Kei­ne Steu­er­am­nes­tie für Steu­er­ehr­li­che

Eine ein­kom­men­steu­er­recht­li­che Begüns­ti­gung durch das Stra­BEG wird nur den Steu­er­pflich­ti­gen zuteil, die unter den Tat­be­stand des § 1 Abs. 1 Stra­BEG fal­len. Eine Erstre­ckung der Begüns­ti­gun­gen, ins­be­son­de­re des Steu­er­sat­zes von 25%, auf die ord­nungs­ge­mäß erklär­ten Ein­künf­te ande­rer (steu­er­ehr­li­cher) Steu­er­pflich­ti­ger ist nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs daher aus­ge­schlos­sen.

Kei­ne Steu­er­am­nes­tie für Steu­er­ehr­li­che

Das Stra­BEG ist nach sei­nem ein­deu­ti­gen Geset­zes­wort­laut (§ 1 Abs. 1 Satz 1 und § 6 Stra­BEG) nicht anzu­wen­den, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sei­ne Ein­künf­te ord­nungs­ge­mäß erklärt und damit die Tat­be­stands­merk­ma­le einer Steu­er­hin­ter­zie­hung (§§ 370, 370a AO) nicht erfüllt hat 1.

Dass Steu­er­ehr­li­che, die bereits ord­nungs­ge­mäß zur Steu­er ver­an­lagt wor­den sind und des­halb die Brü­cke zur Rück­kehr in die Lega­li­tät nicht brau­chen 2, nicht in den Kreis der vom Stra­BEG erfass­ten Steu­er­pflich­ti­gen ein­zu­be­zie­hen sind, hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits mehr­fach ent­schie­den 3.

Das Stra­BEG ist ins­be­son­de­re damit begrün­det wor­den, dass der Geset­zes­voll­zug und damit die gleich­mä­ßi­ge Betei­li­gung aller Steu­er­pflich­ti­gen an den all­ge­mei­nen Las­ten in der Pra­xis an recht­li­che und tat­säch­li­che Gren­zen sto­ße. Es soll­te ein attrak­ti­ver Anreiz für eine frei­wil­li­ge Rück­kehr in die Steu­er­ehr­lich­keit gebo­ten wer­den 4. Ziel des Stra­BEG war es hin­ge­gen nicht, die Steu­er­hin­ter­zie­hung zu beloh­nen 5. Vor die­sem Hin­ter­grund wider­sprä­che es dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Pos­tu­lat der Besteue­rungs­gleich­heit, einen beson­de­ren Befrei­ungs­tat­be­stand auf ord­nungs­ge­mäß ver­an­lag­te Steu­er­pflich­ti­ge aus­zu­deh­nen, wenn der Befrei­ungs­tat­be­stand ledig­lich dem bis­her steu­er­ver­kür­zen­den Steu­er­pflich­ti­gen den Weg zur Lega­li­tät ebnen will 6.

Ver­mö­gen danach die genann­ten Erwä­gun­gen des Gesetz­ge­bers die "Steu­er­am­nes­tie" des Stra­BEG und den damit ver­bun­de­nen par­ti­el­len Steu­er­ver­zicht gegen­über den nicht durch das Gesetz begüns­tig­ten Steu­er­pflich­ti­gen hin­rei­chend zu recht­fer­ti­gen 7, so wird dadurch nicht die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der regel­mä­ßi­gen Besteue­rung nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz her­bei­ge­führt. Denn die als Aus­nah­me kon­zi­pier­te recht­li­che Pri­vi­le­gie­rung eines bestimm­ten Per­so­nen­krei­ses in Bezug auf bestimm­te Sach­ver­hal­te hat, wenn sie als Aus­nah­me ver­fas­sungs­mä­ßig ist, nicht die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der all­ge­mei­nen Grund­re­geln zur Fol­ge.

