Arbeit­ge­ber­för­de­rung für die "Haus­ge­werk­schaft" – aus straf­recht­li­cher Sicht

Vor dem Bun­des­ge­richts­hof hat­te jetzt die Revi­si­on des ehe­ma­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den der Arbeit­neh­mer­or­ga­ni­sa­ti­on AUB teil­wei­se Erfolg: Das Land­ge­richt Nürn­berg-Fürth hat den ehe­ma­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den der Arbeit­neh­mer­or­ga­ni­sa­ti­on AUB wegen jeweils meh­re­rer Fäl­le des Betru­ges in Tat­ein­heit mit Bei­hil­fe zur Untreue, der Steu­er­hin­ter­zie­hung und der Bei­hil­fe zur Steu­er­hin­ter­zie­hung zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von vier Jah­ren und sechs Mona­ten ver­ur­teilt 1. Der Ver­ur­tei­lung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts zugrun­de:

Arbeit­ge­ber­för­de­rung für die "Haus­ge­werk­schaft" – aus straf­recht­li­cher Sicht

Der Ange­klag­te hat­te bereits zu Beginn der 1990er Jah­re mit ein­zel­nen Füh­rungs­kräf­ten der Sie­mens AG ver­ein­bart, dass die Sie­mens AG die Arbeits­ge­mein­schaft unab­hän­gi­ger Betriebs­an­ge­hö­ri­ger – AUB e.V. durch ver­schlei­er­te finan­zi­el­le Zuwen­dun­gen finan­zie­ren und för­dern soll­te. Hier­durch soll­te die AUB als Gegen­ge­wicht zur IG Metall eta­bliert wer­den. Durch die Wahl von AUB-Kan­di­da­ten in die Betriebs­rä­te der Sie­mens AG soll­ten in den Betriebs­rä­ten und mit­tel­bar in den Auf­sichts­rä­ten Mehr­heits­ver­hält­nis­se geschaf­fen wer­den, die aus Arbeit­ge­ber­sicht vor­teil­haf­te Betriebs­ver­ein­ba­run­gen und sons­ti­ge wirt­schaft­lich vor­teil­haf­te Maß­nah­men mög­lich mach­ten oder erleich­ter­ten.

Die ver­ein­bar­te För­de­rung der AUB erfolg­te ab dem Jahr 1991 im Wesent­li­chen durch Zah­lun­gen in Mil­lio­nen­hö­he, die zunächst auf der Grund­la­ge fin­gier­ter Bera­tungs- und Schu­lungs­ver­trä­ge über wei­te­re Fir­men an den Ange­klag­ten geleis­tet wur­den. Die Zah­lun­gen wur­den bei der Sie­mens AG zwar als Betriebs­aus­ga­ben gewinn­min­dernd ver­bucht, die Mit­tel­ver­wen­dung wur­de dort aber spä­tes­tens ab dem Jahr 1996 über ein­zel­ne Plau­si­bi­li­täts­kon­trol­len hin­aus nicht mehr kon­trol­liert.

Seit dem Jahr 2001 wur­den die Zah­lun­gen auf der Grund­la­ge einer Rah­men­ver­ein­ba­rung direkt an eine von dem Ange­klag­ten gegrün­de­te Fir­ma für Unter­neh­mens­be­ra­tung und Mit­ar­bei­ter­schu­lung geleis­tet. Für die Sie­mens AG wur­de die­se Ver­ein­ba­rung von dem dama­li­gen Vor­stand des Berei­ches Auto­ma­ti­on and Dri­ves (A & D) unter­zeich­net, der wegen sei­ner Mit­wir­kung an der ver­schlei­er­ten För­de­rung der AUB als Mit­an­ge­klag­ter im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren vom Land­ge­richt rechts­kräf­tig zu einer Frei­heits­stra­fe und einer Geld­stra­fe ver­ur­teilt wor­den ist. Die ver­deck­ten Unter­stüt­zungs­zah­lun­gen an die AUB wur­den nach Frei­ga­be durch die­sen Bereichs­vor­stand und spä­ter von sei­nem in die Abläu­fe ein­ge­weih­ten Nach­fol­ger aus­ge­zahlt. Ins­ge­samt leis­te­te die Sie­mens AG in den Jah­ren 2001 bis 2006 auf 44 vom Ange­klag­ten auf der Grund­la­ge der Rah­men­ver­ein­ba­rung erstell­ten Rech­nun­gen über tat­säch­lich nicht erbrach­te Bera­tungs­leis­tun­gen hin einen Gesamt­be­trag von 30,3 Mio. Euro.

