Steu­er­pflich­ti­ge Garan­tie­zu­sa­ge beim Gebraucht­wa­ge­kauf

Die Garan­tie­zu­sa­ge eines Auto­ver­käu­fers, mit der dem Käu­fer gegen Ent­gelt nach sei­ner Wahl einen Repa­ra­tur­an­spruch gegen­über dem Ver­käu­fer oder einen Repa­ra­tur­kos­ten­er­satz­an­spruch gegen­über einem Ver­si­che­rer erhält 1, ist als sons­ti­ge Leis­tung umsatz­steu­er­pflich­tig. Mit die­ser Ent­schei­dung kam der Bun­des­fi­nanz­hof jetzt einem ent­spre­chen­den Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten aus dem Jahr 2007 nach und änder­te sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung. Bis­her hat­te der Bun­des­fi­nanz­hof die­se Garan­tie­zu­sa­gen als umsatz­steu­er­be­frei­te Über­nah­me von Ver­bind­lich­kei­ten beur­teilt 2.

Steu­er­pflich­ti­ge Garan­tie­zu­sa­ge beim Gebraucht­wa­ge­kauf

Der Klä­ger des jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Rechts­streits betrieb eine Repa­ra­tur­werk­statt und einen Han­del mit Kraft­fahr­zeu­gen. Beim Kfz-Ver­kauf bot er den Käu­fern gegen ein zusätz­li­ches Ent­gelt den Abschluss einer Garan­tie­ver­ein­ba­rung an, die die Funk­ti­ons­fä­hig­keit bestimm­ter Bau­tei­le des Kfz für die ver­ein­bar­te Lauf­zeit umfass­te. Die Garan­tie war bei der X Ver­si­che­rungs-AG (rück-)versichert. Im Garan­tie­fall hat­te der Käu­fer die Wahl, ob er das Kfz beim Händ­ler (Garan­tie­ge­ber) kos­ten­los repa­rie­ren ließ oder ob er die Repa­ra­tur bei einer ande­ren Werk­statt auf Kos­ten der Ver­si­che­rung aus­füh­ren ließ.

Zu den im Streit­fall ein­schlä­gi­gen "Garan­tie­be­din­gun­gen B 196" hat der Bun­des­fi­nanz­hof im Jahr 2003 2 ent­schie­den, dass die ent­gelt­li­che Garan­tie­leis­tung des Auto­ver­käu­fers kei­ne unselbst­stän­di­ge Neben­leis­tung zur Fahr­zeu­g­lie­fe­rung, son­dern eine eigen­stän­di­ge Leis­tung sei. Die­se Auf­fas­sung teilt der Bun­des­fi­nanz­hof auch heu­te noch. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat­te 2003 aber wei­ter ent­schie­den, die Leis­tun­gen des Händ­lers sei­en nach § 4 Nr. 8 Buchst. g UStG steu­er­frei, soweit die­ser sich ver­pflich­tet habe, die Repa­ra­tur an den Fahr­zeu­gen selbst vor­zu­neh­men. Die Garan­tie­leis­tun­gen, denen die "Garan­tie­be­din­gun­gen B 196" zugrun­de lie­gen, sind, so der Bun­des­fi­nanz­hof sei­ner­zeit, als Über­nah­me von Ver­bind­lich­kei­ten "jeden­falls nach § 4 Nr. 8 Buchst. g UStG und/​oder nach § 4 Nr. 10 Buchst. b UStG". An die­ser Auf­fas­sung hält der Bun­des­fi­nanz­hof nun jedoch nicht mehr fest.

Denn die­se Rechts­auf­fas­sung, es lie­ge eine Steu­er­frei­heit nach § 4 Nr. 8 Buchst. g UStG vor, ist durch das zwi­schen­zeit­lich ergan­ge­ne Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten in Sachen Vel­vet & Steel Immo­bi­li­en 3 über­holt.

In die­sem Urteil ent­schied der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, der Begriff "Über­nah­me von Ver­bind­lich­kei­ten" in der ent­spre­chen­den Bestim­mung der 6. EG-Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie umfas­se nur Geld­ver­bind­lich­kei­ten. Da dar­un­ter nicht die Ver­pflich­tung zur Durch­füh­rung einer Repa­ra­tur im Fal­le des Scha­dens­ein­tritts fällt, muss­te der Bun­des­fi­nanz­hof sei­ne frü­he­re Recht­spre­chung nun inso­weit ändern.

Nach § 4 Nr. 8 Buchst. g UStG sind von den unter § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG fal­len­den Umsät­zen steu­er­frei "die Über­nah­me von Ver­bind­lich­kei­ten, von Bürg­schaf­ten und ande­ren Sicher­hei­ten sowie die Ver­mitt­lung die­ser Umsät­ze". Soweit der Auto­händ­ler sich gegen Zah­lung einer Prä­mie ver­pflich­tet hat, inner­halb der Garan­tiel­auf­zeit die erfor­der­li­che fach­ge­rech­te Repa­ra­tur durch Ersatz oder Instand­set­zung des Bau­teils selbst durch­zu­füh­ren, han­delt es sich zwar um einen nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG steu­er­ba­ren Leis­tungs­aus­tausch. Der wei­te­re Tat­be­stand des § 4 Nr. 8 Buchst. g UStG ist jedoch nicht erfüllt, so der Bun­des­fi­nanz­hof nun in sei­nem aktu­el­len Urteil.

