Ephe­drin-Tablet­ten – als Grund­stoff für Metham­phet­amin

Eine Straf­bar­keit des Han­delns mit Ephe­drin nach § 19 Abs. 1 Nr. 1, §§ 3, 1 Nr. 1 GÜG 1, § 29 Abs. 1 Nr. 1, §§ 3, 2 Nr. 1 GÜG aF 2 setzt u.a. vor­aus, dass es sich bei den Ephe­drin-Tablet­ten um Grund­stof­fe han­delt. Daher sind Arz­nei­mit­tel von den erfass­ten Stof­fen im Sin­ne der Ver­ord­nun­gen und damit des Grund­stoffs im Sin­ne des § 1 Nr. 1 GÜG bzw. § 2 Nr. 1 GÜG aF aus­ge­nom­men. Dann kommt indes ein straf­be­wehr­ter Ver­stoß gegen das Arz­nei­mit­tel­ge­setz in Betracht.

Ephe­drin-Tablet­ten – als Grund­stoff für Metham­phet­amin

Das deut­sche Recht ver­weist zur Defi­ni­ti­on des Begriffs "Grund­stoff" auf den "erfass­ten Stoff" im Sin­ne des Art. 2 Buchst. a in Ver­bin­dung mit Anhang – I der Ver­ord­nung (EG) Nr. 273/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 11.02.2004 und des Art. 2 Buchst. a in Ver­bin­dung mit Anhang der Ver­ord­nung (EG) Nr. 111/​2005 des Rates vom 22.12 2004. Zwar ist Ephe­drin in bei­den genann­ten Anhän­gen grund­sätz­lich als "erfass­ter Stoff" auf­ge­führt. Gleich­wohl unter­fal­len die gehan­del­ten Tablet­ten der Defi­ni­ti­on "erfass­ter Stoff" und damit auch der Defi­ni­ti­on "Grund­stoff" nach der jewei­li­gen dor­ti­gen Aus­nah­me­re­ge­lung nicht, soweit es sich bei ihnen um Arz­nei­mit­tel im Sin­ne des Art. 1 Nr. 2 der Richt­li­nie 2001/​83/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 06.11.2001 han­delt (Art. 2 Buchst. a Satz 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 273/​2004, Art. 2 Buchst. a Halb­satz 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 111/​2005). Der Auf­fas­sung des Land­ge­richts, die jewei­li­ge Aus­nah­me­re­ge­lung grei­fe dann nicht, wenn Arz­nei­mit­tel der­art zusam­men­ge­setzt sind, dass der in ihnen ent­hal­te­ne "erfass­te Stoff" leicht und wirt­schaft­lich extra­hiert wer­den kann, ist nicht zu fol­gen.

Hier­zu hat der Bun­des­ge­richts­hof in die­ser Sache dem zur Aus­le­gung euro­pa­recht­li­cher Bestim­mun­gen beru­fe­nen Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on mit Beschluss vom 22.10.2013 fol­gen­de Fra­ge vor­ge­legt:

Sind Arz­nei­mit­tel gemäß der Defi­ni­ti­on der Richt­li­nie 2001/​83/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 06.11.2001 zur Schaf­fung eines Gemein­schafts­ko­de­xes für Human­arz­nei­mit­tel, die von den Ver­ord­nun­gen (EG) Nr. 273/​2004 und (EG) Nr. 111/​2005 erfass­te Stof­fe ent­hal­ten, gemäß dem jewei­li­gen Art. 2 Buchst. a die­ser Ver­ord­nun­gen stets von deren Anwen­dungs­be­reich aus­ge­nom­men, oder ist dies ledig­lich dann anzu­neh­men, wenn die Arz­nei­mit­tel so zusam­men­ge­setzt sind, dass die erfass­ten Stof­fe nicht ein­fach ver­wen­det oder leicht und wirt­schaft­lich extra­hiert wer­den kön­nen?

