Der schla­fen­de Schöf­fe – bei der Ver­le­sung der Anklage

Bei der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes han­delt es sich um einen wesent­li­chen Teil der Haupt­ver­hand­lung. Ist ein Schöf­fe die­ser wäh­rend einer erheb­li­chen Zeit­span­ne schlaf­be­dingt nicht gefolgt, liegt der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 1 StPO vor [1].

Der schla­fen­de Schöf­fe – bei der Ver­le­sung der Anklage

So auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Die Revi­si­on macht zu Recht gel­tend, dass die Wirt­schafts­straf­kam­mer, die in die­ser Sache ent­schie­den hat, nicht vor­schrifts­mä­ßig besetzt war, weil der Schöf­fe S. im ers­ten Ter­min zur Haupt­ver­hand­lung am 12.03.2019 über einen nicht uner­heb­li­chen Zeit­raum fest geschla­fen hat, so dass er der Ver­le­sung der Ankla­ge­schrift nicht voll­stän­dig fol­gen konn­te. Dass der Schöf­fe geschla­fen hat, ist nach einer Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de, wie sie sich aus der Dar­stel­lung des Ver­tei­di­gers in der Revi­si­ons­be­grün­dung erge­ben, die durch die dienst­li­che Äuße­rung des Staats­an­walts bestä­tigt wird, bewiesen.

Nach der Revi­si­ons­be­grün­dung bemerk­te der Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten am Nach­mit­tag des ers­ten Ver­hand­lungs­ta­ges wäh­rend der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes, dass der Schöf­fe S. die Augen geschlos­sen, den Mund leicht geöff­net und eine erschlaff­te Sitz­hal­tung ein­ge­nom­men hat­te. Er beob­ach­te­te den Schöf­fen, der wei­ter­hin in dem beschrie­be­nen Zustand auf der Rich­ter­bank saß, min­des­tens eine Minu­te lang und wand­te sich dann wäh­rend der Ver­le­sung der Tat­vor­wür­fe Nr. 176 bis 177 der Ankla­ge­schrift mit der Bemer­kung an den Vor­sit­zen­den Rich­ter, er möge sich ver­si­chern, ob der Schöf­fe noch wach sei. Der Vor­sit­zen­de erwi­der­te spon­tan, dass der Schöf­fe noch wach sei; der Schöf­fe selbst reagier­te auf die vom Ver­tei­di­ger ver­an­lass­te Unter­bre­chung der Ver­le­sung der Ankla­ge­schrift und den Wort­wech­sel zwi­schen dem Ver­tei­di­ger und dem Vor­sit­zen­den nicht. Als sich die Berufs­rich­ter zu dem Schöf­fen hin­wand­ten, öff­ne­te die­ser die Augen und benö­tig­te ersicht­lich einen kur­zen Augen­blick, um zu rea­li­sie­ren, dass er ein­ge­schla­fen war. Die Ver­le­sung der Ankla­ge­schrift wur­de anschlie­ßend fort­ge­setzt, aber nicht – auch nicht teil­wei­se – wiederholt.

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Die­se Dar­stel­lung des Ver­tei­di­gers wird durch die Anga­ben des Sit­zungs­ver­tre­ters der Staats­an­walt­schaft in der Revi­si­ons­ge­gen­er­klä­rung dahin bestä­tigt, dass der Ver­tei­di­ger, als er selbst mit der Ver­le­sung der Ankla­ge­schrift befasst gewe­sen sei, den Vor­sit­zen­den um Prü­fung gebe­ten habe, ob der Schöf­fe ein­ge­schla­fen sein kön­ne. Der Schöf­fe habe sei­ner – des Staats­an­walts – Beob­ach­tung nach weder die Inter­ven­ti­on des Ver­tei­di­gers noch die Äuße­rung des Vor­sit­zen­den mit­be­kom­men. Wie es dazu gekom­men sei, dass der Schöf­fe kur­ze Zeit spä­ter „erwacht sei“, sei ihm nicht bekannt. Er kön­ne auch über den „Zeit­raum des Schlafs“ des Schöf­fen kei­ne Anga­ben machen.

Die Anga­ben der bei­sit­zen­den Rich­ter in ihren dienst­li­chen Stel­lung­nah­men ste­hen der Dar­stel­lung von Ver­tei­di­ger und Sit­zungs­ver­tre­ter der Staats­an­walt­schaft nicht ent­ge­gen. Ins­be­son­de­re erge­ben sich aus die­sen Stel­lung­nah­men kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass der Schöf­fe in der frag­li­chen Zeit ent­ge­gen dem nach­voll­zieh­bar auf das geschil­der­te Ver­hal­ten des Schöf­fen gestütz­ten Ein­druck von Ver­tei­di­ger und Staats­an­walt wach gewe­sen sein könn­te; bei­de bei­sit­zen­den Rich­ter haben erklärt, dass sie nicht aus eige­ner Wahr­neh­mung her­aus sagen könn­ten, ob der Schöf­fe geschla­fen hat.

Danach liegt, weil es sich bei der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes um einen wesent­li­chen Teil der Haupt­ver­hand­lung han­delt und der Schöf­fe die­ser wäh­rend einer erheb­li­chen Zeit­span­ne schlaf­be­dingt nicht gefolgt ist, der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 1 StPO vor [2].

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Die Sache bedarf danach neu­er Ver­hand­lung und Entscheidung.

Bun­des­ge­richts­hof, Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2020 – 1 StR 616/​19

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.04.2019 – 5 StR 87/​19 Rn. 9; vom 19.06.2018 – 5 StR 643/​17 Rn. 3; und vom 20.10.1981 – 5 StR 564/​81 Rn. 1[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.04.2019 – 5 StR 87/​19 Rn. 9; vom 19.06.2018 – 5 StR 643/​17 Rn. 3; und vom 20.10.1981 – 5 StR 564/​81 Rn. 1[]

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