Steu­er­freie Abge­ord­ne­ten­pau­scha­le und der "nor­ma­le" Steu­er­bür­ger

Ein Gehalts­emp­fän­ger kann nicht ver­lan­gen, dass bei ihm ein Betrag in Höhe der steu­er­frei­en Pau­scha­le für Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te oder Land­tags­ab­ge­ord­ne­te steu­er­frei ver­bleibt. Nach­dem bereits der hat­te, nahm nun das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zwei hier­ge­gen gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht zur Ent­schei­dung an.

Steu­er­freie Abge­ord­ne­ten­pau­scha­le und der "nor­ma­le" Steu­er­bür­ger

Die Beschwer­de­füh­rer wer­den, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, durch die gemäß § 3 Nr. 12 EStG nor­mier­te Steu­er­be­frei­ung der nach den Abge­ord­ne­ten­ge­set­zen des Bun­des und der Län­der gewähr­ten Abge­ord­ne­ten­pau­scha­len nicht in ihrem Grund­recht aus Art. 3 Abs. 1 GG ver­letzt. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat es im Ergeb­nis zu Recht abge­lehnt, die Steu­er­be­frei­ungs­vor­schrift des § 3 Nr. 12 EStG auf die Beschwer­de­füh­rer anzu­wen­den. Nicht­selb­stän­dig täti­ge Steu­er­pflich­ti­ge wer­den dadurch, dass § 3 Nr. 12 EStG die Auf­wands­ent­schä­di­gung, die Bun­des- und Land­tags­ab­ge­ord­ne­te monat­lich als Pau­scha­le erhal­ten, steu­er­frei stellt, hin­sicht­lich der steu­er­li­chen Berück­sich­ti­gung berufs­be­ding­ter Auf­wen­dun­gen nicht ver­fas­sungs­wid­rig benach­tei­ligt.

Die – gege­be­nen­falls – bestehen­de steu­er­li­che Begüns­ti­gung der Abge­ord­ne­ten ist auf­grund der – auch ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten – beson­de­ren Stel­lung des Abge­ord­ne­ten­man­dats dem Grun­de nach sach­lich gerecht­fer­tigt:

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) gebie­tet dem Gesetz­ge­ber, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln 1. Er gilt für unglei­che Belas­tun­gen wie auch für unglei­che Begüns­ti­gun­gen 2. Aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz erge­ben sich je nach Rege­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len unter­schied­li­che Gren­zen für den Gesetz­ge­ber, die vom blo­ßen Will­kür­ver­bot bis zu einer stren­gen Bin­dung an Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­er­for­der­nis­se rei­chen 3. Für die Anfor­de­run­gen an Recht­fer­ti­gungs­grün­de für gesetz­li­che Dif­fe­ren­zie­run­gen kommt es wesent­lich dar­auf an, in wel­chem Maß sich die Ungleich­be­hand­lung von Per­so­nen oder Sach­ver­hal­ten auf die Aus­übung grund­recht­lich geschütz­ter Frei­hei­ten aus­wir­ken kann 4. Genaue­re Maß­stä­be und Kri­te­ri­en dafür, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Gesetz­ge­ber den Gleich­heits­satz ver­letzt, las­sen sich nicht abs­trakt und all­ge­mein, son­dern nur in Bezug auf die jeweils betrof­fe­nen unter­schied­li­chen Sach- und Rege­lungs­be­rei­che bestim­men 5.

Nach die­sen Grund­sät­zen ver­stößt die Besteue­rung der Beschwer­de­füh­rer nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG: Die Beschwer­de­füh­rer bezie­hen Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit nach § 19 EStG. Für berufs­be­ding­te Auf­wen­dun­gen ste­hen ihnen nach § 9a Satz 1 Nr. 1 EStG der Arbeit­neh­mer­pausch­be­trag und bei ent­spre­chen­dem Nach­weis ein höhe­rer Wer­bungs­kos­ten­ab­zug hin­sicht­lich der tat­säch­lich ent­stan­de­nen Auf­wen­dun­gen nach § 9 EStG zu. Dies ent­spricht dem der Ein­kom­men­steu­er zugrun­de lie­gen­den Net­to­prin­zip, nach dem nur das „Net­to­ein­kom­men“ – die Erwerbs­ein­nah­men abzüg­lich der Erwerbs­auf­wen­dun­gen und der exis­tenz­si­chern­den Auf­wen­dun­gen – besteu­ert wird. Die – pau­scha­le – steu­er­li­che Berück­sich­ti­gung berufs­be­ding­ter Auf­wen­dun­gen nach § 9a EStG ist vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­ge­mäß ange­se­hen wor­den 6.

