Steu­er­ermä­ßig­te Abga­ben am Pom­messtand

Der ermä­ßig­te Steu­er­satz gilt auch für die als Lie­fe­rung in einer ein­heit­li­chen Leis­tung ange­se­he­ne Abga­be von Würs­ten, Pom­mes fri­tes und ähn­li­chen stan­dar­di­siert zube­rei­te­ten Spei­sen an einem nur mit behelfs­mä­ßi­gen Ver­zehr­vor­rich­tun­gen aus­ge­stat­te­ten Imbiss­stand.

Steu­er­ermä­ßig­te Abga­ben am Pom­messtand

Wie der Bun­des­fi­nanz­hof in die­sem Ver­fah­ren ent­schie­den hat, han­delt es sich bei den von dem Klä­ger an sei­nem Imbiss­stand und an sei­nem Schwenk­grill abge­ge­be­nen Spei­sen um Lie­fe­run­gen, die nach § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz unter­lie­gen.

Steu­er­pflich­ti­ge Umsät­ze wer­den nach § 12 Abs. 1 UStG dem Regel­steu­er­satz unter­wor­fen, falls nicht die Vor­aus­set­zun­gen für die Anwen­dung des ermä­ßig­ten Steu­er­sat­zes nach § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG vor­lie­gen. Nach § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG ermä­ßigt sich die Steu­er auf 7 % u.a. für die Lie­fe­run­gen der in der Anla­ge des Geset­zes bezeich­ne­ten Gegen­stän­de, dar­un­ter z.B. Zube­rei­tun­gen von Fleisch, Fischen usw. (Nr. 28), aus Getrei­de, Mehl, Stär­ke oder Milch sowie Back­wa­ren (Nr. 31), Zube­rei­tun­gen von Gemü­se, Früch­ten usw. (Nr. 32) oder "ver­schie­de­ne Lebens­mit­tel­zu­be­rei­tun­gen" (Nr. 33). Die Anla­ge ver­weist auf die jewei­li­gen Kapi­tel, Posi­tio­nen und Unter­po­si­tio­nen des Zoll­ta­rifs.

Gemäß § 12 Abs. 2 Nr. 1 Sät­ze 2 und 3 UStG 1993 in der bis 26. Juni 1998 gel­ten­den Fas­sung (UStG a.F.) gilt der ermä­ßig­te Steu­er­satz "… nicht für die Lie­fe­run­gen von Spei­sen und Geträn­ken zum Ver­zehr an Ort und Stel­le. Spei­sen und Geträn­ke wer­den zum Ver­zehr an Ort und Stel­le gelie­fert, wenn sie nach den Umstän­den der Lie­fe­rung dazu bestimmt sind, an einem Ort ver­zehrt zu wer­den, der mit dem Ort der Lie­fe­rung in einem räum­li­chen Zusam­men­hang steht, und beson­de­re Vor­rich­tun­gen für den Ver­zehr an Ort und Stel­le bereit­ge­hal­ten wer­den".

Durch Art. 4 Nrn. 1 und 4 des Geset­zes zur Daten­er­mitt­lung für den Ver­tei­lungs­schlüs­sel des Gemein­de­an­teils am Umsatz­steu­er­auf­kom­men und zur Ände­rung steu­er­li­cher Vor­schrif­ten [1] hat der Gesetz­ge­ber mit Wir­kung vom 27. Juni 1998 die Sät­ze 2 und 3 in § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG a.F. gestri­chen. Mit Wir­kung vom 27. Juni 1998 füg­te der Gesetz­ge­ber in § 3 Abs. 9 UStG fol­gen­de Sät­ze 4 und 5 ein:

"Die Abga­be von Spei­sen und Geträn­ken zum Ver­zehr an Ort und Stel­le ist eine sons­ti­ge Leis­tung. Spei­sen und Geträn­ke wer­den zum Ver­zehr an Ort und Stel­le abge­ge­ben, wenn sie nach den Umstän­den der Abga­be dazu bestimmt sind, an einem Ort ver­zehrt zu wer­den, der mit dem Abga­be­ort in einem räum­li­chen Zusam­men­hang steht, und beson­de­re Vor­rich­tun­gen für den Ver­zehr an Ort und Stel­le bereit­ge­hal­ten wer­den."

