell­schaf­tern unter­ein­an­der bzw. zwi­schen Gesell­schaf­tern und Gesell­schaft 7. Sie betrifft nicht das Außen­ver­hält­nis zum Finanz­amt im Besteue­rungs­ver­fah­ren. Die Treue­pflicht kann sich zwar in Ein­zel­fäl­len zu einer Pflicht zur Zustim­mung zu einer kon­kre­ten Geschäfts­füh­rungs­maß­nah­me ver­dich­ten. Eine rechts­wid­rig ver­wei­ger­te Zustim­mung wird aber auch dann nicht im Außen­ver­hält­nis fin­giert, son­dern muss im Wege der Leis­tungs­kla­ge über § 894 der Zivil­pro­zess­ord­nung erzwun­gen wer­den 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2015 – III R 49/​13

  1. z.B. BFH, Urteil vom 16.11.2005 – X R 3/​04, BFHE 211, 30, BSt­Bl II 2006, 155, unter II. 2.i; BFH, Urteil vom 15.03.2007 – III R 39/​06 BFH/​NV 2007, 1459, unter 4., sowie BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2003, 742[]
  2. BFH, Urteil vom 16.07.2002 – IX R 28/​98, BFHE 198, 403, BSt­Bl II 2002, 714, unter II. 2.d[]
  3. vgl. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2003, 742, Tz.04.4[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.09.2002 – II ZR 198/​00, DStR 2002, 2234; und vom 19.10.2009 – II ZR 240/​08, BGHZ 183, 1; MünchKommBGB/​Ulmer/​Schä­fer, 6. Aufl., § 705 Rz 229[]
  5. vgl. OLG Mün­chen, Beschlüs­se vom 18.10.und 23.12 2010 – 7 U 3343/​10; OLG Dres­den, Beschluss vom 29.11.2004 – 2 U 1507/​04, GmbH-Rund­schau 2005, 238[]
  6. MünchKommHGB/​Karsten Schmidt, 3. Aufl., § 105 Rz 188[]
  7. MünchKommHGB/​Karsten Schmidt, a.a.O., § 105 Rz 189[]
  8. BGH, Urteil vom 19.06.2008 – III ZR 46/​06, DStR 2008, 1741, unter II.B.01.[]