Ren­ten­be­steue­rung a.F.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat es abge­lehnt, sich mit der Fra­ge der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der bis 2004 gel­ten­den Ren­ten­be­steue­rung zu befas­sen.

Ren­ten­be­steue­rung a.F.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung hat eine auf­ge­wor­fe­ne Rechts­fra­ge nur dann, wenn sie klä­rungs­be­dürf­tig ist und die Klä­rung im all­ge­mei­nen Inter­es­se liegt. Hier­an fehlt es, wenn die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer gesetz­li­chen Norm im Streit steht, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die zu beur­tei­len­de Norm als mit dem Grund­ge­setz für unver­ein­bar erklärt, aber deren Wei­ter­gel­tung für einen Über­gangs­zeit­raum ange­ord­net hat. Denn in einem sol­chen Fall ist die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­spro­che­ne Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung für die Fach­ge­rich­te und damit auch für den Bun­des­fi­nanz­hof nach § 31 BVerfGG ver­bind­lich 1. Bei einer sol­chen Sach­la­ge bedarf die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der zu beur­tei­len­den Rechts­norm nicht der (erneu­ten) Klä­rung.

So ist es im Streit­fall. Die Klä­ger machen gel­tend, die Besteue­rung von Alters­ein­künf­ten in den Streit­jah­ren 2000, 2001 und 2004 sei ver­fas­sungs­wid­rig. Es lie­ge ins­be­son­de­re eine ver­bo­te­ne Dop­pel­be­steue­rung, ein Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG und eine Ver­let­zung der Eigen­tums­ga­ran­tie des Art. 14 GG vor. Die Klä­ger berück­sich­ti­gen nicht, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 2 die unter­schied­li­che Besteue­rung von Ver­sor­gungs­be­zü­gen der Ruhe­stands­be­am­ten einer­seits und von Ren­ten aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ande­rer­seits zwar für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt hat. Zugleich hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aber im Tenor sei­ner Ent­schei­dung ange­ord­net, der Gesetz­ge­ber sei ver­pflich­tet, spä­tes­tens mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2005 eine Neu­re­ge­lung zu tref­fen. Soweit § 19 EStG mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar ist, bleibt die Vor­schrift bis zum Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung, längs­tens mit Wir­kung bis zum 31. Dezem­ber 2004, wei­ter anwend­bar. Hier­zu hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 3 ent­schie­den, dass nach die­ser Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung nicht ledig­lich Beam­ten­pen­sio­nä­re die gleich­heits­wid­ri­ge Besteue­rung ihrer Pen­sio­nen nach § 19 EStG bis zum 31.12. 2004 hin­zu­neh­men haben. Viel­mehr betref­fe die Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung die in einer Gesamt­schau zu sehen­den steu­er­li­chen Rege­lun­gen über die Behand­lung sämt­li­cher Alters­vor­sor­ge­auf­wen­dun­gen einer­seits und der gesam­ten Alters­ein­künf­te ande­rer­seits. Dem­entspre­chend hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Beschluss in BVerfGE 120, 169 fest­ge­stellt, dass sich aus gleich­heits­recht­li­chen Grün­den die im Urteil in BVerfGE 105, 73 aus­ge­spro­che­ne Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung auch auf die steu­er­li­che Behand­lung der Alters­ein­künf­te der frü­her selb­stän­dig täti­gen Steu­er­pflich­ti­gen in den Jah­ren vor 2005 erstre­cke. Dem ist der Bun­des­fi­nanz­hof 4 gefolgt. Damit gilt die Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung auch für die in den Jah­ren bis ein­schließ­lich 2004 bezo­ge­nen Alters­ein­künf­te des Klä­gers.

Ledig­lich klar­stel­lend weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass der bis ein­schließ­lich 2004 gel­ten­den gesetz­li­chen Kon­zep­ti­on nicht die Über­le­gung zugrun­de liegt, geleis­te­te Ren­ten­bei­trä­ge wür­den sich in Höhe des gesetz­lich anzu­set­zen­den Ertrags­an­teils ver­zin­sen. Viel­mehr bezieht sich der anzu­set­zen­de Ren­ten­er­trag auf das bei Ren­ten­be­ginn vor­han­de­ne abge­zins­te Ren­ten­ka­pi­tal (Ren­ten­bar­wert). Die Besteue­rung der Ren­ten basiert hier­bei auf der fik­ti­ven Annah­me, dass dem Ren­ten­be­rech­tig­ten auf die Dau­er der mitt­le­ren Lebens­er­war­tung einer männ­li­chen Per­son ent­spre­chend dem Ertrags­an­teil ins­ge­samt über den Ren­ten­bar­wert hin­aus­ge­hen­de Ren­ten­ein­nah­men zuflie­ßen wer­den. Hier­bei kommt es ange­sichts der gesetz­lich ver­bind­lich fest­ge­leg­ten Ertrags­an­teils-Vom­hun­dert­sät­ze nicht auf die indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se des Ren­ten­be­rech­tig­ten und auch nicht auf das Vor­han­den­sein neue­ren sta­tis­ti­schen Mate­ri­als an. Dass die Ertrags­an­tei­le nur in einem grob pau­scha­lier­ten Ver­fah­ren fest­ge­legt wor­den sind, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht bean­stan­det 5.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. März 2011 – X B 57/​10

  1. stän­di­ge BFH-Recht­spre­chung; vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 08.05.2003 IV R 95/​99, BFH/​NV 2003, 1054, und vom 23.02.2006 III B 44/​05, BFH/​NV 2006, 1297[]
  2. BVerfG, Urteil vom 06.03.2002 – 2 BvL 17/​99, BVerfGE 105, 73[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 13.02.2008 – 2 BvR 1220/​04, 2 BvR 410/​05, BVerfGE 120, 169[]
  4. BFH, Urteil vom 26.11.2008 – X R 15/​07, BFHE 223, 445, BSt­Bl II 2009, 710[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 23.10.1987 – 1 BvR 573/​86, HFR 1988, 649[]