Steu­er­frei­heit der Port­fo­li­o­ver­wal­tung?

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob Ban­ken und ande­re Ver­mö­gens­ver­wal­ter, die für ein­zel­ne Anle­ger Wert­pa­pier­ver­mö­gen ver­wal­ten (sog. indi­vi­du­el­le Port­fo­li­o­ver­wal­tung), mit die­sen Leis­tun­gen der Umsatz­steu­er unter­lie­gen. Die Finanz­ver­wal­tung bejaht dies, so dass der Port­fo­li­o­ver­wal­ter sei­ne Leis­tung gegen­über dem Anle­ger mit dem Regel­steu­er­satz von 19% zu ver­steu­ern hat. Der Bun­des­fi­nanz­hof ist dem­ge­gen­über in einem Ein­zel­fall von der Steu­er­frei­heit der­ar­ti­ger Leis­tun­gen aus­ge­gan­gen. Auf die­ses Urteil hat die Finanz­ver­wal­tung mit einem sog. Nicht­an­wen­dungs­er­lass reagiert.

Steu­er­frei­heit der Port­fo­li­o­ver­wal­tung?

Die Beant­wor­tung der dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­ge­leg­ten Fra­ge hängt maß­geb­lich davon ab, wel­che Bedeu­tung der Euro­päi­sche Gerichts­hof dem sog. Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät bei Leis­tun­gen zur Ver­mö­gens­an­la­ge bei­misst. Dabei ist zu klä­ren, ob es unter Wett­be­werbs­ge­sichts­punk­ten sach­lich gerecht­fer­tigt ist, dass für die sog. kol­lek­ti­ve Wert­pa­pier­an­la­ge durch Anle­ger, die sich an Wert­pa­pier­fonds betei­li­gen, eine Steu­er­be­frei­ung besteht, wäh­rend die sog. indi­vi­du­el­le Port­fo­li­o­ver­wal­tung, bei der z.B. eine Bank für ein­zel­ne Anle­ger Wert­pa­pie­re kauft und ver­kauft, nach Auf­fas­sung der deut­schen Finanz­ver­wal­tung der Umsatz­steu­er unter­lie­gen soll.

Die dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­ge­leg­te Streit­fra­ge betrifft die gesam­te Bran­che der indi­vi­du­el­len Port­fo­li­o­ver­wal­tung für ein­zel­ne Anle­ger in und außer­halb von Ban­ken und hat dem­entspre­chend erheb­li­che steu­er­li­che Aus­wir­kun­gen. Die Beant­wor­tung der Fra­ge durch den EuGH ist nicht nur für die Besteue­rung des Ver­mö­gens­ver­wal­ters selbst, son­dern auch für das zivil­recht­li­che Ver­hält­nis zum Anle­ger von Bedeu­tung. Soll­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Steu­er­frei­heit der indi­vi­du­el­len Port­fo­li­o­ver­wal­tung beja­hen, kann für den Anle­ger je nach Aus­ge­stal­tung der zivil­recht­li­chen Preis­ver­ein­ba­rung ein Rück­for­de­rungs­an­spruch hin­sicht­lich eines im Preis für die Ver­wal­tungs­leis­tung ent­hal­te­nen Steu­er­an­teils bestehen, wenn der Ver­mö­gens­ver­wal­ter dem Anle­ger bis­her Umsatz­steu­er in Rech­nung gestellt hat.

Dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wer­den fol­gen­de Fra­gen zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 2006/​112/​EG vor­ge­legt :

  1. Ist die Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren (Port­fo­li­o­ver­wal­tung), bei der ein Steu­er­pflich­ti­ger gegen Ent­gelt auf­grund eige­nen Ermes­sens über den Kauf und Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren ent­schei­det und die­se Ent­schei­dung durch den Kauf und Ver­kauf der Wert­pa­pie­re voll­zieht,
    • nur als Ver­wal­tung von Son­der­ver­mö­gen für meh­re­re Anle­ger gemein­sam nach Art. 135 Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 2006/​112/​EG oder auch
    • als indi­vi­du­el­le Port­fo­li­o­ver­wal­tung für ein­zel­ne Anle­ger nach Art. 135 Abs. 1 Buchst. f der Richt­li­nie 2006/​112/​EG (Umsatz, der sich auf Wert­pa­pie­re bezieht, oder als Ver­mitt­lung eines der­ar­ti­gen Umsat­zes) steu­er­frei?
  2. Wel­che Bedeu­tung kommt bei der Bestim­mung von Haupt­leis­tung und Neben­leis­tung dem Kri­te­ri­um, dass die Neben­leis­tung für die Kund­schaft kei­nen eige­nen Zweck, son­dern das Mit­tel dar­stellt, um die Haupt­leis­tung des Leis­tungs­er­brin­gers unter opti­ma­len Bedin­gun­gen in Anspruch zu neh­men, im Ver­hält­nis zur geson­der­ten Berech­nung der Neben­leis­tung und der Erbring­bar­keit der Neben­leis­tung durch Drit­te zu?
  3. Erfasst Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG nur die in Art. 135 Abs. 1 Buchst. a bis g der Richt­li­nie 2006/​112/​EG genann­ten Leis­tun­gen oder auch die Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren (Port­fo­li­o­ver­wal­tung), selbst wenn die­ser Umsatz nicht der zuletzt genann­ten Bestim­mung unter­liegt?

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. Okto­ber 2010 – V R 9/​10