Die von der Besteue­rung der Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger, wei­sungs­ge­bun­de­ner Arbeit abwei­chen­de ein­kom­men­steu­er­li­che Berück­sich­ti­gung von „beruf­lich“ beding­ten Auf­wen­dun­gen eines par­la­men­ta­ri­schen Man­dats­trä­gers ist dem Grun­de nach durch die beson­de­re Stel­lung der Abge­ord­ne­ten hin­rei­chend sach­lich begrün­det.

Abge­ord­ne­te „schul­den“ in Abgren­zung zu Arbeit­neh­mern recht­lich kei­ne Diens­te, son­dern neh­men in Frei­heit ihr Man­dat wahr 7. Der Abge­ord­ne­te ent­schei­det grund­sätz­lich frei und in aus­schließ­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit gegen­über dem Wäh­ler über die Art und Wei­se der Wahr­neh­mung sei­nes Man­dats 8; dies betrifft auch die Fra­ge, wel­che Kos­ten er dabei auf sich nimmt. Die pau­scha­le Erstat­tung die­ser Auf­wen­dun­gen soll Abgren­zungs­schwie­rig­kei­ten ver­mei­den, die beim Ein­zel­nach­weis man­dats­be­ding­ter Auf­wen­dun­gen dadurch auf­trä­ten, dass die Auf­ga­ben eines Abge­ord­ne­ten auf­grund der Beson­der­hei­ten des Abge­ord­ne­ten­sta­tus nicht in abschlie­ßen­der Form bestimmt wer­den könn­ten 9. Sie wird nach § 12 AbgG des Bun­des bezie­hungs­wei­se § 6 AbgG des Lan­des Baden-Würt­tem­berg zweck­ge­bun­den aus­schließ­lich für man­dats­be­ding­te Auf­wen­dun­gen gewährt. Ihr Cha­rak­ter ent­spricht weni­ger einer Wer­bungs­kos­ten­pau­scha­le als eher einem pau­scha­lier­ten Aus­la­gen­er­satz für Kos­ten, deren tat­säch­li­cher Anfall ver­mu­tet wird.

Wie der Bun­des­fi­nanz­hof in den mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen zu Recht aus­führt, dient auch die Steu­er­frei­heit der Auf­wands­ent­schä­di­gung der Ver­ein­fa­chung und der Ver­mei­dung von Abgren­zungs­schwie­rig­kei­ten, da die Besteue­rung der Kos­ten­pau­scha­le und die Gel­tend­ma­chung der man­dats­be­zo­ge­nen Auf­wen­dun­gen als Wer­bungs­kos­ten ent­fal­len 10. Da auch nicht offen­sicht­lich ist, dass die Abge­ord­ne­ten­ent­schä­di­gung bereits im Kern nicht tat­säch­lich ent­stan­de­nen Auf­wand aus­gleicht 11, ist danach eine abwei­chen­de steu­er­li­che Berück­sich­ti­gung der Auf­wands­ent­schä­di­gung eines Abge­ord­ne­ten gegen­über den Erwerbs­auf­wen­dun­gen bei nicht­selb­stän­di­ger Arbeit dem Grun­de nach sach­lich gerecht­fer­tigt.

