Abfin­dung einer Erfin­der­ver­gü­tung

Gibt der Arbeit­neh­mer mit sei­nem Inter­es­se an einer Wei­ter­füh­rung der ursprüng­li­chen Ver­ein­ba­rung auf Arbeit­neh­mer­er­fin­der­ver­gü­tung im Kon­flikt mit sei­nem Arbeit­ge­ber nach und nimmt des­sen Abfin­dungs­an­ge­bot an, so ent­spricht es dem Zweck des von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Merk­mals der Zwangs­si­tua­ti­on, nicht schon wegen die­ser güt­li­chen Eini­gung in kon­f­li­gie­ren­der Inter­es­sen­la­ge einen tat­säch­li­chen Druck in Fra­ge zu stel­len.

Abfin­dung einer Erfin­der­ver­gü­tung

Nach § 34 Abs. 1 Satz 1 EStG ist auf alle im Ver­an­la­gungs­zeit­raum bezo­ge­nen außer­or­dent­li­chen Ein­künf­te die Ein­kom­men­steu­er nach einem ermä­ßig­ten Steu­er­satz (§ 34 Abs. 1 Sät­ze 2 bis 4 EStG) zu berech­nen. Außer­or­dent­li­che Ein­künf­te sind gemäß § 34 Abs. 2 Nr. 2 EStG Ent­schä­di­gun­gen i.S. des § 24 Nr. 1 EStG.

Die Abfin­dung, um die es hier geht, erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen des § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG. Ent­schä­di­gun­gen sind Leis­tun­gen, die "als Ersatz für ent­gan­ge­ne oder ent­ge­hen­de Ein­nah­men" gewährt wer­den, d.h. an die Stel­le weg­ge­fal­le­ner oder weg­fal­len­der Ein­nah­men tre­ten. Der Steu­er­pflich­ti­ge muss einen Scha­den durch Weg­fall von Ein­nah­men erlit­ten haben und die Zah­lung muss unmit­tel­bar dazu bestimmt sein, die­sen Scha­den aus­zu­glei­chen 1.

Die­se Bedin­gun­gen sind nach dem durch das Finanz­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt ersicht­lich erfüllt; denn durch die Ver­ein­ba­rung vom 31.05.2006 tritt die Abfin­dung an die Stel­le der künf­ti­gen Ansprü­che aus der Ver­ein­ba­rung auf Arbeit­neh­mer­er­fin­der­ver­gü­tung, die sich mit der Erfül­lung der Abfin­dungs­ver­ein­ba­rung erle­di­gen.

Dass die Ent­schä­di­gung im kon­kre­ten Fall als Ersatz für ent­gan­ge­ne oder ent­ge­hen­de Ein­nah­men gezahlt wur­de, ist zwar grund­sätz­lich aus der Sicht der Ver­trags­par­tei­en vom Finanz­ge­richt als Tat­sa­chen­in­stanz zu beur­tei­len 2. Der im Streit­fall offen­kun­di­ge Ent­schä­di­gungs­cha­rak­ter der Abfin­dung ist indes zwi­schen den Betei­lig­ten im Kern gar nicht strei­tig. Es geht ihnen viel­mehr um ein wei­te­res von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­tes Merk­mal der Ent­schä­di­gung, näm­lich um die Zwangs­si­tua­ti­on.

Danach setzt eine Ent­schä­di­gung i.S. des § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG fer­ner vor­aus, dass der Aus­fall der Ein­nah­men ent­we­der von drit­ter Sei­te ver­an­lasst wur­de oder, wenn er vom Steu­er­pflich­ti­gen selbst oder mit des­sen Zustim­mung her­bei­ge­führt wor­den ist, die­ser unter recht­li­chem, wirt­schaft­li­chem oder tat­säch­li­chem Druck stand. Eine Steu­er­ermä­ßi­gung soll danach nur gerecht­fer­tigt sein, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sich dem zusam­men­ge­ball­ten Zufluss der Ein­nah­men nicht hat ent­zie­hen kön­nen 3.

Davon ist im Streit­fall aus­zu­ge­hen: Der Klä­ger ist auf das Ange­bot sei­nes Arbeit­ge­bers, das die­sem vom Patent­an­walt "nahe gelegt" wur­de, aus Grün­den der Loya­li­tät und zur Ver­mei­dung wei­te­rer Strei­tig­kei­ten ein­ge­gan­gen, obschon ihm wei­ter­hin jähr­li­che Zah­lun­gen lie­ber gewe­sen wären. Damit stand der Klä­ger unter tat­säch­li­chem Druck, dem er früh­zei­tig nach­ge­ge­ben hat. Sein Inter­es­se, die ursprüng­li­che Ver­ein­ba­rung auf Arbeit­neh­mer­er­fin­der­ver­gü­tung wei­ter­zu­füh­ren, stieß auf das damit in Kon­flikt tre­ten­de Inter­es­se sei­nes Arbeit­ge­bers an einer Ein­mal­zah­lung, um alle Rechts­be­zie­hun­gen zu erle­di­gen. Wenn Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer schließ­lich eine Lösung im Kon­sens fin­den, so ent­spricht es nicht dem Zweck des von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Merk­mals der Zwangs­si­tua­ti­on, wür­de man bei die­ser güt­li­chen Eini­gung einer kon­f­li­gie­ren­den Inter­es­sens­la­ge einen tat­säch­li­chen Druck negie­ren. Das wür­de wor­auf die Revi­si­on zutref­fend hin­weist- gera­de­zu dazu anhal­ten, es auf einen an sich ver­meid­ba­ren- Rechts­streit ankom­men zu las­sen. Es reicht viel­mehr aus, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sich dem Ansin­nen des Arbeit­ge­bers an einer Ein­mal­zah­lung nicht mehr wider­setzt – und sich dem Zufluss der Abfin­dung des­halb nicht ent­zie­hen kann.

Die Abfin­dung führt auch zu einem zusam­men­ge­ball­ten Zufluss im Streit­jahr. Außer­or­dent­li­che Ein­künf­te i.S. des § 34 Abs. 1 EStG wer­den in stän­di­ger Recht­spre­chung grund­sätz­lich nur bejaht, wenn die zu begüns­ti­gen­den Ein­künf­te in einem Ver­an­la­gungs­zeit­raum zu erfas­sen sind und durch die Zusam­men­bal­lung von Ein­künf­ten erhöh­te steu­er­li­che Belas­tun­gen ent­ste­hen 4. Nach den Fest­stel­lun­gen liegt im Streit­fall eine der­ar­ti­ge Aus­nah­me­si­tua­ti­on ersicht­lich vor und bedarf kei­ner wei­te­ren Begrün­dung.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 29. Febru­ar 2012 – IX R 28/​11

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 11.01.2005 – IX R 67/​02, BFH/​NV 2005, 1044; und vom 09.07.2002 – IX R 29/​98, BFH/​NV 2003, 21[]
  2. BFH, Urteil vom 18.10.2011 – IX R 58/​10, BFH/​NV 2012, 501[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2005, 1044; und vom 27.07.2004 – IX R 64/​01, BFH/​NV 2005, 191, jeweils m.w.N.[]
  4. ein­ge­hend dazu BFH, Urteil vom 26.01.2011 – IX R 20/​10, BFHE 232, 471[]