Steu­er­recht im Okto­ber 2014

Monatsrueckblick_OktoberVerrechnungs­preise, Pro­ble­me im Besteuerungs­verfahren, Golf­club und die Gewer­be­steu­er­pflicht des Fuß­ball­schieds­richters, Vergnügung­steuer und Sport­pfer­de …

Über­tra­gung eines Mit­ei­gen­tums­an­teils an einem Sport­pferd – und die Umsatz­steu­er rei­tet mit

Nach § 12 Abs. 1 UStG betrug die Steu­er für jeden steu­er­pflich­ti­gen Umsatz im Jahr 2006 16 % und in den Jah­ren ab 2007 19 % der Bemes­sungs­grund­la­ge (all­ge­mei­ner Steu­er­satz). Die Steu­er ermä­ßig­te sich gemäß § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG i.V.m. Anla­ge 2 Nr. 1 Buchst. a zum UStG a.F. auf 7 % für die Lie­fe­rung, die Ein­fuhr und den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb von leben­den Pfer­den ein­schließ­lich rein­ras­si­ger Zucht­tie­re, aus­ge­nom­men Wild­pfer­de.

Nach dem Wort­laut der Vor­schrift ‑die mit Wir­kung vom 01.07.2012 auf­ge­ho­ben wur­de [1]- war der ermä­ßig­te Umsatz­steu­er­satz auch auf die Lie­fe­rung von Sport­pfer­den anzu­wen­den. Denn die betref­fen­de natio­na­le Rege­lung sah für Umsät­ze mit bestimm­ten leben­den Tie­ren einen ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­satz unab­hän­gig davon vor, für wel­che Ver­wen­dung die­se Tie­re bestimmt waren [2].

Gemes­sen am Uni­ons­recht war das natio­na­le Recht in Bezug auf die Lie­fe­rung von Sport­pfer­den jedoch zu weit [3].

Die Lie­fe­rung von Sport­pfer­den unter­liegt nach dem Uni­ons­recht nicht dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz, son­dern dem Regel­steu­er­satz.

Die Mit­glied­staa­ten sind zwar berech­tigt gemäß Art. 98 Abs. 2 i.V.m. Anhang III Nr. 1 der MwSt­Sys­tRL ‑vor­mals Art. 12 Abs. 3 Buchst. a Unter­abs. 3 i.V.m. Anhang H Nr. 1 der Richt­li­nie 77/388/EWG- einen ermä­ßig­ten Steu­er­satz für die Lie­fe­rung leben­der Tie­re ein­zu­füh­ren. Anhang III Nr. 1 der MwSt­Sys­tRL gestat­tet die Anwen­dung eines ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­sat­zes jedoch nur für leben­de Tie­re, die übli­cher­wei­se dafür bestimmt sind, für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- und Fut­ter­mit­teln ver­wen­det zu wer­den.

Der Zweck die­ser Bestim­mung besteht dar­in, dem End­ver­brau­cher den Kauf die­ser Nah­rungs- und Fut­ter­mit­tel zu erleich­tern [4]. Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber stellt inso­weit auf Tie­re ab, die gewöhn­lich und all­ge­mein dafür bestimmt sind, in die mensch­li­che oder tie­ri­sche Nah­rungs­ket­te zu gelan­gen. Das gilt ins­be­son­de­re für Rin­der, Schwei­ne, Scha­fe und Zie­gen. Daher kann auf sämt­li­che Lie­fe­run­gen von Tie­ren die­ser Arten ein ermä­ßig­ter Mehr­wert­steu­er­satz ange­wandt wer­den, ohne dass dies für jedes ein­zel­ne Tier geprüft wer­den muss [5].

Bei Pfer­den ist die Situa­ti­on in der Euro­päi­schen Uni­on anders als bei den vor­ge­nann­ten Arten. Pfer­de sind nicht gewöhn­lich und all­ge­mein dafür bestimmt, für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- und Fut­ter­mit­teln ver­wen­det zu wer­den, auch wenn eini­ge von ihnen tat­säch­lich als Nah­rungs- und Fut­ter­mit­tel die­nen [6]. In Anbe­tracht die­ser beson­de­ren Situa­ti­on von Pfer­den, die zwar übli­cher­wei­se nicht dafür bestimmt sind, für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- und Fut­ter­mit­teln ver­wen­det zu wer­den, von denen aber gleich­wohl man­che für den Ver­zehr gelie­fert wer­den kön­nen, ist Anhang III Nr. 1 der MwSt­Sys­tRL im Licht des vom Uni­ons­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Zwecks, die grund­le­gen­den Güter für den End­ver­brau­cher zu ver­bil­li­gen, dahin aus­zu­le­gen, dass auf die Lie­fe­rung eines Pfer­des nur dann ein ermä­ßig­ter Mehr­wert­steu­er­satz ange­wandt wer­den kann, wenn das Pferd im Hin­blick auf sei­ne Schlach­tung gelie­fert wird, um für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- oder Fut­ter­mit­teln ver­wen­det zu wer­den [7].