Wegen der feh­len­den Kon­trol­le der Mit­tel­ver­wen­dung gelang es dem Ange­klag­ten unter Täu­schung über den Ver­wen­dungs­zweck, von der Sie­mens AG mehr als drei Mio. Euro für die För­de­rung der AUB zu erhal­ten, die er für pri­va­te Zwe­cke, dar­un­ter Sport­spon­so­ring in gro­ßem Umfang, ver­wen­den woll­te und ver­wen­de­te. In sei­nen Steu­er­erklä­run­gen mach­te er die pri­va­ten Auf­wen­dun­gen zu Unrecht als Betriebs­aus­ga­ben gel­tend, zudem ver­schwieg er steu­er­pflich­ti­ge Ein­künf­te.

Das Land­ge­richt Nürn­berg-Fürth hat den Ange­klag­ten im Hin­blick auf unrich­ti­ge Anga­ben gegen­über den Finanz­be­hör­den wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung und hin­sicht­lich der Täu­schung der Ver­ant­wort­li­chen der Sie­mens AG über die Ver­wen­dung der für die AUB bestimm­ten Mit­tel wegen Betru­ges ver­ur­teilt. Sei­ne Unter­stüt­zung bei der ver­deck­ten För­de­rung der AUB durch Ver­ant­wort­li­che der Sie­mens AG hat das Land­ge­richts einer­seits als Bei­hil­fe zur Untreue zum Nach­teil der Sie­mens AG und ande­rer­seits als Bei­hil­fe zur Steu­er­hin­ter­zie­hung geahn­det. Durch die ver­schlei­er­ten Zah­lun­gen sei, weil es sich um straf­ba­re Hand­lun­gen nach dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz han­de­le, das Ver­mö­gen der Sie­mens AG geschä­digt wor­den; zugleich sei Kör­per­schaft­steu­er hin­ter­zo­gen wor­den, weil Aus­ga­ben für die ver­deck­te finan­zi­el­le För­de­rung der AUB als Straf­ta­ten nach dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz auch nicht als Betriebs­aus­ga­ben der Sie­mens AG abzugs­fä­hig gewe­sen sei­en.

Die Revi­si­on des Ange­klag­ten hat nun mit der Sach­rü­ge vor dem Bun­des­ge­richts­hof teil­wei­se Erfolg:

Die vom Land­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen recht­fer­ti­gen eine Ver­ur­tei­lung wegen Bei­hil­fe zur Untreue bis­lang nicht. Da aber die Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten wegen Betru­ges zum Nach­teil der Sie­mens AG rechts­feh­ler­frei erfolgt ist, hat der 1. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs das Ver­fah­ren mit Zustim­mung des Gene­ral­bun­des­an­walts wegen des Vor­wurfs der Bei­hil­fe zur Untreue zum Nach­teil der Sie­mens AG ein­ge­stellt (straf­pro­zes­sua­le Ver­fol­gungs­be­schrän­kung).

