Der Pflicht­ver­tei­di­ger – und die Maskenpflicht

Die hart­nä­cki­ge und unbe­grün­de­te Wei­ge­rung, ent­ge­gen der Anord­nung des Vor­sit­zen­den in der Haupt­ver­hand­lung einen medi­zi­ni­schen Mund-Nasen-Schutz zu tra­gen, kann eine Ent­pflich­tung des not­wen­di­gen Ver­tei­di­gers zur Fol­ge haben.

Der Pflicht­ver­tei­di­ger – und die Maskenpflicht

§ 143a Abs. 2 Nr. 3 ist die Bestel­lung des Pflicht­ver­tei­di­gers auf­zu­he­ben und ein neu­er Pflicht­ver­tei­di­ger zu bestel­len, wenn das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Ver­tei­di­ger und Beschul­dig­tem end­gül­tig zer­stört ist oder aus einem sons­ti­gen Grund kei­ne ange­mes­se­ne Ver­tei­di­gung des Beschul­dig­ten gewähr­leis­tet ist.

Ein wich­ti­ger Grund i.S.v. § 143a Abs. 2 Nr. 3 StPO liegt vor, wenn Umstän­de vor­lie­gen, die den Zweck der Pflicht­ver­tei­di­gung gefähr­den, dem Beschul­dig­ten einen geeig­ne­ten Bei­stand zu sichern und gleich­zei­tig die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung des Ver­fah­rens zu gewähr­leis­ten1.

Zwar macht nicht jedes unzweck­mä­ßi­ge oder pro­zess­ord­nungs­wid­ri­ge Ver­hal­ten des Ver­tei­di­gers einen Ver­tei­di­ger­wech­sel erfor­der­lich; die Annah­me eines sons­ti­gen Grun­des i.S.d. Nr. 3 ist viel­mehr auf Aus­nah­me­fäl­le zu beschrän­ken2. Mit der Neu­fas­sung des § 143a soll­te aller­dings der Fall aus­drück­lich gere­gelt wer­den, in dem ein Ver­tei­di­ger­wech­sel aus Grün­den der Ver­fah­rens­fair­ness gebo­ten ist; damit soll­ten ins­be­son­de­re gro­be Ver­stö­ße des Ver­tei­di­gers gegen eine ord­nungs­ge­mä­ße Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben erfasst wer­den, die eine ange­mes­se­ne Ver­tei­di­gung des Man­dan­ten ersicht­lich gefähr­den3.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen ist vor­lie­gend ein wich­ti­ger Grund i.S.v. § 143a Abs. 2 Nr. 3, 2. Alt. StPO zu bejahen.

Es steht außer Fra­ge, dass die sit­zungs­po­li­zei­li­che Anord­nung des Vor­sit­zen­den im Ver­fah­ren 21 Js 1192/​13 zum Tra­gen einer Mund-Nase-Bede­ckung in Form einer Mas­ke im Gerichts­saal von Rechts wegen nicht zu bean­stan­den war und berech­tig­te oder auch nur nach­voll­zieh­ba­re Grün­de, der Anord­nung zum Tra­gen einer medi­zi­ni­schen Mas­ke nicht nach­zu­kom­men und somit das Ver­hal­ten des Pflicht­ver­tei­di­gers zu ent­schul­di­gen, nicht vor­la­gen. Der Pflicht­ver­tei­di­ger hat viel­mehr durch sein schuld­haf­tes, rück­sichts­lo­ses und unver­ant­wort­li­ches Ver­hal­ten die Abtren­nung und Aus­set­zung des Ver­fah­rens 21 Js 1192/​13 gegen den Ange­klag­ten zu ver­ant­wor­ten4.

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Die Entschuldigung in der Hauptverhandlung

Anhalts­punk­te, dass der Pflicht­ver­tei­di­ger die­ses Ver­hal­ten in der neu durch­zu­füh­ren­den Haupt­ver­hand­lung abge­legt hät­te, lie­gen nicht vor. Der Ange­klag­te und sein Ver­tei­di­ger wur­den durch das Schrei­ben des Vor­sit­zen­den vom 18.03.2021 expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Land­ge­richt Hil­des­heim ange­sichts des Ver­hal­tens des Ver­tei­di­gers im Ver­fah­ren 21 Js 1192/​13 nach­voll­zieh­bar eine hohe Wahr­schein­lich­keit annahm, der Ver­tei­di­ger kön­ne auch in Zukunft eine ange­mes­se­ne Ver­tei­di­gung des Ange­klag­ten nicht gewähr­leis­ten. Gleich­wohl hat der Ver­tei­di­ger hier­auf weder ein Attest vor­ge­legt, wel­ches sei­ne Wei­ge­rung, eine Mund-Nase-Bede­ckung in Form einer Mas­ke im Gerichts­saal zu tra­gen, nach­voll­zieh­bar erschei­nen lie­ße, noch mit­ge­teilt, dass er zukünf­tig bereit sei, der sit­zungs­po­li­zei­li­chen Anord­nung des Vor­sit­zen­den nach­zu­kom­men. Auch mit der sofor­ti­gen Beschwer­de ist der­ar­ti­ges nicht zum Aus­druck gebracht worden.

