Die Her­ab­set­zung des Gra­des der Behin­de­rung – und die Ein­kom­men­steu­er

Wird bei einem schwer­be­hin­der­ten Men­schen der Grad der Behin­de­rung von 80 oder mehr auf weni­ger als 50 her­ab­ge­setzt, ist dies ein­kom­men­steu­er­recht­lich ab dem im Bescheid genann­ten Zeit­punkt zu berück­sich­ti­gen. Auf­wen­dun­gen für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und regel­mä­ßi­ger Arbeits­stät­te sowie Fami­li­en­heim­fahr­ten im Rah­men einer dop­pel­ten Haus­halts­füh­rung kön­nen daher nicht mehr nach § 9 Abs. 2 Satz 3 Nr. 1 EStG bemes­sen wer­den. Es bedarf kei­ner grund­sätz­li­chen Klä­rung, dass § 116 Abs. 1 SGB IX oder § 38 Abs. 1 SchwbG im Steu­er­recht nicht anzu­wen­den ist. § 9 Abs. 2 Satz 3 Nr. 1 EStG ist kei­ne Schutz­vor­schrift für Schwer­be­hin­der­te i.S. des § 38 Abs. 1 SchwbG bzw. beson­de­re Rege­lung für schwer­be­hin­der­te Men­schen i.S. des § 116 Abs. 1 SGB IX.

Die Her­ab­set­zung des Gra­des der Behin­de­rung – und die Ein­kom­men­steu­er

Durch die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist bereits hin­rei­chend geklärt, dass trotz Fort­gel­tung des Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses bis zum bestands­kräf­ti­gen Abschluss eines den Grad der Behin­de­rung her­ab­set­zen­den Neu­fest­stel­lungs­ver­fah­rens ein­kom­men­steu­er­recht­lich der her­ab­ge­setz­te Grad der Behin­de­rung bereits auf den Neu­fest­stel­lungs­zeit­punkt zu berück­sich­ti­gen ist1. Der BFH löst damit das Kon­kur­renz­ver­hält­nis zwi­schen Neu­fest­stel­lungs­be­scheid und einem anders­lau­ten­den Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis zuguns­ten des Fest­stel­lungs­be­scheids auf. Die Finanz­be­hör­den sind nach § 171 Abs. 10 AO an die in einem Bescheid ent­hal­te­nen Fest­stel­lun­gen über den Grad der Behin­de­rung gebun­den. Der Vor­rang der Neu­fest­stel­lung vor dem (bis zur Bestands­kraft des Ände­rungs­be­scheids fort­gel­ten­den) Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis und sei­ner dritt­wir­ken­den Beweis­funk­ti­on als öffent­li­che Urkun­de i.S. des § 417 ZPO auch gegen­über den Finanz­be­hör­den und ‑gerich­ten grün­det auf einer steu­er­spe­zi­fi­schen Betrach­tungs­wei­se, die dem Grund­satz der Besteue­rung nach der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit geschul­det ist. Denn wenn die Her­ab­set­zung des Gra­des der Behin­de­rung rechts­kräf­tig fest­ge­stellt ist, sind die Fol­ge­run­gen aus der Neu­fest­stel­lung (Grund­la­gen­be­scheid) schon des­halb zum Neu­fest­stel­lungs­zeit­punkt zu zie­hen, weil von die­sem Moment an behin­de­rungs­be­ding­te erhöh­te Wege­kos­ten i.S. des § 9 Abs. 2 Satz 3 EStG nicht län­ger zu erwar­ten sind. Dar­über hin­aus ist eine über den Neu­fest­stel­lungs­zeit­punkt hin­aus­ge­hen­de Inan­spruch­nah­me der Rege­lung nicht mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar. § 9 Abs. 2 Satz 3 EStG soll vor dem Hin­ter­grund nicht kos­ten­de­cken­der Ent­fer­nungs­pau­scha­len typi­sie­rend dem Umstand Rech­nung tra­gen, dass erheb­lich behin­der­te Per­so­nen nur ein­ge­schränkt auf öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel aus­wei­chen kön­nen2. Die­ser sach­li­che Grund für die steu­er­li­che Begüns­ti­gung erheb­lich behin­der­ter Steu­er­pflich­ti­ger im Ver­hält­nis zu ande­ren nicht- oder nur min­der­be­hin­der­ten Steu­er­pflich­ti­gen, ist im Zeit­punkt der Neu­fest­stel­lung ent­fal­len.

