Leis­tungs­ort bei der Scha­dens­re­gu­lie­rung

Es bestehen für den Bun­des­fi­nanz­hof kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel dar­an, dass die Leis­tun­gen eines inlän­di­schen Scha­dens­re­gu­lie­rers im Inland steu­er­bar sind und nicht dem Emp­fän­ger­ort­prin­zip des § 3a Abs. 4 Nr. 3 UStG unter­lie­gen.

Leis­tungs­ort bei der Scha­dens­re­gu­lie­rung

Nach § 3a Abs. 3 Satz 1, Abs. 4 Nr. 3 UStG in sei­ner in den Streit­jah­ren gel­ten­den Fas­sung wur­den die sons­ti­gen Leis­tun­gen aus der Tätig­keit als Rechts­an­walt, Patent­an­walt, Steu­er­be­ra­ter, Steu­er­be­voll­mäch­tig­ter, Wirt­schafts­prü­fer, ver­ei­dig­ter Buch­prü­fer, Sach­ver­stän­di­ger, Inge­nieur, Auf­sichts­rats­mit­glied, Dol­met­scher und Über­set­zer sowie ähn­li­che Leis­tun­gen ande­rer Unter­neh­mer, ins­be­son­de­re die recht­li­che, wirt­schaft­li­che und tech­ni­sche Bera­tung dort aus­ge­führt, wo der Emp­fän­ger sein Unter­neh­men betreibt. § 3a Abs. 3 Satz 1, Abs. 4 Nr. 3 UStG ist ent­spre­chend dem ihm uni­ons­recht­lich zugrun­de lie­gen­den Art. 9 Abs. 2 Buchst. e drit­ter Gedan­ken­strich der Sechs­ten Richt­li­nie des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 77/​388/​EWG (Richt­li­nie 77/​388/​EWG) aus­zu­le­gen [1]. Danach gilt als Ort der Leis­tun­gen von Bera­tern, Inge­nieu­ren, Stu­di­en­bü­ros, Anwäl­ten, Buch­prü­fern und sons­ti­ger ähn­li­cher Leis­tun­gen sowie der Daten­ver­ar­bei­tung und der Über­las­sung von Infor­ma­tio­nen der Ort, an dem der Emp­fän­ger den Sitz sei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit hat. Für die Streit­jah­re 2007 und 2008 folgt dies aus Art. 56 Abs. 1 Buchst. c MwSt­Sys­tRL [2].

Der Bun­des­fi­nanz­hof braucht im Streit­fall nicht zu ent­schei­den, ob die Anwen­dung von § 3a Abs. 3 Satz 1, Abs. 4 Nr. 3 UStG im Streit­fall bereits dar­an schei­tert, dass der Ver­ein als „Auf­trag­ge­ber“ im Inland Emp­fän­ger der von der Antrag­stel­le­rin erbrach­ten Leis­tun­gen war [3]. Unab­hän­gig hier­von kommt die Anwen­dung des Emp­fän­ger­ort­prin­zips nicht in Betracht, da die Antrag­stel­le­rin kei­ne sons­ti­ge Leis­tung i.S. von § 3a Abs. 4 Nr. 3 UStG erbracht hat.

Der bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung von § 3a Abs. 4 Nr. 3 UStG zu berück­sich­ti­gen­de Art. 9 Abs. 2 Buchst. e drit­ter Gedan­ken­strich der Richt­li­nie 77/​388/​EWG bezieht sich nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht auf Beru­fe, son­dern „zieht die in die­ser Bestim­mung auf­ge­führ­ten Beru­fe her­an, um die dort ange­spro­che­nen Arten von Leis­tun­gen zu defi­nie­ren“ [4]. Dabei muss es sich um Leis­tun­gen han­deln, die haupt­säch­lich und gewöhn­lich im Rah­men eines die­ser Beru­fe erbracht wer­den [5].

Dar­über hin­aus bezieht sich der Begriff der sons­ti­gen ähn­li­chen Leis­tun­gen i.S. von Art. 9 Abs. 2 Buchst. e drit­ter Gedan­ken­strich der Richt­li­nie 77/​388/​EWG nicht auf ein Ele­ment, das den in die­ser Bestim­mung auf­ge­führ­ten unter­schied­li­chen Tätig­kei­ten gemein­sam ist, son­dern auf Leis­tun­gen, die irgend­ei­ner die­ser Tätig­kei­ten bei geson­der­ter Betrach­tung- ähn­lich sind. Dabei ist eine Leis­tung dann einer in die­ser Bestim­mung auf­ge­führ­ten Tätig­keit ähn­lich, wenn bei­de Tätig­kei­ten dem glei­chen Zweck die­nen [6]. Dies ist bei der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung der Tat­be­stands­merk­ma­le „recht­li­che, wirt­schaft­lich und tech­ni­sche Bera­tung gemäß § 3a Abs. 4 Nr. 3 UStG“ zu berück­sich­ti­gen.

Danach ent­spre­chen z.B. die Leis­tun­gen eines Tes­ta­ments­voll­stre­ckers nicht denen eines Rechts­an­walts. Denn wäh­rend die Leis­tun­gen des Rechts­an­walts vor allem der Rechts­pfle­ge die­nen, sind die Leis­tun­gen der Tes­ta­ments­voll­stre­cker wirt­schaft­li­cher Art und die­nen der Bewer­tung und Ver­tei­lung des Ver­mö­gens des Erb­las­sers sowie dem Schutz die­ses Ver­mö­gens und der Frucht­zie­hung aus die­sem [7].