Auf die Lie­fe­rung von Sport­pfer­den ‑wie hier- trifft dies jedoch nicht zu. Denn die­se wer­den nicht im Hin­blick auf ihre Schlach­tung gelie­fert, um für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- oder Fut­ter­mit­teln ver­wen­det zu wer­den [8].

Danach ist § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG i.V.m. Anla­ge 2 Nr. 1 Buchst. a zum UStG a.F. richt­li­ni­en­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass ein Pferd im Sin­ne die­ser Vor­schrift nur ein leben­des Tier ist, das gewöhn­lich und all­ge­mein für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- oder Fut­ter­mit­teln bestimmt ist.

Mit die­ser Geset­zes­aus­le­gung über­schrei­tet der Bun­des­fi­nanz­hof die nach eige­ner Ein­schät­zung ihm zuste­hen­den Befug­nis­se nicht.

Die Recht­spre­chung ist sowohl nach natio­na­lem [9] als auch nach Uni­ons­recht [10] ver­pflich­tet, den Sinn und Zweck einer Norm unter Berück­sich­ti­gung ihrer Ein­ord­nung in das Gesetz und damit ihres sys­te­ma­tisch-teleo­lo­gi­schen Zusam­men­hangs zu ermit­teln. Ein Gericht hat sich bei der Aus­le­gung des natio­na­len Umsatz­steu­er­rechts so weit wie mög­lich am Wort­laut und Zweck der ein­schlä­gi­gen uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen aus­zu­rich­ten [11] und ist bei einem Wider­spruch zwi­schen den Vor­schrif­ten des inner­staat­li­chen Rechts und den Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts gehal­ten, für die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts Sor­ge zu tra­gen. Es ist alles Erfor­der­li­che zu tun, um die­je­ni­gen inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten „aus­zu­schal­ten“, die unter Umstän­den ein Hin­der­nis für die vol­le Wirk­sam­keit der Uni­ons­nor­men bil­den [12].

Die hier­nach gebo­te­ne richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung kommt jedoch nur in Betracht, wenn es im kon­kre­ten Fall ver­schie­de­ne Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten gibt [13]. Lässt der Geset­zes­text meh­re­re Aus­le­gun­gen zu und ist nur eine mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar, so ist der Aus­le­gung der Vor­zug zu geben, nach der die Norm nicht als uni­ons­rechts­wid­rig ein­zu­stu­fen ist [14]. Das ist hier der Fall.

Es bestehen daher kei­ne Beden­ken, § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG i.V.m. Anla­ge 2 Nr. 1 Buchst. a zum UStG a.F., der nach sei­nem Wort­laut sowohl Sport­pfer­de als auch sol­che Pfer­de erfasst, die gewöhn­lich und all­ge­mein für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- oder Fut­ter­mit­teln bestimmt sind, und daher grund­sätz­lich aus­le­gungs­fä­hig ist, dahin­ge­hend ein­schrän­kend aus­zu­le­gen, dass ein Pferd im Sin­ne die­ser Vor­schrift nur ein zur Schlach­tung bestimm­tes Tier ist. Allein die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung im vor­ge­nann­ten Sin­ne, die weder über Wort­laut noch Wort­sinn des Geset­zes­tex­tes hin­aus­geht [15], führt dazu, dass die betref­fen­de natio­na­le Norm als uni­ons­rechts­kon­form ein­zu­stu­fen ist.

Der Bun­des­fi­nanz­hof weicht hier­durch nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich von sei­nem Urteil in BFHE 243, 456, MwStR 2014, 166 ab, denn auch dort ist der Bun­des­fi­nanz­hof im Ergeb­nis davon aus­ge­gan­gen, dass auf die Lie­fe­rung von Spring­pfer­den der Regel­steu­er­satz anwend­bar ist.

Die strei­ti­gen Ver­äu­ße­rungs­um­sät­ze sind dem­nach selbst dann nicht nach § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG i.V.m. Anla­ge 2 Nr. 1 Buchst. a zum UStG a.F. ermä­ßigt zu besteu­ern, wenn der Züch­ter inso­weit Lie­fe­run­gen erbracht hät­te. Denn die Lie­fe­rung von Pfer­den ‑wie hier- für Sport- oder Frei­zeit­zwe­cke unter­fällt bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung der vor­ge­nann­ten Steu­er­ermä­ßi­gungs­vor­schrift jeden­falls nicht dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz.