Denn die­se Vor­schrift "beruht" auf Art. 13 Teil B Buchst. d Nr. 2 der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 4. Danach befrei­en die Mit­glied­staa­ten von der Steu­er "die Ver­mitt­lung und die Über­nah­me von Ver­bind­lich­kei­ten, Bürg­schaf­ten und ande­ren Sicher­hei­ten und Garan­ti­en sowie die Ver­wal­tung von Kre­dit­si­cher­hei­ten durch die Kre­dit­ge­ber".

Zu die­ser Bestim­mung hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof in der Rechts­sa­che Vel­vet & Steel Immo­bi­li­en 5 ent­schie­den, der Begriff der "Über­nah­me von Ver­bind­lich­kei­ten" sei dahin aus­zu­le­gen, dass er ande­re als Geld­ver­bind­lich­kei­ten, wie die Ver­pflich­tung, eine Immo­bi­lie zu reno­vie­ren, vom Anwen­dungs­be­reich die­ser Bestim­mung aus­schlie­ße. Es ste­he fest, dass es sich bei allen in Art. 13 Teil B Buchst. d Nr. 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG auf­ge­führ­ten Umsät­zen ihrer Art nach um Finanz­dienst­leis­tun­gen han­de­le. Das­sel­be gel­te für die ande­ren Umsät­ze, auf die in Art. 13 Teil B Buchst. d der Richt­li­nie 77/​388/​EWG hin­ge­wie­sen wer­de. Die Über­nah­me der Ver­pflich­tung zur Reno­vie­rung einer Immo­bi­lie fal­le daher nicht in den Anwen­dungs­be­reich die­ser Bestim­mung.

Im Streit­fall hat sich der Klä­ger nach § 1 Nr. 2 der "Garan­tie­be­din­gun­gen B 196" zur Durch­füh­rung einer Repa­ra­tur im Fal­le des Scha­dens­ein­tritts und nicht zu einer Scha­dens­er­satz­leis­tung in Geld ver­pflich­tet. Danach hat der Käufer/​Garantienehmer einen Anspruch gegen den Klä­ger, dass er die ent­spre­chen­den Repa­ra­tur­ar­bei­ten durch­führt, also Natu­ral­re­sti­tu­ti­on leis­tet. Bei die­sem Anspruch han­delt es sich eben­so wenig wie bei der Ver­pflich­tung zur Reno­vie­rung einer Immo­bi­lie um eine Finanz­dienst­leis­tung. Bei einer gemein­schafts­rechts­kon­for­men Aus­le­gung lie­gen damit die Vor­aus­set­zun­gen für eine Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 8 Buchst. g UStG hin­sicht­lich der Ver­pflich­tung des Klä­gers zur Durch­füh­rung der Repa­ra­tur nicht vor.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hielt auch kei­ne sons­ti­ge Steu­er­be­frei­ungs­vor­schrift für anwend­bar, ins­be­son­de­re nicht § 4 Nr. 10 Buchst. b UStG ("Ver­schaf­fung von Ver­si­che­rungs­schutz"). Er beur­teil­te viel­mehr die Garan­tie­zu­sa­ge des Händ­lers als sons­ti­ge Leis­tung eige­ner Art i. S. des § 3 Abs. 9 UStG, die aus der Sicht des Durch­schnitts­ver­brau­chers nicht durch die Ver­schaf­fung von Ver­si­che­rungs­schutz, son­dern durch das – umfas­sen­de – Ver­spre­chen der Ein­stands­pflicht des Händ­lers im Garan­tie­fall geprägt ist. Dafür sieht das Umsatz­steu­er­ge­setz kei­ne Steu­er­be­frei­ung vor.

Die Garan­tie­zu­sa­ge eines Auto­ver­käu­fers, durch die der Käu­fer gegen Ent­gelt nach sei­ner Wahl einen Repa­ra­tur­an­spruch gegen­über dem Ver­käu­fer oder einen Repa­ra­tur­kos­ten­er­satz­an­spruch gegen­über einem Ver­si­che­rer erhält, ist steu­er­pflich­tig.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. Febru­ar 2010 – XI R 49/​07

  1. "Garan­tie­be­din­gun­gen B 196"[]
  2. BFH, Urteil vom 16.01.2003 – V R 16/​02, BFHE 201, 343, BSt­Bl II 2003, 445[][]
  3. EuGH, Urteil vom 19.04.2007 – C‑455/​05 –Vel­vet & Steel Immo­bi­li­en, Slg. 2007, I‑3225, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 294[]
  4. Richt­li­nie 77/​388/​EWG[]
  5. in Slg. 2007, I‑3225, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 294[]