Haf­tung des Betriebs­über­neh­mers bei Unpfänd­bar­keit

Wird ein Unter­neh­men oder ein in der Glie­de­rung eines Unter­neh­mens geson­dert geführ­ter Betrieb im Gan­zen über­eig­net, so haf­tet der Erwer­ber gemäß § 75 Abs. 1 Satz 1 AO für Steu­ern, bei denen sich die Steu­er­pflicht auf den Betrieb des Unter­neh­mens grün­det, vor­aus­ge­setzt, dass die Steu­ern seit dem Beginn des letz­ten vor der Über­eig­nung lie­gen­den Kalen­der­jahrs ent­stan­den sind und bis zum Ablauf von einem Jahr nach Anmel­dung des Betriebs durch den Erwer­ber fest­ge­setzt oder ange­mel­det wer­den.

Haf­tung des Betriebs­über­neh­mers bei Unpfänd­bar­keit

Die Her­an­zie­hung des Über­neh­mers ist auch nicht des­we­gen ermes­sens­feh­ler­haft, weil der Haf­tungs­be­scheid wegen Unpfänd­bar­keit der haf­ten­den Gegen­stän­de für das Finanz­amt "ohne Nut­zen" ist.

um einen könn­te der "Nut­zen" eines Haf­tungs­be­scheids bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen des § 75 AO allen­falls dann eine Rol­le spie­len, wenn die Inhaf­tung­nah­me wegen nicht hin­nehm­ba­rer nach­tei­li­ger Fol­gen für den in Anspruch Genom­me­nen miss­bräuch­lich oder schi­ka­nös wäre und damit den Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz wegen Ver­feh­lung der ange­mes­se­nen Mit­tel-Zweck-Rela­ti­on ver­letz­te 1. Dafür gibt es im Streit­fall kei­ner­lei Anhalts­punk­te. Der "Nut­zen" des Haf­tungs­be­scheids für den Fis­kus liegt in der Siche­rung der betrieb­li­chen Res­sour­cen des über­ge­be­nen Unter­neh­mens für die sich auf die­sen Betrieb grün­den­den Steu­er­schul­den 2. Dem­ge­gen­über bewirk­te die Inhaf­tung­nah­me kei­nen Ein­griff in eine Rechts­po­si­ti­on der Betriebs­über­neh­me­rin der vom Zweck des § 75 AO nicht mehr gedeckt wäre. Denn sie haf­tet nur mit den Gegen­stän­den, die im frü­he­ren Betrieb vor­han­den waren. Auf die mög­li­che Unpfänd­bar­keit der über­ge­gan­ge­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de im Betrieb ihres Ehe­man­nes i.S. des § 295 AO, § 811 Abs. 1 Nr. 5 ZPO, kann sie sich nicht beru­fen, da die­ser Pfän­dungs­schutz per­so­nen­be­zo­gen ist. Denn danach sind nur "bei Per­so­nen, die aus ihrer kör­per­li­chen oder geis­ti­gen Arbeit oder sons­ti­gen per­sön­li­chen Leis­tun­gen ihren Erwerb zie­hen", die zur Fort­set­zung die­ser Erwerbs­tä­tig­keit erfor­der­li­chen Gegen­stän­de nicht der Pfän­dung unter­wor­fen.

Zum ande­ren ist ein Fehl­ge­brauch des dem Finanz­amt bei der Inan­spruch­nah­me der Betriebs­über­neh­me­rin gemäß § 75 i.V.m. § 191 Abs. 1 AO ein­ge­räum­ten Ermes­sens nicht ersicht­lich.