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat die Vor­la­ge­fra­ge mit Urteil vom 05.02.2015 wie folgt beant­wor­tet:

Der jewei­li­ge Art. 2 Buchst. a der Ver­ord­nung (EG) Nr. 273/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 11.02.2004 betref­fend Dro­gen­aus­gangs­stof­fe und der Ver­ord­nung (EG) Nr. 111/​2005 des Rates vom 22.12 2004 zur Fest­le­gung von Vor­schrif­ten für die Über­wa­chung des Han­dels mit Dro­gen­aus­gangs­stof­fen zwi­schen der Gemein­schaft und Dritt­län­dern ist dahin aus­zu­le­gen, dass ein Arz­nei­mit­tel im Sin­ne der Defi­ni­ti­on von Art. 1 Nr. 2 der Richt­li­nie 2001/​83/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 06.11.2001 zur Schaf­fung eines Gemein­schafts­ko­de­xes für Human­arz­nei­mit­tel in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr.1901/2006 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12.12 2006 geän­der­ten Fas­sung als sol­ches, selbst wenn es einen in Anhang – I der Ver­ord­nung Nr. 273/​2004 und im Anhang der Ver­ord­nung Nr. 111/​2005 genann­ten Stoff ent­hält, der ein­fach ver­wen­det oder leicht und wirt­schaft­lich extra­hiert wer­den kann, nicht als 'erfass­ter Stoff' ein­ge­stuft wer­den kann.

Da somit anzu­neh­men ist, dass sämt­li­che Arz­nei­mit­tel von den erfass­ten Stof­fen im Sin­ne der Ver­ord­nun­gen und damit des Grund­stoffs im Sin­ne des § 1 Nr. 1 GÜG bzw. § 2 Nr. 1 GÜG aF aus­ge­nom­men sind, kann die Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten ins­ge­samt kei­nen Bestand haben.

Dabei wird zu beach­ten sein, dass die Begrün­dung der Arz­nei­mit­tel­ei­gen­schaft eines Stof­fes mit dem Argu­ment, die­ser sei nach der Ver­kehrs­an­schau­ung 3 ein­zel­ner Krei­se dazu bestimmt, den see­li­schen Zustand in Form eines Rau­sches zu beein­flus­sen 4, vor dem Hin­ter­grund der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht mehr halt­bar sein dürf­te, wonach die Beein­flus­sung der phy­sio­lo­gi­schen Funk­tio­nen in einer Zuträg­lich­keit für die mensch­li­che Gesund­heit lie­gen muss 5.

Soweit die gelie­fer­ten Tablet­ten Arz­nei­mit­tel sind, schei­det zwar eine Straf­bar­keit nach dem Gesetz zur Über­wa­chung des Ver­kehrs mit Grund­stof­fen, die für die uner­laub­te Her­stel­lung von Betäu­bungs­mit­teln miss­braucht wer­den kön­nen, aus. Dann kommt indes ein straf­be­wehr­ter Ver­stoß gegen das Arz­nei­mit­tel­ge­setz in Betracht.

Dabei kommt es nicht dar­auf an, dass mög­li­cher­wei­se die zur Tat­zeit gel­ten­de Defi­ni­ti­on des Arz­nei­mit­tel­be­griffs in § 2 Abs. 1 AMG wei­ter reich­te als die­je­ni­ge in Art. 1 Nr. 2 der Richt­li­nie 2001/​83/​EG 6. Denn das enge­re gemein­schafts­recht­li­che Ver­ständ­nis, das über § 2 Abs. 1 AMG in der Fas­sung des Geset­zes zur Ände­rung arz­nei­mit­tel­recht­li­cher und ande­rer Vor­schrif­ten vom 17.07.2009 7 Ein­gang in das natio­na­le Recht gefun­den hat, wäre jeden­falls das mil­de­re Recht (§ 2 Abs. 3 StGB).

