Eigen­heim­zu­la­ge – und ihre Rück­for­de­rung in der Insol­venz

Nach § 14 Eig­ZulG sind über­zahl­te Beträ­ge inner­halb eines Monats nach Bekannt­ga­be des Bescheids zurück­zu­zah­len, wenn die Fest­set­zung der Eigen­heim­zu­la­ge auf­ge­ho­ben wur­de. Der Rück­for­de­rungs­an­spruch rich­tet sich nach § 37 Abs. 2 Satz 1 AO gegen den Leis­tungs­emp­fän­ger.

Eigen­heim­zu­la­ge – und ihre Rück­for­de­rung in der Insol­venz

Leis­tungs­emp­fän­ger ist der­je­ni­ge, auf des­sen Rech­nung die Zah­lung bewirkt wor­den ist 1. Im Insol­venz­fall ist dies unge­ach­tet des bei Aus­zah­lung der Eigen­heim­zu­la­ge noch lau­fen­den Insol­venz­ver­fah­rens der Insol­venz­schuld­ner und nicht der Treu­hän­der. Der Insol­venz­ver­wal­ter bzw. Treu­hän­der ist nicht Leis­tungs­emp­fän­ger für eine Zah­lung, für die er kraft Amts emp­fangs­be­rech­tigt war, denn er han­delt nicht für eige­ne Rech­nung, son­dern als gesetz­li­cher Ver­tre­ter im Rah­men des Insol­venz­ver­fah­rens 2.

Der Rück­for­de­rung ste­hen insol­venz­recht­li­che Vor­schrif­ten nicht ent­ge­gen. Der Rück­for­de­rungs­an­spruch ist zwar Mas­se­ver­bind­lich­keit, gleich­wohl durf­te das Finanz­amt die Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 nach Been­di­gung des Insol­venz­ver­fah­rens vom Insol­venz­schuld­ner zurück­for­dern.

Der Rück­for­de­rungs­an­spruch ist eine Mas­se­ver­bind­lich­keit.

Nach § 53 InsO sind die Kos­ten des Insol­venz­ver­fah­rens und die sons­ti­gen Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten vor­weg aus der Insol­venz­mas­se zu berich­ti­gen. Finanz­be­hör­den, die sich selbst titu­lier­te Leis­tungs­be­schei­de schaf­fen, haben dem­ge­mäß (jeden­falls wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens) Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten durch Steu­er­be­scheid gegen den Treu­hän­der bzw. Insol­venz­ver­wal­ter fest­zu­set­zen 3.

Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten sind nach § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO auch Ver­bind­lich­kei­ten aus einer unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung der Mas­se. Die Mas­se muss einen Ver­mö­gens­ge­gen­stand ohne recht­li­chen Grund (§§ 812 ff. BGB) nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens erlangt haben 4. Dabei ist uner­heb­lich, ob der recht­li­che Grund von vorn­her­ein fehl­te oder nach­träg­lich weg­fällt 5.

Im Streit­fall wur­de die Insol­venz­mas­se durch die Aus­zah­lung der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 an den Treu­hän­der im April 2011 berei­chert. Zur Insol­venz­mas­se gehört nach § 35 Abs. 1 InsO auch das Ver­mö­gen, das der Schuld­ner wäh­rend des Ver­fah­rens erlangt. Dar­an ändert auch die Frei­ga­be der Eigen­tums­woh­nung am 15.06.2010 nichts. Die Frei­ga­be eines zuvor mas­se­zu­ge­hö­ri­gen Grund­stücks bewirkt nicht auch die Frei­ga­be an einem Anspruch auf Aus­zah­lung der Eigen­heim­zu­la­ge. Der Anspruch auf Eigen­heim­zu­la­ge ist ein per­sön­li­cher Steu­er­ver­gü­tungs­an­spruch des Insol­venz­schuld­ners und wird durch die insol­venz­recht­li­che Frei­ga­be des Grund­stücks, für des­sen Eigen­nut­zung die Eigen­heim­zu­la­ge gewährt wird, nicht berührt 6.