Nach alle­dem geht das Land­ge­richt Hil­des­heim im ange­foch­te­nen Beschluss zutref­fend davon aus, dass der Pflicht­ver­tei­di­ger sein schuld­haf­tes, rück­sichts­lo­ses und unver­ant­wort­li­ches Ver­hal­ten auch in der neu anzu­be­rau­men­den Haupt­ver­hand­lung an den Tag gelegt hätte.

Hin­zu kommt, dass in die­sem Ver­hal­ten ein gro­ber Ver­stoß des Ver­tei­di­gers gegen eine ord­nungs­ge­mä­ße Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben liegt, der aus­nahms­wei­se die Auf­he­bung der Bestel­lung des Pflicht­ver­tei­di­gers und die Bei­ord­nung eines neu­en Ver­tei­di­gers erfor­der­lich machte.

Der Umstand, dass bei der Prü­fung, ob ein zur Rück­nah­me der Bestel­lung recht­fer­ti­gen­der wich­ti­ger Grund vor­liegt, der Wunsch des Beschul­dig­ten auf Bei­be­hal­tung sei­nes Pflicht­ver­tei­di­gers zu berück­sich­ti­gen ist, recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Das Ober­lan­des­ge­richt hat zudem in die Bewer­tung ein­ge­stellt, dass dem Grund­satz der Kon­ti­nui­tät der Ver­tei­di­gung zufol­ge einem Ange­klag­ten nach Mög­lich­keit der ein­ge­ar­bei­te­te und ver­trau­te Ver­tei­di­ger zu erhal­ten ist5. Anders als beim end­gül­tig zer­stör­ten Ver­trau­ens­ver­hält­nis soll die Auf­he­bung der Bestel­lung gem. § 143a Abs. 2 Nr. 3, 2. Alt. StPO bei gro­ben Ver­stö­ßen des Ver­tei­di­gers gegen die ord­nungs­ge­mä­ße Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben aber auch gegen den Wil­len des Beschul­dig­ten vor­ge­nom­men wer­den dür­fen3. Eine Mög­lich­keit, dem Grund­satz der Kon­ti­nui­tät der Ver­tei­di­gung zufol­ge dem Ange­klag­ten den ein­ge­ar­bei­te­ten und ver­trau­ten Ver­tei­di­ger zu erhal­ten, bestand nicht. Der Ver­tei­di­ger hat als selbst­stän­di­ges, dem Gericht und der Staats­an­walt­schaft gleich­ge­ord­ne­tes Organ der Rechts­pfle­ge die Pflicht, dafür zu sor­gen, dass das Ver­fah­ren sach­dien­lich und in pro­zes­su­al geord­ne­ten Bah­nen durch­ge­führt wird6. In Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie erscheint indes eine nicht durch ein Attest trag­fä­hig beleg­te und damit im Ergeb­nis völ­lig unbe­grün­de­te Wei­ge­rung, der sit­zungs­po­li­zei­li­chen Anord­nung des Vor­sit­zen­den zum Tra­gen einer Mund-Nase-Bede­ckung in Form einer Mas­ke im Gerichts­saal Fol­ge zu leis­ten geeig­net, die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung eines Straf­ver­fah­rens nach­hal­tig zu gefährden.

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Zeugnisverweigerungsrecht des bereits verurteilten Täters bei Organsiationsdelikten

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 20. Mai 2021 – 3 Ws 143/​21

  1. BGH, Urteil vom 20.12.2018 – 3 StR 236/​17, BGHSt 64, 10–47; Beck­OK StPO/​Krawczyk, 36. Ed.01.01.2020, StPO § 143a Rn. 25; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 63. Auf­la­ge 2020, § 143a, Rn. 25[]
  2. OLG Nürn­berg Beschluss vom 9.05.1995 – Ws 461/​95, Beck­RS 1995, 31343915; OLG Ham­burg, Beschluss vom 17.11.1997 – 2 Ws 255–97, NStZ 1998, 586; Beck­OK StPO/​Krawczyk, a.a.O., § 143a, Rn. 29, 30[]
  3. vgl. BT-Drs.19/13829, S. 48[][]
  4. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 15.04.2021, Az.: 3 Ws 91/​21, a.a.O.[]
  5. vgl. OLG Cel­le a.a.O.[]
  6. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, a.a.O., vor § 137, Rn. 1 m.w.N.[]

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