Dabei liegt im vor­lie­gen­den Fall ins­be­son­de­re die Annah­me eines täter­schaft­lich began­ge­nen Ver­sto­ßes gegen § 96 Nr. 14 AMG wegen Betrei­bens eines Groß­han­dels ohne die erfor­der­li­che Erlaub­nis nicht fern. Der Ange­klag­te han­del­te gewerbs­mä­ßig. Auch das Ver­mit­teln von Han­dels­ge­schäf­ten, die auf die Beschaf­fung, Lage­rung oder Aus­fuhr von Arz­nei­mit­teln gerich­tet sind, kann Groß­han­del im Sin­ne der Legal­de­fi­ni­ti­on des § 4 Abs. 22 AMG sein 8. Dem­ge­gen­über war das Tätig­wer­den als Arz­nei­mit­tel­ver­mitt­ler ohne Erlaub­nis 9 zur Tat­zeit noch nicht straf­be­wehrt.

Soweit eine Straf­bar­keit nach § 95 Abs. 1 Nr. 5 AMG in Betracht gezo­gen wird, weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass es sich bei der Abga­be um einen Unter­fall des Inver­kehr­brin­gens (§ 4 Abs. 17 AMG) han­delt und bei­de Hand­lungs­for­men ech­te Son­der­de­lik­te dar­stel­len 10. Täter kann dem­nach nur sein, wer die eige­ne tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt über ein Arz­nei­mit­tel über­trägt 11. An einer sol­chen tat­säch­li­chen Ver­fü­gungs­ge­walt des Ange­klag­ten fehlt es jedoch nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen, so dass allen­falls eine Bei­hil­fe­st­raf­bar­keit in Betracht käme. Des­halb bedürf­te es der Fest­stel­lung einer vor­sätz­li­chen Haupt­tat durch Mit­ar­bei­ter des bel­gi­schen Unter­neh­mens, wobei sich über § 9 Abs. 2 Satz 2 StGB hin­aus wei­te­re grund­sätz­li­che Fra­gen zur Anwend­bar­keit deut­schen Rechts auf die­se Aus­land­s­tat stel­len wür­den 12. Mit Blick auf den nach § 27 Abs. 2 Satz 2, § 49 Abs. 1 StGB gemin­der­ten Unrechts­ge­halt sowie den Rechts­ge­dan­ken des § 153c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StPO könn­te sich inso­weit ein Vor­ge­hen nach § 154a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StPO emp­feh­len.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Okto­ber 2015 – 3 StR 124/​13

  1. BGBl. I 2008, S. 306 ff.[]
  2. BGBl. I 2005, S. 2686, 2689 f.[]
  3. vgl. hier­zu und zum euro­pa­recht­li­chen Arz­nei­mit­tel­be­griff ins­ge­samt EuGH, Urteil vom 15.11.2007 – C319/​05, GRUR 2008, 271 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.12 2009 – 1 StR 277/​09, BGHSt 54, 243, 251 f.; Beschluss vom 12.04.2011 – 5 StR 463/​10, NStZ 2011, 583[]
  5. EuGH, Urteil vom 10.07.2014 – C 358/​13 u.a., NStZ 2014, 461[]
  6. aA BT-Drs. 16/​12256, S. 41[]
  7. BGBl. I S.1990[]
  8. vgl. Stumpf in Kügel/​Müller/​Hofmann, AMG, § 52a Rn. 10; Weber, BtMG, 4. Aufl., § 4 AMG Rn. 85[]
  9. heu­te § 96 Nr. 14a AMG[]
  10. Weber aaO, § 4 AMG Rn. 56 ff.; § 95 AMG Rn. 58 ff., 301; Horn, NJW 1977, 2329, 2334[]
  11. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 14.02.1985 – 2 Ss OWi 15/​85, NJW 1985, 2206; sie­he auch BGH, Beschluss vom 17.10.2006 – 3 StR 381/​06[]
  12. vgl. nur SK-StG­B/Ho­yer, 26. Lfg., § 9 Rn. 12 f.[]