Jah­res­steu­er­ge­setz 2007

Das Jah­res­steu­er­ge­setz 2007 ist nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs ver­fas­sungs­mä­ßig zustan­de gekom­men. Trotz der grund­sätz­lich vor­ge­se­he­nen drei Bera­tun­gen eines Gesetz­ent­wurfs muss eine vom Gesetz­ent­wurf in ers­ter Bera­tung abwei­chen­de Beschluss­emp­feh­lung nicht Gegen­stand einer erneu­ten ers­ten Bera­tung sein. Ein Ver­stoß gegen § 81 Abs. 1 Satz 2 der Geschäfts­ord­nung des Deut­schen Bun­des­tags (Frist für die zwei­te Bera­tung) führt nicht zur for­mel­len Ver­fas­sungs­wid­rig­keit eines Geset­zes.

Jah­res­steu­er­ge­setz 2007

Dass § 367 Abs. 2a AO nicht Gegen­stand der ers­ten Lesung gewe­sen ist, ergibt kei­nen Ver­fas­sungs­ver­stoß.

Der Deut­sche Bun­des­tag hat den Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung 1, der § 367 Abs. 2a AO noch nicht ent­hielt, in sei­ner Sit­zung am 28. Sep­tem­ber 2006 dem Finanz­aus­schuss zur feder­füh­ren­den Bera­tung sowie wei­te­ren Aus­schüs­sen zur Mit­be­ra­tung über­wie­sen. In der Beschluss­emp­feh­lung des Finanz­aus­schus­ses vom 8. Novem­ber 2006 und in dem Bericht des Finanz­aus­schus­ses vom 9. Novem­ber 2006 war der vom Bun­des­rat zur Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung und zum Büro­kra­tie­ab­bau vor­ge­schla­ge­ne § 367 Abs. 2a AO ein­ge­fügt 2. Die zwei­te Bera­tung des Ent­wurfs des JStG 2007 fand am 9. Novem­ber 2006 statt. Laut Ple­nar­pro­to­koll 16/​63 3 wur­de der Gesetz­ent­wurf, für den eine Aus­spra­che von einer hal­ben Stun­de vor­ge­se­hen war, in zwei­ter Bera­tung ange­nom­men, an die sich nach Auf­ruf der drit­ten Bera­tung die Schluss­ab­stim­mung anschloss.

Nach § 78 Abs. 1 GO BT wer­den Gesetz­ent­wür­fe zwar in drei Bera­tun­gen behan­delt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers muss eine vom Gesetz­ent­wurf in ers­ter Bera­tung abwei­chen­de Beschluss­emp­feh­lung aber nicht Gegen­stand einer erneu­ten ers­ten Bera­tung sein. Nach dem Ple­nar­pro­to­koll 4 fand in der ers­ten Bera­tung in Über­ein­stim­mung mit § 79 GO BT kei­ne all­ge­mei­ne Aus­spra­che statt, son­dern der Gesetz­ent­wurf wur­de gemäß § 80 Abs. 1 GO BT an die ent­spre­chen­den Aus­schüs­se über­wie­sen. Nach Ver­tei­lung der Beschluss­emp­feh­lung und des Aus­schuss­be­richts begann wie in § 81 GO BT vor­ge­se­hen die Aus­spra­che, für die eine hal­be Stun­de vor­ge­se­hen war. Da in zwei­ter Bera­tung kei­ne Ände­run­gen beschlos­sen wur­den, folg­ten gemäß § 84 Satz 1 Buchst. a GO BT unmit­tel­bar im Anschluss die drit­te Bera­tung und die Schluss­ab­stim­mung (§ 86 Sät­ze 1 und 2 GO BT). Es gibt auch kein ver­fas­sungs­recht­li­ches Prin­zip, das drei Bera­tun­gen erfor­dert 5.

Auch dass die zwei­te Bera­tung des JStG 2007 ent­ge­gen § 81 Abs. 1 Satz 2 GO BT bereits vor dem zwei­ten Tag nach Ver­tei­lung der Beschluss­emp­feh­lung und des Aus­schuss­be­richts statt­ge­fun­den hat, begrün­det kei­ne for­mel­le Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des JStG 2007.

Zwar fand die zwei­te Bera­tung des JStG 2007 schon am 9. Novem­ber 2006 statt, obwohl der Finanz­aus­schuss den Gesetz­ent­wurf erst am 8. Novem­ber 2006 abschlie­ßend bera­ten hat­te und die mit­be­ra­ten­den Aus­schüs­se sich eben­falls erst am 8. Novem­ber 2006 mit der Vor­la­ge befasst hat­ten, sodass die Frist für den Beginn der zwei­ten Bera­tung –am zwei­ten Tag nach Ver­tei­lung der Beschluss­emp­feh­lung und des Aus­schuss­be­richts– nicht ein­ge­hal­ten war. Aus dem Ple­nar­pro­to­koll ergibt sich auch nicht, dass die Vor­aus­set­zun­gen des § 81 Abs. 1 GO BT für eine Frist­ver­kür­zung vor­ge­le­gen haben. Die­ser Ver­stoß gegen die GO BT führt jedoch nicht zur Unwirk­sam­keit des JStG 2007.

