Kin­der­geld für die Oma

Aktu­ell hat­te sich der Bun­des­fi­nanz­hof mit dem Kin­der­geld­an­spruch einer Mut­ter für ein Kind zu befas­sen, das mit dem ande­ren Eltern­teil sei­nes nicht­ehe­li­chen Kin­des in einem gemein­sa­men Haus­halt lebt.

Kin­der­geld für die Oma

Die Klä­ge­rin ist die Mut­ter der 1986 gebo­re­nen Toch­ter (T), die selbst Mut­ter eines im 2009 gebo­re­nen Kin­des ist. Seit Sep­tem­ber 2010 ist T mit dem Kin­des­va­ter ver­hei­ra­tet. Die Klä­ge­rin bezog für T Kin­der­geld. Nach einem Urlaubs­se­mes­ter bis August 2009 setz­te T ihr Stu­di­um fort. Die Exma­tri­ku­la­ti­on erfolg­te nach im Okto­ber 2010 bestan­de­ner Abschluss­prü­fung im Febru­ar 2011. T wohn­te 2010 und 2011 mit dem Vater ihres Kin­des –nach der Hei­rat im Sep­tem­ber 2010 ihr Ehe­mann– in einer gemein­sa­men Woh­nung.

Die Fami­li­en­kas­se hob im Juli 2011 die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des für T von Janu­ar bis Okto­ber 2010 auf und for­der­te von der Klä­ge­rin über­zahl­tes Kin­der­geld zurück. Sie ging dabei davon aus, dass ein Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin aus­ge­schlos­sen sei, weil gegen­über T nach § 1615l BGB vor­ran­gig der Vater des 2009 gebo­re­nen Kin­des unter­halts­pflich­tig sei. Der Bun­des­fi­nanz­hof sah dage­gen auch für die­sen Zeit­raum eine grund­sätz­lich bestehen­de Kin­der­geld­be­rech­ti­gung:

Für ein über 18 Jah­re altes Kind, das –wie T im Streit­zeit­raum 2010– das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat­te, besteht nach § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG, § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG Anspruch auf Kin­der­geld, wenn das Kind für einen Beruf aus­ge­bil­det wird und sei­ne zur Bestrei­tung des Unter­halts oder der Berufs­aus­bil­dung bestimm­ten oder geeig­ne­ten Ein­künf­te und Bezü­ge den für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Grenz­be­trag nicht über­stei­gen.

Nach den Fest­stel­lun­gen des FG führ­te T ihr Stu­di­um im Streit­zeit­raum von Janu­ar bis Okto­ber 2010 fort. Sie wur­de im Streit­zeit­raum mit­hin für einen Beruf aus­ge­bil­det.

Im Rah­men der Tat­be­stän­de des § 32 Abs. 4 Satz 1 EStG ist –ent­ge­gen der Ansicht der Fami­li­en­kas­se– nicht zu prü­fen, ob das Kind trotz einer gegen­über der Unter­halts­pflicht der Eltern vor­ran­gi­gen Unter­halts­ver­pflich­tung des Ehe­gat­ten oder nach § 1615l BGB des ande­ren Eltern­teils eines nicht­ehe­li­chen Kin­des wei­ter­hin beim Kin­der­frei­be­trag oder beim Kin­der­geld berück­sich­tigt wer­den kann.

Nach der Recht­spre­chung des III. Senats des BFH ist eine typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on kein unge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal der ein­zel­nen Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stän­de i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 und 2 EStG. Ob ein Kind wegen eige­ner Ein­künf­te oder Bezü­ge typi­scher­wei­se nicht auf Unter­halts­leis­tun­gen der Eltern ange­wie­sen und des­halb nicht als Kind zu berück­sich­ti­gen ist, wird nach der gesetz­li­chen Rege­lung nicht bei der Prü­fung der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 und 2 EStG ermit­telt, son­dern erst auf einer zwei­ten Stu­fe bei der Prü­fung nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG in der im Streit­fall bis zum Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2011 gel­ten­den Fas­sung, ob die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des den maß­ge­ben­den Grenz­be­trag über­schrei­ten [1].

Die­ser Recht­spre­chung schließt sich der erken­nen­de Senat an und ver­weist zur wei­te­ren Begrün­dung auf die Aus­füh­run­gen im BFH, Urteil in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, Rz 12.

Der Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin setzt vor­aus, dass T im strei­ti­gen Zeit­raum von Janu­ar bis Okto­ber 2010 kei­ne Ein­künf­te und Bezü­ge, die zur Bestrei­tung des Unter­halts oder der Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net sind, über dem antei­li­gen Grenz­be­trag nach § 32 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. Satz 7 EStG –im Streit­fall 6.670 EUR– hat­te.

Bezü­ge sind alle Zuflüs­se in Geld oder Natu­ral­leis­tun­gen, die nicht im Rah­men der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Ein­künf­teer­mitt­lung erfasst wer­den, also nicht steu­er­ba­re oder steu­er­freie Ein­nah­men [2]. Auch Unter­halts­leis­tun­gen des ver­hei­ra­te­ten oder geschie­de­nen Ehe­gat­ten (§§ 1360, 1360a, 1361, 1569 ff. BGB) oder des Vaters aus Anlass der Geburt eines nicht­ehe­li­chen Kin­des (§ 1615l BGB) sind danach als Bezü­ge i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG unab­hän­gig davon zu erfas­sen, ob die­se frei­wil­lig, auf­grund einer ver­meint­li­chen oder tat­säch­li­chen Rechts­pflicht erbracht wer­den [3].

