Deut­sches Kin­der­geld oder schwei­ze­ri­sche Kin­der­zu­la­ge

Für eine Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge, deren Ehe­mann in der Schweiz erwerbs­tä­tig ist, besteht kein Anspruch auf Kin­der­geld. Dies ent­schied jetzt das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg und setzt damit eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on [1] um.

Deut­sches Kin­der­geld oder schwei­ze­ri­sche Kin­der­zu­la­ge

Die Klä­ge­rin ist zwar nach § 62 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 2 EStG grund­sätz­lich kin­der­geld­be­rech­tigt. Ihre bei­den Kin­der sind Kin­der im Sin­ne des § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 3 EStG. Der Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin ist nicht nach § 64 EStG aus­ge­schlos­sen, weil nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs der Grenz­gän­ger im Wohn­land kei­nen Anspruch auf (Differenz-)Kindergeld hat [2].

Der Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin ist aber durch § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, Abs. 2 EStG aus­ge­schlos­sen; denn der Vater der Kin­der bezieht für die Kin­der in der Schweiz Kin­der­zu­la­gen. Schwei­ze­ri­sche Kin­der­zu­la­gen sind mit dem deut­schen Kin­der­geld ver­gleich­bar [3]. Es kommt auch nicht dar­auf an, ob die ande­re Leis­tung der nach deut­schem Recht kin­der­geld­be­rech­tig­ten Per­son oder einem Drit­ten –wie hier dem Vater der Kin­der – zusteht [4].

§ 65 Abs. 2 EStG ver­stößt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auch nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG, soweit eine Teil­kin­der­geld­re­ge­lung dann nicht vor­ge­se­hen ist, wenn –wie hier– ein Anspruch auf ver­gleich­ba­re, aber gerin­ge­re Leis­tun­gen an einem Beschäf­ti­gungs­ort im Aus­land besteht [5]. Ein Ver­stoß gegen Art. 6 GG ist eben­falls nicht erkenn­bar.

Auch das Uni­ons­recht gewährt kei­nen Anspruch auf Dif­fe­renz­kin­der­geld.

Soweit es das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg im Vor­la­ge­be­schluss vom 18. Juni 2009 [6] für gemein­schafts­recht­lich zwei­fel­haft gehal­ten hat, ob der Klä­ge­rin Dif­fe­renz­kin­der­geld nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. a Ver­ord­nung 574/​72/​EWG i.V.m. Art. 1 Ver­ord­nung 859/​2003/​EG und dem FZA zusteht, hat hier­zu der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­führt:

… 36. Wie die deut­sche Regie­rung … zu Recht vor­ge­tra­gen hat, ist mit der durch das FZA geschaf­fe­nen Rege­lung, da sie auf die Anwen­dung der dort aus­drück­lich ange­führ­ten Rechts­ak­te begrenzt ist, kei­ne Ver­wei­sung auf die Rechts­ak­te in ihrer aktua­li­sier­ten Fas­sung beab­sich­tigt. Selbst wenn die Ver­ord­nung 859/​2003/​EG als blo­ße Ände­rung der Ver­ord­nun­gen 1408/​71/​EWG und 574/​72/​EWG anzu­se­hen wäre, könn­te sie folg­lich nicht auf­grund des FZA ange­wandt wer­den. Die­se dem FZA zeit­lich nach­fol­gen­de Ver­ord­nung kann daher nur infol­ge einer Ände­rung des Abkom­mens selbst in die­ses Abkom­men ein­be­zo­gen wer­den.

37. Die Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit in der Schweiz durch A ist daher kein Fak­tor, der dazu führt, dass sei­ne Situa­ti­on über die Gren­zen eines Mit­glied­staats hin­aus­weist. Sei­ne Situa­ti­on weist näm­lich aus­schließ­lich Ver­bin­dun­gen zu einem Dritt­staat, der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft, und einem ein­zi­gen Mit­glied­staat, der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, auf.

38. Da die zwei­te in Art. 1 der Ver­ord­nung 859/​2003/​EG auf­ge­stell­te Vor­aus­set­zung nicht erfüllt ist, fin­det die­se Ver­ord­nung auf die Situa­ti­on einer Per­son wie A dem­nach kei­ne Anwen­dung.

39. … Folg­lich kann nicht fest­ge­stellt wer­den, dass der Wohn­sitz­mit­glied­staat auf den Arbeit­neh­mer und sei­nen Ehe­gat­ten die Ver­ord­nun­gen 1408/​71/​EWG und 574/​72/​EWG anzu­wen­den hat. …

Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.

Soweit das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in sei­nem Vor­la­ge­be­schluss außer­dem die Fra­ge gestellt hat, ob die Ver­sa­gung von Dif­fe­renz­kin­der­geld mit den Grund­frei­hei­ten der bei­den Kin­der ver­ein­bar ist, hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on geant­wor­tet:

… 43. Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Gemein­schafts­recht die Zustän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten zur Aus­ge­stal­tung ihrer Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit unbe­rührt lässt und es man­gels einer Har­mo­ni­sie­rung auf Gemein­schafts­ebe­ne Sache des Rechts des jewei­li­gen Mit­glied­staats ist, die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit sowie ihre Höhe und die Dau­er ihrer Gewäh­rung zu bestim­men [7].

44. Der Umstand allein, dass die Kin­der der Ehe­leu­te A Uni­ons­bür­ger sind, führt inso­weit nicht dazu, dass die Ver­sa­gung des Kin­der­gelds in Deutsch­land rechts­wid­rig ist, wenn, wie aus den Fest­stel­lun­gen des vor­le­gen­den Gerichts her­vor­geht, die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für des­sen Gewäh­rung nicht erfüllt sind. …

Des­halb ist auch inso­weit der Kla­ge der Erfolg zu ver­sa­gen.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 17. Febru­ar 2011 – 3 K 4694/​10

  1. EuGH, Urteil vom 18.11.2010 – C‑247/​09, HFR 2011, 115[]
  2. z.B. BFH, Urteil vom 24.03.2006 – III R 42/​05, BFH/​NV 2006, 1639, m.w.N.[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 24.03.2006 – III R 41/​05, BFHE 212, 551, BStBl II 2008, 369; vom 24. März 2006 III R 42/​05, BFH/​NV 2006, 1639; vgl. auch Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ge­richt, Urteil vom 11.07.2003 – 2P.131/2002, BGE 129 I 265[]
  4. vgl. EuGH, Urteil vom 05.02.2002 – C‑255/​99, Humer, Slg 2002, I‑1205 Randnr. 50; BFH, Beschluss vom 27.11.1998 – VI B 120/​98, BFH/​NV 1999, 614[]
  5. so BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, BFH/​NV 2005, Bei­la­ge 1, 33[]
  6. FG Bad.-Württ., Beschluss vom 18.07.2009 – 3 K 1214/​08, EFG 2009, 1958[]
  7. EuGH, Urteil vom 21.02.2008 – C‑507/​06, Klöp­pel, Slg. 2008, I‑943, Randnr. 16[]