Pro­zess­zin­sen bei unwirk­sa­mer Steu­er­fest­set­zung

Ein Anspruch auf Pro­zess­zin­sen gemäß § 236 Abs. 1 Satz 1 AO besteht auch dann, wenn durch eine rechts­kräf­ti­ge gericht­li­che Ent­schei­dung eine unwirk­sa­me Steu­er­fest­set­zung auf­ge­ho­ben wird.

Pro­zess­zin­sen bei unwirk­sa­mer Steu­er­fest­set­zung

Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis wer­den nur ver­zinst, soweit dies gesetz­lich vor­ge­schrie­ben ist (§ 233 Satz 1 AO). Es gibt kei­nen all­ge­mei­nen Rechts­grund­satz, dass rück­stän­di­ge Staats­leis­tun­gen (ange­mes­sen) zu ver­zin­sen sind [1].

Gemäß § 236 Abs. 1 Satz 1 AO ent­steht ein Anspruch auf Zah­lung von Pro­zess­zin­sen, wenn durch eine rechts­kräf­ti­ge gericht­li­che Ent­schei­dung oder auf Grund einer sol­chen Ent­schei­dung eine fest­ge­setz­te Steu­er her­ab­ge­setzt oder eine Steu­er­ver­gü­tung gewährt wird. Dies gilt ent­spre­chend, wenn sich der Rechts­streit durch Auf­he­bung oder Ände­rung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts oder durch Erlass des bean­trag­ten Ver­wal­tungs­akts erle­digt hat (§ 236 Abs. 2 Nr. 1 AO). Der Zweck des § 236 AO besteht dar­in, dem Gläu­bi­ger eines Erstat­tungs­an­spruchs für die Vor­ent­hal­tung des Kapi­tals und der damit ver­bun­de­nen Nut­zungs­mög­lich­kei­ten zumin­dest für die Zeit ab Rechts­hän­gig­keit eine Ent­schä­di­gung zu gewäh­ren [2].

Der Anspruch auf Pro­zess­zin­sen setzt nur vor­aus, dass eine fest­ge­setz­te Steu­er im gericht­li­chen Ver­fah­ren her­ab­ge­setzt wird. Der Grund, der zur Her­ab­set­zung der fest­ge­setz­ten Steu­er geführt hat, ist für den Anspruch auf Pro­zess­zin­sen ohne Bedeu­tung [3].

Der Anspruch auf Pro­zess­zin­sen besteht daher auch dann, wenn die fest­ge­setz­te Steu­er im gericht­li­chen Ver­fah­ren des­halb her­ab­ge­setzt oder der Steu­er­be­scheid des­halb auf­ge­ho­ben wird, weil eine Steu­er­schuld man­gels wirk­sa­mer Bekannt­ga­be des Bescheids nicht bestand [4]. Ledig­lich auf Über­zah­lung von Steu­ern beru­hen­de Erstat­tungs­an­sprü­che, die nicht auf der Ände­rung oder Auf­he­bung einer Steu­er­fest­set­zung, son­dern z.B. auf einem erfolg­rei­chen Rechts­streit gegen einen Abrech­nungs­be­scheid oder auf Bil­lig­keits­maß­nah­men beru­hen, wer­den nach § 236 AO nicht ver­zinst [5].

Die Auf­fas­sung, wonach § 236 Abs. 1 Satz 1 AO eine wirk­sa­me Steu­er­fest­set­zung vor­aus­setzt, fin­det im Wort­laut des Geset­zes kei­nen Anhalts­punkt, denn dort ist ledig­lich von der "fest­ge­setz­ten", nicht aber von der "wirk­sam fest­ge­setz­ten" Steu­er die Rede. Eine den Wort­laut des Geset­zes ein­schrän­ken­de Aus­le­gung stün­de auch mit dem Zweck der Norm im Wider­spruch. § 236 AO begrün­det eine Ent­schä­di­gung für das vor­ent­hal­te­ne Kapi­tal. Dabei ist unbe­acht­lich, ob die Steu­er auf­grund einer rechts­wid­ri­gen oder unwirk­sa­men Steu­er­fest­set­zung gezahlt wur­de.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen hat die Klä­ge­rin im vor­lie­gend vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall einen Anspruch auf Fest­set­zung von Pro­zess­zin­sen gemäß § 236 Abs. 1 Satz 1 AO ab dem Zeit­punkt der Rechts­hän­gig­keit der ursprüng­lich erho­be­nen Kla­ge:

Der Schen­kungsteu­er­be­scheid und der im Kla­ge­ver­fah­ren ergan­ge­ne Erb­schaft­steu­er­be­scheid vom 09.10.2008 wur­den durch eine gericht­li­che Ent­schei­dung auf­ge­ho­ben. Die bereits gezahl­te Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er wur­de der Klä­ge­rin erstat­tet. Der unwirk­sa­me Erb­schaft­steu­er­be­scheid vom 12.11.2007 hat sei­nen Rechts­schein mit der Erset­zung (vgl. § 68 Satz 4 Nr. 2 FGO) durch den im Kla­ge­ver­fah­ren wirk­sam ergan­ge­nen, wenn­gleich rechts­wid­ri­gen Bescheid vom 09.10.2008 ver­lo­ren; die­ser Rechts­schein ist mit der Auf­he­bung des Erb­schaft­steu­er­be­scheids vom 09.10.2008 nicht wie­der auf­ge­lebt. Einer aus­drück­li­chen Auf­he­bung des unwirk­sa­men Bescheids vom 12.11.2007 bedurf­te es daher nicht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Mai 2013 – II R 20/​11

  1. z.B. BFH, Urtei­le vom 29.04.1997 – VII R 91/​96, BFHE 182, 253, BStBl II 1997, 476; vom 25.01.2007 – III R 85/​06, BFHE 216, 405, BStBl II 2007, 598; vom 29.08.2012 – II R 49/​11, BFHE 238, 499, BStBl II 2013, 104[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 16.11.2000 – XI R 31/​00, BFHE 196, 1, BStBl II 2002, 119, und in BFHE 216, 405, BStBl II 2007, 598[]
  3. Koenig in Pahlke/​Koenig, Abga­ben­ord­nung, 2. Aufl., § 236 Rz 12; Heu­er­mann in HHSp, § 236 AO Rz 15; Loo­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz-gerichts­ord­nung, § 236 AO Rz 9; Anwen­dungs­er­lass zur Abga­ben-ord­nung § 236 AO Nr. 1 Abs. 2 Satz 1[]
  4. vgl. Loo­se in Tipke/​Kruse, a.a.O.; Heu­er­mann in HHSp § 236 AO Rz 15[]
  5. BFH, Urteil vom 12.05.1987 – VII R 203/​83, BFHE 150, 298, BStBl II 1987, 702[]