Dem Argu­ment, der Gesetz­ge­ber habe durch die Auf­nah­me aller Ein­kunfts­ar­ten in die Rege­lung des Stra­BEG zu erken­nen gege­ben, dass auch für Ein­künf­te aus selb­stän­di­ger Arbeit nach § 18 EStG ein Voll­zugs­de­fi­zit bestehe, was zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Norm füh­re, ist nicht zu fol­gen. Ein struk­tu­rel­les Voll­zugs­de­fi­zit, das durch Erhe­bungs­re­geln gekenn­zeich­net ist, wel­che die Durch­set­zung der mate­ri­el­len Steu­er­norm ver­hin­dern oder erschwe­ren 8, besteht für die Ein­künf­te aus selb­stän­di­ger Arbeit nach § 18 EStG ersicht­lich nicht.

Jeden­falls wäre eine Vor­la­ge an das BVerfG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG im Streit­fall unzu­läs­sig. Das Ver­fah­ren der Nor­men­kon­trol­le nach Art. 100 Abs. 1 GG ist nur zuläs­sig, wenn es für die im Aus­gangs­ver­fah­ren zu tref­fen­de Ent­schei­dung auf die Gül­tig­keit der für ver­fas­sungs­wid­rig erach­te­ten Norm ankommt 9. Falls § 1 Stra­BEG durch die dar­in aus­ge­spro­che­ne par­ti­el­le Steu­er­frei­stel­lung den Steue­run­ehr­li­chen im Ver­hält­nis zum Steu­er­ehr­li­chen ver­fas­sungs­wid­rig bevor­zu­gen soll­te, könn­te sich die Besei­ti­gung die­ses Gleich­heits­ver­sto­ßes durch eine gesetz­li­che Neu­re­ge­lung auf die Besteue­rung des Klä­gers nur dann aus­wir­ken, wenn die begüns­ti­gen­de Rege­lung des § 1 Stra­BEG auf alle ehr­li­chen Steu­er­pflich­ti­gen erstreckt wür­de. Eine sol­che Neu­re­ge­lung erscheint jedoch schlecht­hin aus­ge­schlos­sen, so dass die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 1 Stra­BEG in Ver­bin­dung mit §§ 18, 32a EStG hier nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist 10.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 31. August 2010 – VIII R 11/​08

  1. vgl. dazu BFH, Urteil vom 20.06.1989 – VIII R 82/​86, BFHE 156, 543, BSt­Bl II 1989, 836; sie­he fer­ner Leve­dag, FR 2006, 491, 492, m.w.N.; Mat­thes, EFG 2010, 986[]
  2. sie­he BVerfG, Urteil vom 27.06.1991 – 2 BvL 3/​89, BVerfGE 84, 233, BSt­Bl II 1991, 652[]
  3. BFH, Beschlüs­se vom 22.07.2008 – II B 47/​07, BFH/​NV 2008, 1846; vom 26.11.2008 – VIII B 167/​07 und VIII B 168/​07, zu Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen; vom 20.10.2009 ‑VIII B 138/​09; und vom 02.12.2009 – VI B 87/​08, BFH/​NV 2010, 605, zu Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit[]
  4. BT-Drs. 15/​1521, S. 1 und S. 11[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 25.02.2008 – 2 BvL 14/​05, HFR 2008, 756[]
  6. BVerfG, Urteil in BVerfGE 84, 233, BSt­Bl II 1991, 652[]
  7. vgl. dazu BVerfG, Beschluss in HFR 2008, 756[]
  8. vgl. zuletzt BVerfG, Beschluss in HFR 2008, 756[]
  9. stän­di­ge Recht­spre­chung, BVerfG, Urteil in BVerfGE 84, 233, BSt­Bl II 1991, 652[]
  10. vgl. BVerfG, Urteil in BVerfGE 84, 233, BSt­Bl II 1991, 652; BVerfG, Beschluss in HFR 2008, 756; BVerfG, Beschluss vom 26.07.2010 – 2 BvR 2227/​08, 2 BvR 2228/​08, DStR/​ED 2010, 1058[]