Die natio­na­len Vor­schrif­ten beru­hen auf Art. 12 Abs. 3 Buchst. a i.V.m. Anhang H der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern [2]. Art. 12 Abs. 3 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG bestimmt:

"Der Nor­mal­satz der Mehr­wert­steu­er wird von jedem Mit­glied­staat als ein Pro­zent­satz der Besteue­rungs­grund­la­ge fest­ge­legt, der für Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den und für Dienst­leis­tun­gen gleich ist.…Die Mit­glied­staa­ten kön­nen außer­dem einen oder zwei ermä­ßig­te Sät­ze anwen­den. Die­se ermä­ßig­ten Sät­ze wer­den als ein Pro­zent­satz der Besteue­rungs­grund­la­ge fest­ge­legt, der nicht nied­ri­ger als 5 % sein darf, und sind nur auf Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den und Dienst­leis­tun­gen der in Anhang H genann­ten Kate­go­rien anwend­bar."

Anhang H ("Ver­zeich­nis der Gegen­stän­de und Dienst­leis­tun­gen, auf die ermä­ßig­te Mehr­wert­steu­er­sät­ze ange­wandt wer­den kön­nen") der Richt­li­nie 77/​388/​EWG nennt als Kate­go­rie 1 u.a. "Nah­rungs- und Fut­ter­mit­tel" sowie "übli­cher­wei­se für die Zube­rei­tung von Nah­rungs- und Fut­ter­mit­tel ver­wen­de­te Zuta­ten".

Zu der Fra­ge, ob die ein­heit­li­che Leis­tung der Abga­be von ver­zehr­fer­tig zube­rei­te­ten Spei­sen an Imbiss­stän­den, die mit behelfs­mä­ßi­gen Ver­zehr­vor­rich­tun­gen aus­ge­stat­tet sind, als Lie­fe­rung oder als Dienst­leis­tung ein­zu­stu­fen ist, hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof [3] Fol­gen­des aus­ge­führt:

"… Im vor­lie­gen­den Fall betref­fen die in den Aus­gangs­ver­fah­ren in den Rechts­sa­chen C‑497/​09 und C‑501/​09 frag­li­chen Tätig­kei­ten nach den Anga­ben des vor­le­gen­den Gerichts den Ver­kauf von Würs­ten, Pom­mes fri­tes und ande­ren Nah­rungs­mit­teln an Imbiss­wa­gen oder ‑stän­den zum sofor­ti­gen war­men Ver­zehr. Dazu ist zunächst fest­zu­stel­len, dass die Abga­be sol­cher Waren ihr Kochen, Backen, Bra­ten oder Auf­wär­men vor­aus­setzt, was eine Dienst­leis­tung dar­stellt, die im Rah­men der Gesamt­be­ur­tei­lung des frag­li­chen Umsat­zes zum Zweck sei­ner Ein­stu­fung als Lie­fe­rung von Gegen­stän­den oder als Dienst­leis­tung zu beück­sich­ti­gen ist. Da sich jedoch die Zube­rei­tung des war­men End­pro­dukts im Wesent­li­chen auf ein­fa­che, stan­dar­di­sier­te Hand­lun­gen beschränkt, die in den meis­ten Fäl­len nicht auf Bestel­lung eines bestimm­ten Kun­den, son­dern ent­spre­chend der all­ge­mein vor­her­seh­ba­ren Nach­fra­ge stän­dig oder in Abstän­den vor­ge­nom­men wer­den, stellt die­se Zube­rei­tung nicht den über­wie­gen­den Bestand­teil des frag­li­chen Umsat­zes dar und kann allein die­sem nicht den Cha­rak­ter einer Dienst­leis­tung ver­lei­hen. Was die cha­rak­te­ris­ti­schen Dienst­leis­tungs­be­stand­tei­le der Restau­ra­ti­ons­um­sät­ze angeht, wie sie sich aus der in den Randnrn. 63 bis 65 des vor­lie­gen­den Urteils ange­führ­ten Recht­spre­chung erge­ben, so gibt es im Rah­men der in den Aus­gangs­ver­fah­ren in den Rechts­sa­chen C‑497/​09 und C‑501/​09 in Rede ste­hen­den Tätig­kei­ten kei­nen Kell­ner­ser­vice, kei­ne ech­te Bera­tung der Kun­den und kei­ne Bedie­nung im eigent­li­chen Sin­ne, die ins­be­son­de­re in der Wei­ter­lei­tung der Bestel­lun­gen an die Küche, in der spä­te­ren Prä­sen­ta­ti­on der Spei­sen und deren Dar­rei­chung an den Kun­den am Tisch bestün­de, auch sind kei­ne geschlos­se­nen, tem­pe­rier­ten Räu­me spe­zi­ell für den Ver­zehr der abge­ge­be­nen Nah­rungs­mit­tel, kei­ne Gar­de­ro­be und kei­ne Toi­let­ten vor­han­den, und es wird ganz über­wie­gend kein Geschirr, kein Mobi­li­ar und kein Gedeck bereit­ge­stellt. Die vom vor­le­gen­den Gericht genann­ten Dienst­leis­tungs­ele­men­te bestehen näm­lich nur in der Bereit­stel­lung behelfs­mä­ßi­ger Vor­rich­tun­gen, d.h. ganz ein­fa­cher Ver­zehrthe­ken ohne Sitz­ge­le­gen­heit, um einer beschränk­ten Zahl von Kun­den den Ver­zehr an Ort und Stel­le im Frei­en zu ermög­li­chen. Sol­che behelfs­mä­ßi­gen Vor­rich­tun­gen erfor­dern nur einen gering­fü­gi­gen per­so­nel­len Ein­satz. Unter die­sen Umstän­den stel­len die­se Ele­men­te nur gering­fü­gi­ge Neben­leis­tun­gen dar und kön­nen am domi­nie­ren­den Cha­rak­ter der Haupt­leis­tung, d.h. dem einer Lie­fe­rung von Gegen­stän­den, nichts ändern. …"

Nach die­sen Grund­sät­zen lie­gen im Streit­fall Lie­fe­run­gen vor. Die­se unter­lie­gen dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz, weil es sich nach der Ent­schei­dung des EuGH um "Nah­rungs­mit­tel" i.S. von Anhang H Kate­go­rie 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG han­delt.

Die­sem Ergeb­nis steht nicht die bis zum 26. Juni 1998 gel­ten­de Fas­sung von § 12 Abs. 2 Nr. 1 Sät­ze 2 und 3 UStG a.F. bzw. die ab dem 27. Juni 1998 gel­ten­de gesetz­li­che Rege­lung von § 3 Abs. 9 Sät­ze 4 und 5 UStG ent­ge­gen. Denn der Vor­rang des Gemein­schafts­rechts ver­pflich­tet das natio­na­le Gericht, das für den Steu­er­pflich­ti­gen güns­ti­ge­re Gemein­schafts­recht und nicht die ent­ge­gen­ste­hen­den natio­na­len Vor­schrif­ten anzu­wen­den [4].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Juni 2011 – XI R 37/​08

  1. BGBl I 1998, 1496[]
  2. Richt­li­nie 77/​388/​EWG[]
  3. EuGH, Urteil in DStR 2011, 515, UR 2011, 272[]
  4. vgl. z.B. Bun­des­fi­nanz­hof, Urtei­le vom 23.11.2000 – V R 49/​00, BFHE 193, 170, BStBl II 2001, 266; vom 16.04.2008 – XI R 73/​07, BFHE 221, 484, BStBl II 2009, 1024, unter II.2.b cc, m.w.N.[]