Die Insol­venz­mas­se wur­de ohne recht­li­chen Grund berei­chert. Ob eine Steu­er ‑oder eine Steu­er­ver­gü­tung- ohne recht­li­chen Grund gezahlt wor­den ist, rich­tet sich ‑nach steu­er­li­chen Maß­stä­ben- regel­mä­ßig nach den zugrun­de lie­gen­den Steu­er­be­schei­den (sog. for­mel­le Rechts­grund­theo­rie), nach ande­rer Auf­fas­sung (sog. mate­ri­el­le Rechts­grund­theo­rie) kommt es auf das mate­ri­el­le Steu­er­recht an 7. Die Streit­fra­ge kann vor­lie­gend dahin­ste­hen. Der Eigen­heim­zu­la­ge­be­scheid vom 18.05.2005 bil­de­te bis zu sei­ner (teil­wei­sen) Auf­he­bung den for­mel­len Rechts­grund für die Aus­zah­lung und das Behal­ten­dür­fen der Eigen­heim­zu­la­ge, auch wenn die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 mit dem Aus­zug des Insol­venz­schuld­ners aus der Woh­nung nicht mehr vor­la­gen. Wegen des Über­gangs des Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­rechts auf den Insol­venz­ver­wal­ter nach § 80 Abs. 1 InsO durf­te das Finanz­amt daher die Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 nur an den Insol­venz­ver­wal­ter zuguns­ten der Insol­venz­mas­se aus­zah­len. Der Rechts­grund für das Behal­ten­dür­fen der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 fiel jedoch mit der Auf­he­bung der Fest­set­zung der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 mit Bescheid vom 05.01.2012 weg 8. Stellt man auf das mate­ri­el­le Recht ab, bestand bereits ab dem 1.01.2011 kein Rechts­grund für das Behal­ten­dür­fen der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 mehr. Bei­de Zeit­punk­te lie­gen nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens; der Bescheid vom 05.01.2012 ist sogar erst nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ergan­gen.

Das Insol­venz­ver­fah­ren war jedoch bei Erlass des Abrech­nungs­be­scheids vom 23.07.2012 bereits been­det. Mit der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ende­ten gemäß § 215 Abs. 2 InsO die Befug­nis­se des Insol­venz­ver­wal­ters und ent­fal­len die insol­venz­recht­li­chen Beschrän­kun­gen 9. Der Treu­hän­der konn­te damit nicht mehr Adres­sat des Rück­for­de­rungs­be­scheids sein. Dar­an ändert auch die Bil­dung einer Rück­stel­lung für die künf­ti­ge Ver­gü­tung des Treu­hän­ders in der Wohl­ver­hal­tens­pe­ri­ode nichts, denn aus dem Beschluss des Insol­venz­ge­richts über die Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ergibt sich vor­lie­gend nicht, dass das Insol­venz­ver­fah­ren und damit die Ver­fü­gungs­macht des Treu­hän­ders in Bezug auf die Rück­stel­lung fort­be­stehen soll­te.

Nach Auf­he­bung oder Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens hat der vor­ma­li­ge Insol­venz­schuld­ner für die Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten grund­sätz­lich ein­zu­ste­hen. Er ist der Trä­ger der Insol­venz­mas­se. Der Insol­venz­schuld­ner haf­tet auch für Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten, die auf Pflicht­ver­let­zun­gen des Insol­venz­ver­wal­ters in Aus­übung sei­nes Amtes beru­hen 10. Im Streit­fall war daher nicht zu ent­schei­den, ob der Insol­venz­schuld­ner gegen den Treu­hän­der einen Scha­dens­er­satz­an­spruch hat, weil die­ser trotz Kennt­nis vom Aus­zug des Insol­venz­schuld­ners aus der Woh­nung die Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 zuguns­ten der Insol­venz­mas­se ver­ein­nahm­te.