Im Streit­fall bestehen kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel dar­an, dass eine von § 3a Abs. 1 UStG abwei­chen­de Leis­tungs­art nach § 3a Abs. 4 Nr. 3 UStG auf­grund einer Ähn­lich­keit mit einer Rechts­an­walts­leis­tung nicht in Betracht kommt. Denn die Rechts­an­walts­leis­tung wird durch das Han­deln zur Rechts­pfle­ge geprägt, wäh­rend die Leis­tun­gen der Antrag­stel­le­rin bei der Scha­dens­re­gu­lie­rung ähn­lich einer Tes­ta­ments­voll­stre­ckung- eher wirt­schaft­li­cher Art sind, dem Ver­mö­gens­schutz der Ver­si­che­rung die­nen und inso­weit Ver­mö­gens­be­treu­ungs­cha­rak­ter haben.

Die Gegen­auf­fas­sung kann sich auch nicht auf eine Par­al­le­le zum RDG beru­fen. Der Bun­des­fi­nanz­ohf hat im Streit­fall nicht zu ent­schei­den, ob die Antrag­stel­le­rin Rechts­dienst­leis­tun­gen i.S. von § 2 Abs. 1 RDG erbracht hat und danach in kon­kre­ten frem­den Ange­le­gen­hei­ten mit einer recht­li­chen Prü­fung des Ein­zel­falls tätig war.

Selbst wenn zuguns­ten der Antrag­stel­le­rin unter­stellt wird, dass sie Rechts­dienst­leis­tun­gen i.S. von § 2 Abs. 1 RDG erbracht hat, schei­tert eine Anwen­dung von § 3a Abs. 4 Nr. 3 UStG zu ihren Guns­ten zumin­dest dar­an, dass Schwer­punkt ihrer Leis­tungs­tä­tig­keit kei­ne Rechts­dienst­leis­tun­gen sind, wie sie haupt­säch­lich und gewöhn­lich im Rah­men einer Anwalts­tä­tig­keit erbracht wer­den. Hier­für spricht bereits, dass der Antrag­stel­le­rin die Erbrin­gung von Rechts­dienst­leis­tun­gen weder nach den §§ 6 ff. RDG als nicht regis­trier­te Per­son noch nach den §§ 10 ff. RDG als regis­trier­te Per­son erlaubt war. Sie durf­te daher gemäß § 5 Abs. 1 RDG Rechts­dienst­leis­tun­gen nur im Zusam­men­hang mit einer ande­ren Tätig­keit erbrin­gen, wenn die Rechts­dienst­leis­tung als Neben­leis­tung zu einem „Berufs- oder Tätig­keits­bild“ gehört, wobei sich das Vor­lie­gen einer Neben­leis­tung nach ihrem Inhalt, dem Umfang und dem sach­li­chen Zusam­men­hang mit der Haupt­tä­tig­keit unter Berück­sich­ti­gung der Rechts­kennt­nis­se, die für die Haupt­tä­tig­keit erfor­der­lich sind, beur­teilt.

Im Rah­men der im Aus­set­zungs­ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung ist dabei davon aus­zu­ge­hen, dass die Antrag­stel­le­rin die ihr nach dem RDG zuste­hen­den Befug­nis­se nicht über­schrit­ten hat. Soweit sie Rechts­dienst­leis­tun­gen erbracht haben soll­te, han­del­te es sich daher bei die­sen nur um „Neben­leis­tun­gen“ zu der Haupt­tä­tig­keit eines gewerb­li­chen Scha­dens­re­gu­lie­rers. Dass nur eine Neben­leis­tung und damit nur ein Teil­aspekt mit einer durch Rechts­an­wäl­te erbrach­ten Leis­tung ver­gleich­bar ist, reicht indes zur Begrün­dung einer ähn­li­chen Leis­tung nicht aus.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 20. Juli 2012 – V B 82/​11

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 09.02.2012 – V R 20/​11, juris[]
  2. Richt­li­nie des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem 2006/​112/​EG[]
  3. zur Bestim­mung der Per­son des Leis­tungs­emp­fän­gers nach dem der Leis­tung zugrun­de lie­gen­den Rechts­ver­hält­nis vgl. z.B. BFH, Urteil vom 18.02.2009 – V R 82/​07, BFHE 225, 198, BStBl II 2009, 876, unter II.02.a aa[]
  4. EuGH, Urtei­le vom 16.09.1997 – C‑145/​96 [von Hoff­mann], Slg. 1997, I‑4857 Rdnr. 15; und vom 07.10.2010 – C‑222/​09 [Kro­no­s­pan Miel­ec], BFH/​NV 2010, 2377 Rdnr.19[]
  5. EuGH, Urtei­le von Hoff­mann in Slg. 1997, I‑4857 Rdnr. 16; und Kro­no­s­pan Miel­ec in BFH/​NV 2010, 2377 Rdnr.20; BFH, Urteil vom 10.11.2010 – V R 40/​09, BFH/​NV 2011, 1026, unter II.1.c[]
  6. vgl. EuGH, Urtei­le vom 06.03.1997 – C‑167/​95 [Lin­thorst, Pou­wels en J. Sche­ren], Slg. 1997, I‑1195 Rdnrn. 19 bis 22; von Hoff­mann in Slg. 1997, I‑4857 Rdnrn. 20 und 21; und vom 06.12.2007 – C‑401/​06 [Kommission/​Deutschland], Slg. 2007, I‑10609 Rdnr. 31[]
  7. EuGH, Urteil Kommission/​Deutschland in Slg.2007, I10609 Rdnr. 39[]