Inso­weit kommt es nicht dar­auf an, ob der Vater des Kin­des der T die­ser gegen­über in der Zeit von Janu­ar 2010 bis zum Zeit­punkt der Hei­rat im Sep­tem­ber 2010 nach § 1615l BGB zum Unter­halt ver­pflich­tet gewe­sen ist. Ent­schei­dend ist hin­ge­gen, ob und in wel­cher Höhe T –die mit dem Vater und dem Kind im strei­ti­gen Zeit­raum gemein­sam in einer Woh­nung leb­te– tat­säch­lich Unter­halts­leis­tun­gen zuge­flos­sen sind.

Aller­dings stellt sich für den Bun­des­fi­nanz­hof sodann die Fra­ge, in wel­cher Höhe der Toch­ter T Ein­künf­te und Bezü­ge im Streit­zeit­raum zuzu­rech­nen sind:

Leben –wie im Streit­fall bis zur Ehe­schlie­ßung im Sep­tem­ber 2010– die nicht­ver­hei­ra­te­ten Eltern eines Kin­des in einem gemein­sa­men Haus­halt, kann auf­grund der Unter­schie­de zum Ehe­gat­ten­un­ter­halt [4] für die Schät­zung von Unter­halts­leis­tun­gen –ent­ge­gen dem Revi­si­ons­vor­brin­gen der Fami­li­en­kas­se– nicht von dem Erfah­rungs­satz aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Eltern­tei­le sich das ver­füg­ba­re Ein­kom­men des Allein­ver­die­ners oder das bei­der Eltern­tei­le hälf­tig tei­len [5].

In Fäl­len des gemein­sa­men Haus­halts unver­hei­ra­te­ter Eltern ist hin­ge­gen im Ein­zel­nen zu ermit­teln, ob und ggf. in wel­chem Umfang im jewei­li­gen Anspruchs­zeit­raum gegen­über dem selbst als Kind nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG zu berück­sich­ti­gen­den Eltern­teil Bar- oder Natu­ral­leis­tun­gen durch den ande­ren Eltern­teil oder durch einen Drit­ten erbracht wur­den [6].

Es ist daher zu prü­fen, in wel­cher Höhe T Ein­künf­te und Bezü­ge im Streit­zeit­raum Janu­ar bis Okto­ber 2010 zuzu­rech­nen sind, Fest­stel­lun­gen dazu zu tref­fen haben, ob T von Janu­ar 2010 bis ein­schließ­lich August 2010 sol­che Leis­tun­gen bezo­gen hat.

Dabei bestehen für den Bun­des­fi­nanz­hof kei­ne Beden­ken, bei der Bewer­tung von etwai­gen von der T in der Zeit von Janu­ar bis August 2010 bezo­ge­nen Natu­ral­leis­tun­gen –z.B. Ver­pfle­gung, Unter­kunft oder Woh­nung– die­se in Anleh­nung an die Wer­te der ab 1.01.2007 gel­ten­den Ver­ord­nung über die sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Beur­tei­lung von Zuwen­dun­gen des Arbeit­ge­bers als Arbeits­ent­gelt (Sozi­al­ver­si­che­rungs­ent­gelt­ver­ord­nung) in der jeweils gel­ten­den Fas­sung zu schät­zen, sofern nicht im Ein­zel­fall abwei­chen­de Wer­te fest­ge­stellt wer­den kön­nen [7].

Bei der Ermitt­lung der Bezü­ge der T ist eine Kos­ten­pau­scha­le in Höhe von 180 € i.S. von R 32.10 Abs. 4 der Ein­kom­men­steu­er-Richt­li­ni­en 2008 abzu­zie­hen, wenn nicht höhe­re Auf­wen­dun­gen, die im Zusam­men­hang mit dem Zufluss der ent­spre­chen­den Ein­nah­men ste­hen, nach­ge­wie­sen oder glaub­haft gemacht wer­den.

Die Unter­halts­leis­tun­gen eines Kin­des an sein eige­nes Kind min­dern des­sen Ein­künf­te und Bezü­ge nicht. Die vom Kind der T aus­ge­lös­ten Unter­halts­las­ten der T wer­den aus­schließ­lich durch den für die­ses Kind bestehen­den Anspruch auf Kin­der­geld oder die Frei­be­trä­ge des § 32 Abs. 6 EStG berück­sich­tigt und sind mit die­sem Anspruch abge­gol­ten. Zur Ver­mei­dung einer Dop­pel­be­rück­sich­ti­gung des­sel­ben Auf­wands dür­fen sie daher nicht noch ein­mal im Rah­men der Grenz­be­trags­be­rech­nung für das Kind –vor­lie­gend der T– abge­zo­gen wer­den [8].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Juli 2013 – XI R 16/​12

  1. vgl. BFH, Urteil vom 11.04.2013 III R 24/​12, BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, m.w.N.[]
  2. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 17.12.2009 III R 74/​07, BFHE 228, 72, BStBl II 2010, 552; in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, Rz 15[]
  4. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 23.11.2011 – III R 76/​09, BFHE 236, 79, BStBl II 2012, 413; in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, Rz 18 ff., jeweils m.w.N.[]
  5. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, Rz 21[]
  6. vgl. BFH, Urteil in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, Rz 22[]
  7. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 241, 255, BFH/​NV 2013, 1307, Rz 24[]
  8. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 09.02.2012 – III R 73/​09, BFHE 236, 407, BStBl II 2012, 463; vom 24.01.2013 – V R 42/​11, BFH/​NV 2013, 918, Rz 28, jeweils m.w.N.[]