Gesamt­stra­fe – und ihre Bemes­sung

Die Bemes­sung der Gesamt­stra­fe im Rah­men der Gesamt­stra­fen­bil­dung nach § 54 Abs. 1 StGB ist im Wege einer Gesamt­schau des Unrechts­ge­halts und des Schuld­um­fangs durch einen eigen­stän­di­gen Zumes­sungs­akt vor­zu­neh­men [1].

Gesamt­stra­fe – und ihre Bemes­sung

Der Sum­me der Ein­zel­stra­fen kommt nur ein gerin­ges Gewicht zu, maß­geb­lich ist die ange­mes­se­ne Erhö­hung der Ein­satz­stra­fe unter zusam­men­fas­sen­der Wür­di­gung der Per­son des Täters und der ein­zel­nen Straf­ta­ten (§ 54 Abs. 1 Satz 3 StGB).

Dabei ist vor allem das Ver­hält­nis der ein­zel­nen Taten zuein­an­der, ihre grö­ße­re oder gerin­ge­re Selbst­stän­dig­keit, die Häu­fig­keit der Bege­hung, die Gleich­heit oder Ver­schie­den­heit der ver­letz­ten Rechts­gü­ter und der Bege­hungs­wei­sen sowie das Gesamt­ge­wicht des abzu­ur­tei­len­den Sach­ver­halts zu berück­sich­ti­gen [2].

Besteht zwi­schen den ein­zel­nen Taten ein enger zeit­li­cher, sach­li­cher und situa­ti­ver Zusam­men­hang hat die Erhö­hung der Ein­satz­stra­fe in der Regel gerin­ger aus­zu­fal­len [3].

Wird die Ein­satz­stra­fe erheb­lich erhöht, bedarf dies nähe­rer Begrün­dung [4]. Eine star­ke Erhö­hung der Ein­satz­stra­fe bedarf beson­de­rer Begrün­dung, wenn sich die­se nicht aus den feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen von selbst ergibt.

Da der Straf­zu­mes­sung eine „Mathe­ma­ti­sie­rung“ fremd ist, kann ein Rechts­feh­ler nicht allein dar­in gese­hen wer­den, dass die Ein­satz­stra­fe auf das etwa Zwei­ein­halb­fa­che erhöht wur­de [5]. Der­ar­ti­ge mathe­ma­ti­sche Über­le­gun­gen fin­den im Gesetz kei­ne Stüt­ze; auch bei der Bemes­sung einer Gesamt­stra­fe gilt, dass das Gesetz bei der Straf­zu­mes­sung „von jedem Sche­ma­tis­mus“ weit ent­fernt ist [6].

Der Tatrich­ter kann auch nicht dazu gezwun­gen wer­den, eine schul­dun­an­ge­mes­se­ne erhöh­te Ein­satz­stra­fe fest­zu­set­zen, um die rechts­feh­ler­freie Ver­hän­gung einer tat- und schuld­an­ge­mes­se­nen Gesamt­stra­fe zu ermög­li­chen [7].

Das Revi­si­ons­ge­richt hat nur auf Rechts­feh­ler ein­zu­grei­fen. Die­se kön­nen ins­be­son­de­re dann vor­lie­gen, wenn die Gesamt­stra­fe sich nicht inner­halb des gesetz­li­chen Straf­rah­mens befin­det oder die gebo­te­ne Begrün­dung für die Gesamt­stra­fe fehlt, oder wenn die Besorg­nis besteht, der Tatrich­ter habe sich von der Sum­me der Ein­zel­stra­fen lei­ten las­sen [8]. Eine unge­wöhn­lich hohe Diver­genz zwi­schen Ein­satz­stra­fe und Gesamt­stra­fe kann (jeden­falls beim Feh­len einer trag­fä­hi­gen Begrün­dung) die letzt­ge­nann­te Besorg­nis begrün­den [9].