Es bedarf im Streit­fall mit­hin kei­ner Ent­schei­dung dar­über, ob mit der Über­tra­gung eines Mit­ei­gen­tums­an­teils ‑wie das Finanz­ge­richt ange­nom­men hat und was zwi­schen den Betei­lig­ten strei­tig ist- eine Lie­fe­rung i.S. von § 3 Abs. 1 UStG aus­ge­führt [16] oder eine sons­ti­ge Leis­tung i.S. von § 3 Abs. 9 Satz 1 UStG erbracht wird [17].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 2. Juli 2014 – XI R 4/​13

  1. vgl. Art. 2 des Geset­zes zur Ände­rung des Gemein­de­fi­nanz­re­form­ge­set­zes und von steu­er­li­chen Vor­schrif­ten vom 08.05.2012, BGBl I 2012, 1030[]
  2. vgl. dazu EuGH, Urteil vom 12.05.2011 – C‑453/​09 ‑Kommission/​Deutschland‑, UR 2011, 827, DB 2011, 1202, Rz 12[]
  3. vgl. dazu EuGH, Urteil ‑Kommission/​Deutschland‑, in UR 2011, 827, DB 2011, 1202, Rz 44 ff.; BFH, Urteil vom 24.10.2013 – V R 17/​13, BFHE 243, 456, MwStR 2014, 166, Rz 15 ff.[]
  4. vgl. EuGH, Urteil ‑Kommission/​Deutschland‑, UR 2011, 827, DB 2011, 1202, Rz 44[]
  5. vgl. EuGH, Urteil ‑Kommission/​Deutschland‑, UR 2011, 827, DB 2011, 1202, Rz 45[]
  6. vgl. EuGH, Urteil ‑Kommission/​Deutschland‑, UR 2011, 827, DB 2011, 1202, Rz 46[]
  7. vgl. EuGH, Urteil ‑Kommission/​Deutschland‑, UR 2011, 827, DB 2011, 1202, Rz 47[]
  8. vgl. zu Spring­pfer­den BFH, Urteil in BFHE 243, 456, MwStR 2014, 166, Rz 17[]
  9. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 15.04.2010 – IV R 5/​08, BFHE 229, 524, BStBl II 2010, 912, Rz 30; vom 08.09.2010 – XI R 40/​08, BFHE 231, 343, BStBl II 2011, 661, Rz 25, jeweils m.w.N.[]
  10. vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 27.11.2003 – C‑497/​01 ‑Zita Modes‑, Slg. 2003, I‑14393, BFH/​NV Bei­la­ge 2004, 128, Rz 34, m.w.N.[]
  11. vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 11.07.2002 – C‑62/​00 ‑Marks & Spencer‑, Slg. 2002, I‑6325, UR 2002, 436, Rz 24, m.w.N.; fer­ner BFH, Urtei­le in BFHE 231, 343, BStBl II 2011, 661, Rz 25; vom 29.06.2011 – XI R 15/​10, BFHE 233, 470, BStBl II 2011, 839, Rz 22; vom 15.02.2012 – XI R 24/​09, BFHE 236, 267, BStBl II 2013, 712, Rz 17; vom 16.05.2012 – XI R 24/​10, BFHE 238, 468, BStBl II 2013, 52, Rz 41, jeweils m.w.N.[]
  12. vgl. dazu EuGH, Urteil vom 26.02.2013 – C‑617/​10 ‑Fransson‑, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift 2013, 1415, Rz 45 f.; fer­ner BFH, Urteil in BFHE 243, 456, MwStR 2014, 166, Rz 13, jeweils m.w.N.[]
  13. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 02.04.1998 – V R 34/​97, BFHE 185, 536, BStBl II 1998, 695, unter II. 3.b; vom 22.01.2004 – V R 41/​02, BFHE 204, 371, BStBl II 2004, 757, unter II. 1.; in BFHE 236, 267, BStBl II 2013, 712, Rz 18, jeweils m.w.N.[]
  14. vgl. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 231, 343, BStBl II 2011, 661, unter II. 4.; in BFHE 233, 470, BStBl II 2011, 839, unter II. 2.; in BFHE 236, 267, BStBl II 2013, 712, Rz 18, jeweils m.w.N.[]
  15. vgl. zu den Gren­zen der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung auch BFH, Urteil in BFHE 236, 267, BStBl II 2013, 712, Rz 19[]
  16. vgl. zu Grund­stü­cken Lippross, Umsatz­steu­er, 23. Aufl., S. 160; Mar­tin in Sölch/​Ringleb, Umsatz­steu­er, § 3 Rz 48[]
  17. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 22.06.1967 – V 185/​63, BFHE 89, 366, BStBl III 1967, 662; vom 18.01.1968 – V 28/​65, BFHE 91, 502, DB 1968, 966; vom 20.06.1968 – V 116/​65, BFHE 93, 291, BStBl II 1968, 788; vom 27.04.1994 – XI R 91–92/92, BFHE 174, 559, BStBl II 1994, 826, unter II. 1.; Abschn. 3. 5. Abs. 3 Nr. 2 des Umsatz­steu­er-Anwen­dungs­er­las­ses; offen gelas­sen in den BFH, Urtei­len in BFHE 217, 338, BStBl II 2008, 65; in BFHE 219, 442, BStBl II 2008, 448[]