Die Kri­tik von Voelz­ke3 und die Beschwer­de­be­grün­dung, die sich die­se Kri­tik zu Eigen gemacht hat, ver­hält sich zu die­sem steu­er­spe­zi­fi­schen Vor­rang der Neu­fest­stel­lung zum Fest­stel­lungs­zeit­punkt trotz ver­sor­gungs­recht­lich fort­gel­ten­dem Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis nicht. Das Vor­brin­gen des Klä­gers erschöpft sich viel­mehr dar­in, sei­nen gegen­tei­li­gen Rechts­stand­punkt, dass die Neu­fest­stel­lung erst mit Ein­tritt der Bestands­kraft (hier nach dem Beschluss des BSG vom …11.2006) des Ände­rungs­be­scheids wirk­sam wer­de, mit den ver­fah­rens­recht­li­chen Bestim­mun­gen zur Durch­füh­rung des Neu­fest­stel­lungs­ver­fah­rens bei wesent­li­chen Ände­run­gen im Aus­maß der Behin­de­rung sowie den Vor­schrif­ten des SchwbG bzw. des SGB IX zu begrün­den. Damit hat sich der BFH jedoch in sei­nem Urteil in BFHE 158, 375, BSt­Bl II 1990, 60 bereits aus­ein­an­der­ge­setzt. Neue und gewich­ti­ge; vom BFH noch nicht geprüf­te Erwä­gun­gen, die eine erneu­te Prü­fung und Ent­schei­dung der strei­ti­gen Rechts­fra­ge(n) erfor­der­lich machen, hat der Klä­ger nicht gel­tend gemacht. Sol­che sind auch weder in der Recht­spre­chung der Finanz­ge­richt und/​oder in der Lite­ra­tur ersicht­lich und erge­ben sich auch nicht aus dem Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 11. Mai 2011 4 zur Schutz­frist des § 38 Abs. 1 SchwbG. Denn die­ses Urteil ist zur Alters­ren­te für schwer­be­hin­der­te Men­schen ergan­gen und ver­hält sich zu der Fra­ge des steu­er­li­chen Vor­rangs von fest­stel­len­dem Grund­la­gen­be­scheid gegen­über fort­gel­ten­dem Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis nicht.

Die Fra­ge, ob § 9 Abs. 2 Satz 3 EStG im Nach­wir­kungs­zeit­raum des § 38 Abs. 1 SchwbG bzw. § 116 Abs. 1 SGB IX (Been­di­gung der Anwen­dung der beson­de­ren Rege­lun­gen für schwer­be­hin­der­te Men­schen erst ab dem Ende des drit­ten Monats nach Ein­tritt der Unan­fecht­bar­keit des den Grad der Behin­de­rung ver­rin­gern­den fest­stel­len­den Bescheids) zu berück­sich­ti­gen ist, ist eben­falls nicht klä­rungs­be­dürf­tig. Denn sie lässt sich ‑soweit sie nicht eben­falls bereits durch die o.g. Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs5 ent­schie­den ist- eben­so wie die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter des § 9 Abs. 2 Satz 3 Nr. 1 EStG bzw. § 9 Abs. 2 Satz 11 Nr. 1 EStG i.d.F. des Steu­er­än­de­rungs­ge­set­zes 2007 vom 19.07.20066 als Schutz­vor­schrift für Schwer­be­hin­der­te i.S. des § 38 Abs. 1 SchwbG bzw. als beson­de­re Rege­lung für schwer­be­hin­der­te Men­schen i.S. des § 116 Abs. 1 SGB IX ohne wei­te­res aus dem EStG beant­wor­ten. § 38 Abs. 1 SchwbG und § 116 Abs. 1 SGB IX sol­len inso­weit ver­hin­dern, dass schwer­be­hin­der­te Men­schen nach Absin­ken des Gra­des der Behin­de­rung auf unter 50 „von heu­te auf mor­gen einer sozi­al bedenk­li­chen Situa­ti­on gegen­über­ste­hen„7. Die Ver­län­ge­rung des Schwer­be­hin­der­ten­schut­zes mag ver­sor­gungs­recht­lich erfor­der­lich sein. In einem an der Besteue­rung nach der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit und dem Gebot steu­er­li­cher Las­ten­gleich­heit aus­ge­rich­te­ten Ein­kom­men­steu­er­recht ist eine steu­er­li­che Begüns­ti­gung nicht- oder min­der­be­hin­der­ter Steu­er­pflich­ti­ger für einen Über­gangs­zeit­raum nicht gebo­ten. Denn in die­sem Zeit­raum fehlt es bei dem Betrof­fe­nen bereits an einem behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­auf­wand an Wege­kos­ten. Damit wider­spre­chen Stel­lung und Bedeu­tung des § 9 Abs. 2 Satz 3 EStG im Sys­tem des Ein­kom­men­steu­er­rechts einer Ein­ord­nung als eine Schutz­vor­schrift i.S. des § 38 Abs. 1 SchwbG bzw. als beson­de­re Rege­lung für schwer­be­hin­der­te Men­schen i.S. des § 116 Abs. 1 SGB IX.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. März 2014 – VI B 95/​13

  1. BFH, Urteil vom 22.09.1989 – III R 167/​86, BFHE 158, 375, BSt­Bl II 1990, 60
  2. Zim­mer in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 9 Rz 962; von Born­haupt, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 9 Rz F 95, A 174 f.
  3. Voelz­ke, Die Sozi­al­ge­richts­bar­keit 1991, 80
  4. BSG, Urteil vom 11.05.2011 – B 5 R 56/​10 R, Behin­der­ten­recht 2012, 23
  5. BFH, Urteil in BFHE 158, 375, BSt­Bl II 1990, 60
  6. BGBl I 2006, 1652, BSt­Bl I 2006, 432
  7. Simon in Schlegel/​Voelzke, SGB IX, § 116 Rz 15