Gesamt­stra­fen­bil­dung – und die Zäsur­wir­kung eines Straf­be­fehls

Gemäß § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB ist eine Gesamt­stra­fe unter Anwen­dung der §§ 53, 54 StGB man­gels bereits ein­ge­tre­te­ner Erle­di­gung der zuvor ver­häng­ten Stra­fe auch dann zu bil­den, wenn ein rechts­kräf­tig Ver­ur­teil­ter wegen einer ande­ren Straf­tat ver­ur­teilt wird, die er vor der frü­he­ren Ver­ur­tei­lung began­gen hat, wobei als frü­he­re Ver­ur­tei­lung das Urteil in dem frü­he­ren Ver­fah­ren gilt, in dem die zugrun­de­lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen letzt­mals geprüft wer­den konn­ten (§ 55 Abs. 1 Satz 2 StGB).

Gesamt­stra­fen­bil­dung – und die Zäsur­wir­kung eines Straf­be­fehls

Im Straf­be­fehls­ver­fah­ren ist für die Zäsur­wir­kung im Sin­ne des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB der Zeit­punkt des Erlas­ses des Straf­be­fehls maß­geb­lich, sofern gegen die­sen kein Ein­spruch ein­ge­legt wur­de (§ 410 Abs. 3 StPO) [1].

Wur­de Ein­spruch gegen den Straf­be­fehl ein­ge­legt und hier­auf eine Haupt­ver­hand­lung durch­ge­führt, so ist das auf die­se ergan­ge­ne letz­te Sachur­teil maß­ge­bend [2].

Wird im Fal­le eines auf die Tages­satz­hö­he beschränk­ten Ein­spruchs durch Beschluss (§ 411 Abs. 1 Satz 3 StPO) ent­schie­den, ist für die Gesamt­stra­fen­bil­dung der Zeit­punkt der Beschluss­fas­sung nach § 411 Abs. 1 Satz 3 StPO ent­schei­dend [3]. Denn eben­so wie in dem auf einen ent­spre­chend beschränk­ten Ein­spruch nach Haupt­ver­hand­lung erge­hen­den Urteil wer­den die der Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen – die per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Ange­klag­ten – in die­sem Beschluss letzt­mals geprüft.

Der Wort­laut des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB steht dem nicht zwin­gend ent­ge­gen [4]. Auch wenn in § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB aus­drück­lich nur das Urteil als frü­he­re Vor­ver­ur­tei­lung in den Blick genom­men ist, recht­fer­tigt sich die Anwen­dung auch auf Beschlüs­se nach § 411 Abs. 1 Satz 3 StPO bereits dar­aus, dass der rechts­kräf­ti­ge Straf­be­fehl, wie sich der Rege­lung in § 410 Abs. 3 StPO ent­neh­men lässt, dem rechts­kräf­ti­gen Urteil gleich­steht [5]. Für eine unter­schied­li­che Behand­lung von rechts­kräf­ti­gem Urteil und durch Beschluss nach § 411 Abs. 1 Satz 3 StPO unan­fecht­bar gewor­de­nem Straf­be­fehl besteht auch mit Blick auf die Rege­lung des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB kein sach­li­cher Grund. Die Mög­lich­keit einer Ent­schei­dung über die Tages­satz­hö­he nach ent­spre­chend beschränk­tem Ein­spruch gegen einen Straf­be­fehl durch Beschluss (§ 411 Abs. 1 Satz 3 StPO) wur­de erst durch das Ers­te Gesetz zur Moder­ni­sie­rung der Jus­tiz vom 24.08.2004 [6] ein­ge­führt, ohne dass der Gesetz­ge­ber dabei die Aus­wir­kun­gen auf die nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung im Blick hat­te [7]. Dass der Gesetz­ge­ber Fäl­le einer Ent­schei­dung durch Beschluss nach § 411 Abs. 1 Satz 3 StPO von der Rege­lung des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB hät­te aus­neh­men und einen dif­fe­ren­zier­ten Ansatz für die Gesamt­stra­fen­bil­dung je nach der Art der jewei­li­gen Vor­ver­ur­tei­lung durch Urteil oder durch Straf­be­fehl vor­ge­ben woll­te, ist nicht ersicht­lich.