Soweit sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die Höhe der Abge­ord­ne­ten­ent­schä­di­gung rich­ten, fehlt es bereits am erfor­der­li­chen Rechts­schutz­in­ter­es­se. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die Ent­schei­dungs­er­for­der­lich­keit der Fra­ge, ob die Steu­er­be­frei­ung der Abge­ord­ne­ten­ent­schä­di­gung der Höhe nach ver­fas­sungs­mä­ßig ist, zutref­fend ver­neint, denn inso­weit könn­ten die Beschwer­de­füh­rer auch im Fall der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der ange­grif­fe­nen Ent­schä­di­gungs­re­ge­lung man­gels Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit im Aus­gangs­ver­fah­ren ihre Rechts­po­si­ti­on nicht ver­bes­sern.

Soweit im Steu­er­recht Steu­er­be­frei­un­gen, Steu­er­ent­las­tun­gen oder sons­ti­ge steu­er­li­che Begüns­ti­gun­gen nur bestimm­ten Per­so­nen oder Grup­pen gewährt wer­den, stellt sich häu­fig die Fra­ge, ob eine sol­che Norm mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar ist. Liegt ein Gleich­heits­ver­stoß vor, ist in der Regel eine blo­ße Erklä­rung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit gebo­ten, weil der Gesetz­ge­ber im Rah­men sei­ner Gestal­tungs­frei­heit ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten hat, den Ver­fas­sungs­ver­stoß zu besei­ti­gen. Auch um der Gefahr zu begeg­nen, dass die Gerich­te und letzt­lich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt durch ihre Ein­schät­zung in den Bereich der Gesetz­ge­bung über­grei­fen, ist daher jeden­falls in den Fäl­len, in denen die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Steu­er­rechts­norm gel­tend gemacht wird, die nur bestimm­te Per­so­nen oder Grup­pen begüns­tigt, für die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit dar­auf abzu­stel­len, ob es aus­ge­schlos­sen ist, dass der Gesetz­ge­ber eine für den Steu­er­pflich­ti­gen güns­ti­ge Rege­lung ver­ab­schie­det. Die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit fehlt, wenn der Gesetz­ge­ber an der Schaf­fung einer für den Klä­ger güns­ti­ge­ren Rege­lung aus Rechts­grün­den oder aus offen­kun­di­gen sach­li­chen Grün­den gehin­dert ist 12. Dies ist aus den vom Bun­des­fi­nanz­hof genann­ten Grün­den vor­lie­gend der Fall. Wäre die Abge­ord­ne­ten­pau­scha­le der Höhe nach ver­fas­sungs­wid­rig, könn­te die in Bezug auf die Abge­ord­ne­ten­pau­scha­le gewähr­te Steu­er­frei­heit auch den Beschwer­de­füh­rern nicht gewährt wer­den.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Juli 2010 – 2 BvR 2227/​08 und 2 BvR 2228/​08

  1. vgl. BVerfGE 116, 164, 180; 122, 210, 230; stRspr[]
  2. BVerfGE 110, 412, 431; 116, 164, 180; 122, 210, 230[]
  3. stRspr; vgl. BVerfGE 110, 274, 291; 112, 164, 174; 116, 164, 180; 122, 210, 230[]
  4. stRspr; vgl. BVerfGE 112, 164, 174; 122, 210, 230[]
  5. stRspr; vgl. BVerfGE 105, 73, 111; 107, 27, 45 f.; 112, 268, 279; 122, 210, 230[]
  6. vgl. BVerfGE 96, 1[]
  7. vgl. BVerfGE 76, 256, 341 betref­fend den Ver­gleich mit Beam­ten[]
  8. vgl. BVerfGE 118, 277, 336 f.[]
  9. vgl. „Zwei­tes Gut­ach­ten zur Neu­re­ge­lung der Diä­ten der Mit­glie­der des Bun­des­ta­ges“ des Bei­ra­tes für Ent­schä­di­gungs­fra­gen beim Prä­si­di­um des Deut­schen Bun­des­ta­ges, BT- Drs. 7/​5531, S. 32, 44[]
  10. vgl. v. Beckerath, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, Bd. 3, § 3 Rn. B 12/​32[]
  11. vgl. BVerfGE 99, 280, 290 ff.[]
  12. vgl. BVerfGE 121, 108, 115 f., m.w.N.[]