Die krat­zen­de und kei­fen­de Ehe­frau – und der min­der schwe­re Fall des Tot­schlags

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kön­nen ledig­lich sol­che dem spä­te­ren Täter zuge­füg­ten Miss­hand­lun­gen die Annah­me eines min­der schwe­ren Falls gemäß § 213 Alt. 1 StGB begrün­den, die nach ihrem Gewicht und den Umstän­den des Ein­zel­falls geeig­net sind, die "Jäh­tat als ver­ständ­li­che Reak­ti­on" auf das pro­vo­zie­ren­de Ver­hal­ten des Opfers der nach­fol­gen­den Tötungs­tat erschei­nen zu las­sen 1.

Die krat­zen­de und kei­fen­de Ehe­frau – und der min­der schwe­re Fall des Tot­schlags

Die­se Vor­aus­set­zun­gen kön­nen selbst bei einer ledig­lich ver­such­ten Kör­per­ver­let­zung gege­ben sein 2.

Da sich die Tötungs­tat jedoch als "ver­ständ­li­che Reak­ti­on" auf die vor­aus­ge­gan­ge­ne Miss­hand­lung durch das spä­te­re Opfer erwei­sen muss, wer­den ein­ge­tre­te­ne oder dro­hen­de ledig­lich gering­fü­gi­ge Ein­grif­fe in die kör­per­li­che oder see­li­sche Unver­sehrt­heit des Täters des Tötungs­de­likts regel­mä­ßig kei­ne Miss­hand­lung im Sin­ne von § 213 Alt. 1 StGB begrün­den kön­nen 3.

Dem ent­spre­chend hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass es der hohe Rang des durch § 212 StGB geschütz­ten Rechts­guts und die unter den Vor­aus­set­zun­gen von § 213 StGB mil­de­re Beur­tei­lung der Ver­nich­tung des mensch­li­chen Lebens gebie­ten, die Anfor­de­run­gen an das der Tat vor­aus­ge­hen­de Opfer­ver­hal­ten und auch an die auf die tat­aus­lö­sen­de Situa­ti­on zulau­fen­de Ent­wick­lung der Täter-Opfer-Bezie­hung nicht zu nied­rig anzu­set­zen 4. An die­sem Gebot hat sich trotz der Ver­schär­fung des Straf­rah­mens von § 213 StGB durch das Sechs­te Gesetz zur Reform des Straf­rechts (6. StrRG) 5 nichts geän­dert 6.

Ob nach den vor­ge­nann­ten Grund­sät­zen eine Miss­hand­lung gege­ben ist, ist auf der Grund­la­ge einer Gesamt­wür­di­gung aller dafür maß­ge­ben­den Umstän­de, nament­lich unter Berück­sich­ti­gung der bis­he­ri­gen Täter-Opfer-Bezie­hung und der damit ver­bun­de­nen Moti­va­ti­ons­ge­ne­se, zu beur­tei­len 7.

§ 213 Alt. 1 StGB kann auch dann zur Anwen­dung gelan­gen, wenn die tat­aus­lö­sen­de Miss­hand­lung für sich allein genom­men, zwar kei­ne "schwe­re Unbill" dar­stellt, sie aber gleich­sam nur der Trop­fen ist, der das Fass zum Über­lau­fen bringt 8. Nach die­ser Recht­spre­chung ist es daher gebo­ten, in die ohne­hin erfor­der­li­che Gesamt­wür­di­gung auch in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Vor­gän­ge als mit­wir­ken­de Ursa­chen ein­zu­be­zie­hen 9.

Auch bei der Beur­tei­lung des Vor­lie­gens einer "schwe­ren Belei­di­gung" im Sin­ne von § 213 Alt. 1 StGB ist nicht allein auf die in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit dem Tat­ge­sche­hen ste­hen­den Vor­gän­ge abzu­stel­len. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist viel­mehr eine "Ganz­heits­be­trach­tung" erfor­der­lich, die in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Vor­gän­ge als "mit­wir­ken­de Ursa­chen" mit ein­be­zieht.

Die Vor­aus­set­zun­gen von § 213 Alt. 1 StGB kön­nen dem­nach auch dann erfüllt sein, wenn zwar das Ver­hal­ten des Tat­op­fers vor der Tat iso­liert betrach­tet "kei­ne schwe­re Belei­di­gung dar­stellt, den­noch aber den Täter zum Zorn reiz­te und auf der Stel­le zur Tat hin­riss, weil es nach einer gan­zen Rei­he von Krän­kun­gen gleich­sam nur noch der Trop­fen war, der das Faß zum Über­lau­fen brach­te." 10. In die erfor­der­li­che Gesamt­be­wer­tung sind alle Umstän­de ein­zu­be­zie­hen, die dem kon­kre­ten Ein­zel­fall unter dem Gesichts­punkt der Pro­vo­ka­ti­on durch das spä­te­re Tat­op­fer sein Geprä­ge geben 11.

Hat aber der Tatrich­ter den für die Beur­tei­lung des Vor­lie­gens eines min­der schwe­ren Falls recht­lich zutref­fen­den Maß­stab gewählt, unter­liegt die Wer­tung als sol­che, ob sich die geäu­ßer­ten Belei­di­gun­gen unter Berück­sich­ti­gung des Gesamt­ge­sche­hens als schwer im Sin­ne von § 213 Alt. 1 StGB erwei­sen, nicht der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Kon­trol­le 12. Teil die­ser dem Tatrich­ter oblie­gen­den Wer­tung ist es auch, die Bewer­tungs­rich­tung der fest­ge­stell­ten kon­kre­ten Umstän­de (unter Ein­schluss der dem eigent­li­chen Tötungs­ge­sche­hen vor­aus­ge­hen­den) zu bestim­men und auf die­ser Grund­la­ge das Vor­lie­gen der benann­ten Mil­de­rungs­grün­de aus § 213 Alt. 1 StGB zu beur­tei­len. Es ist dem Revi­si­ons­ge­richt ver­wehrt, sei­ne eige­ne Wer­tung an die Stel­le der­je­ni­gen des Tatrich­ters zu set­zen.