Der Bun­des­ge­richts­hof hat von einer Zurück­ver­wei­sung zur wei­ter­ge­hen­den Auf­klä­rung des Untreue­vor­wurfs auch des­we­gen abge­se­hen, weil abzu­se­hen war, dass auch ergän­zen­de Fest­stel­lun­gen eine Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten wegen Bei­hil­fe zur Untreue vor­aus­sicht­lich nicht tra­gen könn­ten. Der Grund hier­für liegt dar­in, dass die ver­deck­te Finan­zie­rung der AUB auf Ver­an­las­sung des Mit­an­ge­klag­ten, damals Bereichs­vor­stand der Sie­mens AG, zwar eine Straf­tat nach dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz dar­stellt, nicht aber zugleich eine Ver­let­zung sei­ner gegen­über der Sie­mens AG bestehen­den Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht. Dies wäre aber Vor­aus­set­zung einer Straf­bar­keit wegen Untreue gemäß § 266 StGB.

In Anknüp­fung an die neue­re Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Straf­bar­keit wegen Untreue 2 hat der 1. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs klar­ge­stellt, dass eine Norm­ver­let­zung in der Regel nur dann pflicht­wid­rig im Sin­ne des § 266 StGB ist, wenn die ver­letz­te Rechts­norm ihrer­seits wenigs­tens auch, und sei es nur mit­tel­bar, ver­mö­gens­schüt­zen­de Wir­kung für das zu betreu­en­de Ver­mö­gen hat. Dies war bei dem hier ver­wirk­lich­ten Straf­tat­be­stand des § 119 Abs. 1 Nr. 1 Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz (BetrVG), auf den man­gels Straf­an­trags eine unmit­tel­ba­re Ver­ur­tei­lung nicht gestützt wer­den konn­te, nicht der Fall.

Dage­gen hat­te neben der Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten wegen Betru­ges und Hin­ter­zie­hung von Ein­kom­men­steu­er auch sei­ne Ver­ur­tei­lung wegen Bei­hil­fe zur Hin­ter­zie­hung von Kör­per­schaft­steu­er zuguns­ten der Sie­mens AG Bestand:

Der Ange­klag­te hat­te durch Aus­stel­lung unrich­ti­ger Rech­nun­gen die ver­schlei­er­te För­de­rung der AUB durch die Sie­mens AG geför­dert und eine Straf­tat nach dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz, näm­lich § 119 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG, unter­stützt. Die vom Land­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen bele­gen, dass es sich bei den Zuwen­dun­gen an die AUB um rechts­wid­rig gewähr­te Vor­tei­le zur Beein­flus­sung von Betriebs­rats­wah­len im Sin­ne die­ser Vor­schrift han­del­te.

Die Steu­er­hin­ter­zie­hung liegt dar­in, dass die Zah­lun­gen, die der ver­deck­ten För­de­rung der AUB dien­ten, bei der Sie­mens AG als steu­er­lich abzugs­fä­hi­ge Betriebs­aus­ga­ben gel­tend gemacht wur­den, obwohl wegen des straf­ba­ren Ver­sto­ßes gegen das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz ein steu­er­recht­li­ches Abzugs­ver­bot bestand (§ 4 Abs. 5 Nr. 10 EStG).

Im Hin­blick auf die vor­ge­nom­me­ne Ver­fah­rens­be­schrän­kung und Feh­ler bei der Bestim­mung der ver­kürz­ten Steu­ern durch das Land­ge­richt hat der 1. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs das Urteil hin­sicht­lich ein­zel­ner Ein­zel­stra­fen sowie der fest­ge­setz­ten Gesamt­frei­heits­stra­fe auf­ge­ho­ben und die Sache inso­weit an das Land­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Eine ande­re Straf­kam­mer des Land­ge­richts muss nun noch eine neue Straf­zu­mes­sung vor­neh­men. Im Übri­gen ist das Urteil rechts­kräf­tig.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Sep­tem­ber 2010 – 1 StR 220/​09

  1. LG Nürn­berg-Fürth, Urteil vom 24.11.2008 – 3 KLs 501 Js 1777/​2008[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 23.06.2010 – 2 BvR 2559/​08[]