Bei der GO BT han­delt es sich um eine auto­no­me Sat­zung, deren Bestim­mun­gen nur die Mit­glie­der des Bun­des­ta­ges bin­den. Unge­ach­tet ihrer gro­ßen Bedeu­tung für das mate­ri­el­le Ver­fas­sungs­recht und das Ver­fas­sungs­le­ben folgt aus die­ser Rechts­na­tur der GO BT, dass sie der geschrie­be­nen Ver­fas­sung und den Geset­zen im Ran­ge nach­steht 6. Es ist daher frag­lich, ob Ver­stö­ße gegen Bestim­mun­gen der GO BT über­haupt zur Unwirk­sam­keit eines Geset­zes füh­ren kön­nen 7. Zur for­mel­len Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Geset­zes kön­nen jeden­falls nur schwer­wie­gen­de, die grund­ge­setz­li­chen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten (Art. 76 bis 78 GG) berüh­ren­de Ver­stö­ße füh­ren 8. Hier­zu gehört die Ver­let­zung der Frist nach § 81 Abs. 1 GO BT nicht.

Ein wesent­li­cher Teil der Par­la­ments­ar­beit wird tra­di­tio­nell außer­halb des Ple­nums geleis­tet. Die Geschäfts­ord­nung des Deut­schen Bun­des­tags trägt dem fak­ti­schen Zwang zur Arbeits­tei­lung im par­la­men­ta­ri­schen Bereich zunächst dadurch Rech­nung, dass sie die Ein­rich­tung von Aus­schüs­sen (§§ 54 ff. GO BT) vor­sieht. In ihnen voll­zieht sich ein wesent­li­cher Teil des Wil­lens­bil­dungs- und Ent­schei­dungs­pro­zes­ses des Bun­des­ta­ges. Die Arbeit der Frak­tio­nen (§§ 10 ff. GO BT) erreicht grund­sätz­lich alle Abge­ord­ne­ten des Par­la­ments. Die Schluss­ab­stim­mung nach Bera­tung im Ple­num bil­det einen zwar recht­lich not­wen­di­gen, zuwei­len in sei­ner poli­ti­schen Bedeu­tung jedoch gemin­der­ten letz­ten Teil­akt der par­la­men­ta­ri­schen Wil­lens­bil­dung, wäh­rend die Ent­schei­dung in Wirk­lich­keit bereits in den Aus­schüs­sen und Frak­tio­nen gefal­len ist 9. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Nicht­ein­hal­tung der in § 81 Abs. 1 GO BT vor­ge­ge­be­nen Frist (kein Beginn der zwei­ten Bera­tung vor dem zwei­ten Tag nach Ver­tei­lung der Beschluss­emp­feh­lung und des Aus­schuss­be­richts) kein schwer­wie­gen­der, zur for­mel­len Ver­fas­sungs­wid­rig­keit füh­ren­der Ver­stoß, zumal die Abge­ord­ne­ten zu Beginn der zwei­ten Bera­tung der vor­ge­schla­ge­nen Aus­spra­che von einer hal­ben Stun­de laut Ple­nar­pro­to­koll 10 nicht wider­spro­chen und damit zum Aus­druck gebracht haben, dass die Vor­be­rei­tungs­zeit aus­reich­te. Ledig­lich ein Abge­ord­ne­ter mahn­te an, künf­tig die Fris­ten ein­zu­hal­ten. Da der Ablauf des Ver­fah­rens bis zum Geset­zes­be­schluss in Art. 77 Abs. 1 Satz 1 GG nicht gere­gelt ist und die Frist­be­stim­mung in § 81 Abs. 1 GO BT weder Ver­fas­sungs­ge­wohn­heits­recht ist noch zu den unab­ding­ba­ren Grund­sät­zen der demo­kra­ti­schen rechts­staat­li­chen Ord­nung gehört 11, kann die Nicht­ein­hal­tung der Frist nicht zur for­mel­len Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des JStG 2007 füh­ren.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2010 – III R 39/​08

  1. BT-Drs. 16/​2712, 16/​3036[]
  2. BT-Drs. 16/​3325, S. 54, 55; BT-Drs. 16/​3368, S. 6, 25[]
  3. S. 6224, 6232[]
  4. 16/​54, S. 5274[]
  5. vgl. BVerfG, Urteil vom 06.03.1952 – 2 BvE 1/​51, BVerfGE 1, 144[]
  6. BVerfG, Urteil in BVerfGE 1, 144[]
  7. offen gelas­sen im BVerfG, Beschluss vom 08.12.2009 – 2 BvR 758/​07, DVBl. 2010, 308, betr. Ver­let­zung des § 78 Abs. 5 GO BT, den Eini­gungs­vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses dem Deut­schen Bun­des­tag min­des­tens zwei Tage vor des­sen end­gül­ti­ger Beschluss­fas­sung nach Art. 77 Abs. 2 Satz 5 GG zuzu­lei­ten[]
  8. vgl. Jarass/​Pieroth, Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Kom­men­tar, 10. Aufl., Art. 40 Rz 9; Rubel in Umbach/​Clemens, Grund­ge­setz, Art. 77 Rz 16[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 10.05.1977 – 2 BvR 705/​75, BVerfGE 44, 308[]
  10. 16/​63, S. 6224[]
  11. vgl. BVerfG, Ent­schei­dung vom 14.10.1970 – 1 BvR 307/​68, BVerfGE 29, 221[]