Ob die Vor­aus­set­zun­gen von § 213 Alt. 1 StGB im Ein­zel­fall auf­grund einer Kumu­la­ti­on von vor­aus­ge­hen­der Miss­hand­lung und schwe­rer Belei­di­gung ver­wirk­licht wer­den kön­nen 13, bedurf­te im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ent­schei­dung. Denn nach den Fest­stel­lun­gen und der Beweis­wür­di­gung des Tat­ge­richts bil­de­te der der Tötungs­tat vor­aus­ge­hen­de kör­per­li­che Über­griff den unmit­tel­ba­ren Aus­lö­se­reiz für den affek­ti­ven Aus­nah­me­zu­stand des Ange­klag­ten.

Beruht nach die­sen rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen der die Tötungs­tat aus­lö­sen­de Zorn des Ange­klag­ten auf dem kör­per­li­chen Angriff durch die Ehe­frau und nicht auf vor­an­ge­gan­ge­nen Belei­di­gun­gen, hät­te die Anwen­dung von § 213 Alt. 1 StGB weder auf das Vor­lie­gen schwe­rer Belei­di­gun­gen als sol­cher noch auf das Zusam­men­wir­ken von sol­chen und Miss­hand­lun­gen gestützt wer­den kön­nen. Maß­geb­lich sind näm­lich nur die­je­ni­gen Moti­ve des Täters, die in der Tat­si­tua­ti­on einen beherr­schen­den Ein­fluss auf den Täter gehabt haben 14. War aber eine für § 213 Alt. 1 StGB nicht aus­rei­chend erheb­li­che Miss­hand­lung der eigent­li­che Aus­lö­se­reiz des Affekts, kann nicht auf eine im Motiv­bün­del nur unter­ge­ord­ne­te Rei­zung durch eine (schwe­re) Belei­di­gung abge­stellt wer­den 15.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Febru­ar 2015 – 1 StR 574/​14

  1. BGH, Beschluss vom 09.02.1995 – 4 StR 37/​95, NJW 1995, 1910, 1911; BGH, Urteil vom 04.05.1995 – 5 StR 213/​95, NStZ 1996, 33; vgl. auch BGH, Urteil vom 01.08.1996 – 5 StR 214/​96, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Miss­hand­lung 5; aber auch BGH, Urteil vom 04.12 1990 – 1 StR 577/​90, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Miss­hand­lung 3[]
  2. BGH, Beschluss vom 09.02.1995 – 4 StR 37/​95, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Miss­hand­lung 4; Urteil vom 01.08.1996 – 5 StR 214/​96, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Miss­hand­lung 5[]
  3. BGH, Urteil vom 19.02.1991 – 1 StR 659/​90, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Belei­di­gung 6 "nur erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen"; vgl. auch Jähn­ke in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 11. Aufl., Band 5, § 213 Rn. 4; H. Schnei­der aaO § 213 Rn. 13 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 01.09.2011 – 5 StR 266/​11 Rn. 10; Beschlüs­se vom 21.12 2010 – 3 StR 454/​10, NStZ 2011, 339 f.; vom 08.07.2014 – 3 StR 228/​14 Rn. 5[]
  5. vom 26.01.1998, BGBl. I S. 164[]
  6. BGH, Beschluss vom 15.01.2002 – 1 StR 548/​01, NStZ-RR 2002, 140 f.; sie­he auch BGH, Urteil vom 09.07.1998 – 4 StR 136/​98[]
  7. sie­he BGH, Urteil vom 01.09.2011 – 5 StR 266/​11 Rn. 10 mwN[]
  8. BGH, Urteil vom 04.12 1990 – 1 StR 577/​90, StV 1991, 105 f. mwN; sie­he auch bzgl. einer vor­an­ge­gan­ge­nen Rei­he von Krän­kun­gen oder ehr­ver­let­zen­den Situa­tio­nen BGH, Beschlüs­se vom 21.12 2010 – 3 StR 454/​10, NStZ 2011, 339, 340 mwN; vom 08.07.2014 – 3 StR 228/​14 Rn. 5[]
  9. BGH, jeweils aaO[]
  10. sie­he nur BGH, Beschlüs­se vom 11.06.1996 – 1 StR 300/​96, StV 1998, 131; vom 21.05.2004 – 1 StR 170/​04, NStZ 2004, 631 f.; BGH, Beschluss vom 21.12 2010 – 3 StR 454/​10, NStZ 2011, 339, 340; Urteil vom 01.09.2011 – 5 StR 266/​11 Rn. 10 jeweils mwN; Beschluss vom 08.07.2014 – 3 StR 228/​14 Rn. 5; Fischer aaO § 213 Rn. 5 aE mit zahlr. Nach­wei­sen[]
  11. BGH, Urteil vom 10.10.1989 – 1 StR 239/​89, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Belei­di­gung 5[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 19.02.1991 – 1 StR 659/​90, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Belei­di­gung 6 bzgl. der Bewer­tung eines Fuß­tritts als erheb­li­che Miss­hand­lung[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 19.02.1991 – 1 StR 659/​90, BGHR StGB § 213 Alt. 1 Belei­di­gung 6[]
  14. vgl. Schnei­der aaO § 213 Rn. 31[]
  15. sie­he inso­weit BGH, Beschluss vom 22.04.2004 – 4 StR 48/​04, NStZ 2004, 500 f. mwN[]