Offen­sicht­lich berührt die ver­meint­li­che Nutz­lo­sig­keit des Haf­tungs­be­scheids nicht Gesichts­punk­te, die unmit­tel­bar das Ent­schlie­ßungs­er­mes­sen betref­fen. Es ist regel­mä­ßig ermes­sens­ge­recht, den Über­neh­mer in Haf­tung zu neh­men, wenn die Betriebs­steu­ern –wie vor­lie­gend– beim Über­ge­ber nicht bei­ge­trie­ben wer­den kön­nen 3. Aller­dings sind nach der Recht­spre­chung auch Merk­ma­le des Haf­tungs­tat­be­stan­des –eben­so wie außer­tat­be­stand­li­che Gesichts­punk­te– bei der Ermes­sens­ent­schei­dung nach § 191 Abs. 1 AO zu berück­sich­ti­gen und dem­ge­mäß für die­sen Zweck ein­wand­frei und erschöp­fend zu ermit­teln, jedoch nur dann, wenn sie nach dem Sinn und Zweck der Ermes­sens­vor­schrift für die Ermes­sens­aus­übung von Bedeu­tung sind 4.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Finanz­ge­rich­te Köln und Baden-Würt­tem­berg 5 ist die Fra­ge der Pfänd­bar­keit der über­tra­ge­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de gemäß § 295 AO, § 811 Abs. 1 Nr. 5 ZPO kein sol­cher Gesichts­punkt. Auch dem vom Finanz­ge­richt Köln für sei­ne Rechts­auf­fas­sung zitier­ten Urteil des Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richt 6, in dem es auf die Pfänd­bar­keit der über­nom­me­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de nicht ankam, weil gar kein "über­nom­me­nes Ver­mö­gen" vor­han­den war, ist Gegen­tei­li­ges nicht zu ent­neh­men.

Gegen­stän­de, die im frü­he­ren Unter­neh­men unpfänd­bar waren, müs­sen nicht auch im über­neh­men­den Betrieb zur Fort­set­zung die­ser Erwerbs­tä­tig­keit erfor­der­lich sein. Und selbst zunächst unpfänd­ba­re Gegen­stän­de kön­nen im Fall ihrer Ver­äu­ße­rung zur Erfül­lung des Haf­tungs­an­spruchs bei­tra­gen. Denn die Gegen­leis­tung oder der Ersatz für weg­ge­ge­be­ne oder sonst aus dem Betrieb aus­ge­schie­de­ne Gegen­stän­de, das Sur­ro­gat, ist von der Haf­tung nach § 75 AO umfasst 7.

Ob die haf­ten­den Gegen­stän­de im Ein­zel­fall unpfänd­bar sind, ist zu prü­fen, wenn die Betriebs­über­neh­me­rin die Haf­tungs­sum­me nicht ent­rich­tet, so dass die Voll­stre­ckung aus dem Haf­tungs­be­scheid durch Pfän­dung (§ 281 AO) in die über­tra­ge­nen Gegen­stän­de ansteht. Sind die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 295 AO, 811 Abs. 1 Nr. 5 ZPO erfüllt, liegt ein Voll­stre­ckungs­hin­der­nis vor. Die Recht­mä­ßig­keit des Haf­tungs­be­scheids, der die Grund­la­ge der Voll­stre­ckung bil­det (§ 249 AO), wird davon nicht berührt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom

  1. zur Unver­hält­nis­mä­ßig­keit eines Insol­venz­an­trags vgl. BFH, Beschluss vom 01.02.2005 – VII B 180/​04, BFH/​NV 2005, 1002, m.w.N.; zur unein­ge­schränk­ten gericht­li­chen Über­prü­fung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit vgl. BFH, Beschluss vom 01.08.2005 – VII B 97/​04, BFH/​NV 2005, 2255, und BFH, Urteil vom 17.05.2011 – VII R 40/​10, BFHE 233, 567, Zeit­schrift für Zöl­le und Ver­brauch­steu­ern 2011, 247[]
  2. BFH, Urteil vom 11.05.1993 – VII R 86/​92, BFHE 171, 27, BSt­Bl II 1993, 700[]
  3. vgl. Boeker in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 75 AO Rz 111[]
  4. BFH, Urteil vom 12.12.1996 – VII R 53/​96, BFH/​NV 1997, 386[]
  5. FG Köln, Urteil vom 02.09.2011 – 4 K 2375/​10; FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 11.12.2002 – 7 K 86/​00, EFG 2003, 662[]
  6. Nds. FG, Urteil vom 16.08.2010 – 11 K 245/​09, EFG 2010, 2064[]
  7. vgl. zur ver­gleich­ba­ren Rechts­la­ge in § 74 AO: BFH, Urteil vom 22.11.2011 – VII R 63/​10, BFHE 235, 126, BSt­Bl II 2012, 223; Beschluss vom 21.02.1996 – VII B 243/​95, BFH/​NV 1996, 661, m.w.N.[]