Es ist vor­lie­gend auch nicht dar­über zu befin­den, ob der Insol­venz­schuld­ner auf der ande­ren Sei­te gegen das Finanz­amt einen Anspruch auf Erlass der Rück­for­de­rung hat, weil die­ses die erhal­te­ne Ver­äu­ße­rungs­mit­tei­lung nicht zum Anlass genom­men hat, die Vor­aus­set­zun­gen für den Bezug der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 noch­mals zu prü­fen, son­dern nur weni­ge Wochen spä­ter die­se an den Treu­hän­der aus­be­zahlt hat. Im Ver­fah­ren gegen einen Abrech­nungs­be­scheid kön­nen Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den.

Der Rück­for­de­rung steht die Ankün­di­gung der Rest­schuld­be­frei­ung mit Beschluss des Insol­venz­ge­richts nicht ent­ge­gen.

Der Insol­venz­schuld­ner wird nach § 286 InsO nur von den im Insol­venz­ver­fah­ren nicht erfüll­ten Ver­bind­lich­kei­ten gegen­über den Insol­venz­gläu­bi­gern befreit. Insol­venz­gläu­bi­ger sind nach § 38 InsO per­sön­li­che Gläu­bi­ger, die einen zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­de­ten Ver­mö­gens­an­spruch gegen den Schuld­ner haben (Insol­venz­for­de­rung). Vor­lie­gend ist das Finanz­amt kein Insol­venz­gläu­bi­ger, da der Rück­for­de­rungs­an­spruch des Finanz­amt zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens noch nicht i.S. des § 38 InsO begrün­det war. Ein Steu­er­an­spruch ist zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­det, wenn bis dahin der den Anspruch begrün­den­de steu­er­li­che Tat­be­stand voll­stän­dig ver­wirk­licht und damit abge­schlos­sen ist 11. Im Streit­fall ist die For­de­rung des Finanz­amt (Rück­for­de­rung der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011) erst nach dem Beschluss über die Ankün­di­gung der Rest­schuld­be­frei­ung und nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens infol­ge des Eigen­heim­zu­la­ge­be­scheids ent­stan­den. Auch der Lebens­sach­ver­halt, der zur Rück­for­de­rung der Eigen­heim­zu­la­ge für 2011 führ­te (Aus­zug aus der Woh­nung), wur­de erst nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ver­wirk­licht.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 1. Juli 2015 – 1 K 1231/​13

  1. Nds. FG, Urteil vom 07.06.2006 – 5 K 358/​05, DSt­RE 2008, 120, zur Rück­for­de­rung von Eigen­heim­zu­la­ge[]
  2. vgl. Rat­schow in Klein, AO, 12. Aufl.2014, § 37 Rn. 76[]
  3. BFH, Urtei­le vom 18.05.2010 – X R 60/​08, BFHE 229, 62, BSt­Bl II 2011, 429; vom 02.09.2010 – V R 34/​09, BFHE 231, 321, BSt­Bl II 2011, 991[]
  4. BGH, Urteil vom 07.05.2009 – IX ZR 61/​08, ZIn­sO 2009, 1102; BSG, Urteil vom 30.11.2011 – B 11 AL 22/​10 R, ZIn­sO 2012, 1019[]
  5. Münch­Komm-InsO/He­f­er­mehl, 3. Aufl.2013, § 55 Rn. 215[]
  6. FG Bran­den­burg, Urteil vom 28.09.2006 – 4 K 774/​05, EFG 2007, 991[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 14.03.2012 – XI R 6/​10, BFHE 237, 296, BSt­Bl II 2014, 607[]
  8. vgl. auch BFH, Urteil vom 16.04.2013 – VII R 44/​12, BFHE 241, 291, BSt­Bl II 2013, 778; Boeker in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, AO/​FGO, § 37 AO Rn. 41 f.[]
  9. Säch­si­sches FG, Urteil vom 18.10.2013 – 4 K 579/​13[]
  10. Münch­Komm-InsO/He­f­er­mehl, 3. Aufl.2013, § 53 Rn. 33[]
  11. BFH, Urtei­le vom 30.04.2009 – V R 1/​06, BFHE 226, 130, BSt­Bl II 2010, 138; vom 09.02.2011 – XI R 35/​09, BFHE 233, 86, BSt­Bl II 2011, 1000; vom 25.07.2012 – VII R 29/​11, BFHE 238, 307, BSt­Bl II 2013, 36[]