Sol­che Rechts­feh­ler sah der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall nicht: Der Tatrich­ter hat die Erhö­hung der Ein­satz­stra­fe nicht nur durch zuläs­si­ge [10]Bezug­nah­me auf die Straf­zu­mes­sungs­er­wä­gun­gen begrün­det, die den neun wegen Straf­ta­ten nach dem BtMG ver­häng­ten Ein­zel­stra­fen zugrun­de lagen. Er hat den das Tat­ge­sche­hen cha­rak­te­ri­sie­ren­den lan­gen Tat­zeit­raum her­vor­ge­ho­ben, der mit Bei­hil­fe zur uner­laub­ten Ein­fuhr von Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge (220 Kilo­gramm Haschisch) in Tat­ein­heit mit Bei­hil­fe zum Han­del­trei­ben mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge im März 2007 begann und im Dezem­ber 2014 mit bewaff­ne­tem Han­del­trei­ben mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge sein Ende fand. Dazwi­schen lagen sie­ben wei­te­re Straf­ta­ten, von denen jeweils drei Taten (Ein­fuhr von Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge – 70 bzw. 80 Kilo­gramm Haschisch – in Tat­ein­heit mit Bei­hil­fe zum Han­del­trei­ben mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge) mit den Ein­satz­stra­fen geahn­det wor­den sind. Dies ist recht­lich nicht zu bean­stan­den; denn die in einem Zeit­raum von sie­ben­ein­halb Jah­ren ein­ge­bet­te­ten und im Ver­hält­nis zuein­an­der eine gro­ße Selb­stän­dig­keit auf­wei­sen­den Taten heben das Gesche­hen von typi­schen Seri­en­straf­ta­ten ab.

Der Fest­set­zung einer dem Gesamt­ge­wicht des Sach­ver­halts gerecht wer­den­den Gesamt­stra­fe stand nicht ent­ge­gen, dass die Straf­kam­mer die Ein­satz­stra­fen noch in der unte­ren Hälf­te des ange­wand­ten Straf­rah­mens fest­ge­setzt hat und das Gewicht der ein­zel­nen Taten, wie es recht­lich mög­lich gewe­sen wäre, nicht schon durch die Fest­set­zung höhe­rer Ein­zel­stra­fen berück­sich­tigt hat. Des­halb war es recht­lich gebo­ten, die für das Gesamt­ge­wicht maß­geb­li­chen Umstän­de, sofern sie nicht schon voll­stän­dig die Ein­zel­stra­fen mit­be­stimmt haben, jeden­falls bei der Gesamt­stra­fen­bil­dung ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen [11]. Das hat das Land­ge­richt getan. Die der Bemes­sung der Ein­zel­stra­fen vor­an­ge­stell­ten Erwä­gun­gen, auf die das Land­ge­richt bei der Gesamt­stra­fen­bil­dung Bezug genom­men hat, bele­gen, dass es die für die vor­zu­neh­men­de Gesamt­wür­di­gung des Täters und sei­nes Ver­hal­tens bedeut­sa­men Umstän­de bedacht hat. In der Gesamt­schau der Taten hat­ten Unrechts­ge­halt und Schuld­um­fang hier beson­de­res Gewicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Novem­ber 2016 – 1 StR 417/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 30.11.1971 – 1 StR 485/​71, BGHSt 24, 268, 269 f.; Beschluss vom 17.12 2013 – 4 StR 261/​13[]
  2. BGH, Urteil vom 30.11.1971 – 1 StR 485/​71, BGHSt 24, 268, 269 f.[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 13.04.2010 – 3 StR 71/​10, NStZ-RR 2010, 238; und vom 13.11.2008 – 3 StR 485/​08[]
  4. BGH, Beschluss vom 20.10.2006 – 2 StR 346/​06, NStZ 2007, 326[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25.08.2010 – 1 StR 410/​10, NStZ 2011, 32; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 54 Rn. 7a[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 10.04.1987 – GSSt 1/​86, BGHSt 34, 345, 351; Urteil vom 28.03.2013 – 4 StR 467/​12[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 23.04.1997 – 3 StR 16/​97, BGHR StGB § 54 Straf­hö­he 1[]
  8. vgl. hier­zu u.a. BGH, Beschluss vom 03.02.1999 – 2 StR 678/​98 mwN[]
  9. BGH, Beschluss vom 25.08.2010 – 1 StR 410/​10, NStZ 2011, 32 mwN[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 30.11.1971 – 1 StR 485/​71, BGHSt 24, 268, 271; BGH, Urteil vom 17.08.1988 – 2 StR 353/​88, BGHR StGB § 54 Abs. 1 Bemes­sung 1 und Beschluss vom 15.08.1989 – 1 StR 382/​89, BGHR StGB § 54 Abs. 1 Bemes­sung 4[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 18.09.1995 – 1 StR 463/​95, BGHR StGB § 54 Seri­en­straf­ta­ten 3; BGH, Urtei­le vom 23.10.1997 – 4 StR 347/​97, NStZ-RR 1998, 236; und vom 21.03.2006 – 1 StR 61/​06, NStZ-RR 2007, 72[]