Im Gegen­teil spricht der Zweck der Rege­lung, den Ange­klag­ten so zu stel­len, als wären sämt­li­che Taten mit der ers­ten Ver­ur­tei­lung abge­ur­teilt wor­den [8], für ein wei­tes Ver­ständ­nis des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB [9]. Ent­schei­dend ist danach die letz­te tatrich­ter­li­che Ent­schei­dung zur Schuld- oder Straf­fra­ge, bei der die Vor­aus­set­zun­gen der Bil­dung einer nach­träg­li­chen Gesamt­stra­fe hät­ten geprüft wer­den kön­nen [10]. Das ist – eben­so wie bei einer auf den Rechts­fol­gen­aus­spruch beschränk­ten Beru­fung [11] – auch nach einer Beschrän­kung eines Ein­spruchs auf den Straf­aus­spruch oder einen Teil des Straf­aus­spruchs der Fall [12]. Zwar ist der Prü­fungs­um­fang im Beschluss­ver­fah­ren auf die Tages­satz­hö­he beschränkt; inso­weit sind aber die zugrun­de­lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen zu prü­fen. Zudem obliegt dem Tatrich­ter auch wei­ter­hin die Ent­schei­dung, ob er von der fakul­ta­ti­ven Mög­lich­keit der Ent­schei­dung im Beschluss­weg Gebrauch machen kann, wobei auch die Gesamt­stra­fen­si­tua­ti­on in den Blick zu neh­men ist [13].

Für die Zäsur­wir­kung einer Vor­ver­ur­tei­lung und infol­ge­des­sen für die Gesamt­stra­fen­bil­dung ist auf den Zeit­punkt der Been­di­gung der jewei­li­gen Taten abzu­stel­len [14].

Für die Zäsur­wir­kung einer Vor­ver­ur­tei­lung und infol­ge­des­sen für die Gesamt­stra­fen­bil­dung ist auf den Zeit­punkt der Been­di­gung der jewei­li­gen Taten abzu­stel­len ist [14].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Dezem­ber 2019 – 1 StR 535/​19

Gesamtstrafenbildung - und die Zäsurwirkung eines Strafbefehls
  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 10.06.1985 – 4 StR 153/​85 Rn. 5 f., BGHSt 33, 230; und vom 16.05.2002 – 3 StR 448/​01 Rn. 6; Stern­berg-Lie­ben/­Bosch in Schönke/​Schröder, StGB, 30. Aufl., § 55 Rn. 7 und 10 mwN[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 16.05.2002 – 3 StR 448/​01 Rn. 6; und vom 09.08.2000 – 2 StR 286/​00 Rn. 3 ff.; LK-Ris­sing-van Saan, StGB, 12. Aufl., § 55 Rn. 8; SK-Jäger, StGB, 9. Aufl., § 55 Rn. 6[]
  3. so zutref­fend OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 24.04.2019 – 2 Rv 7 Ss 187/​19 Rn. 9 ff.[]
  4. OLG Karls­ru­he, aaO Rn. 10[]
  5. vgl. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 62. Aufl., § 410 Rn. 12; KK-Maur, StPO, 8. Aufl., § 410 Rn. 15[]
  6. BGBl. I 2198, berich­tigt am 1.09.2004, BGBl. I 2300[]
  7. vgl. BT-Drs. 15/​3482 S. 22; zutref­fend OLG Karls­ru­he aaO[]
  8. BGH, Beschluss vom 30.06.1960 – 2 StR 147/​60 Rn. 6, BGHSt 15, 66 ff.; Urteil vom 18.03.1982 – 4 StR 636/​81 Rn.19; OLG Karls­ru­he aaO Rn. 11[]
  9. vgl. OLG Karls­ru­he aaO Rn. 11[]
  10. BGH, Beschlüs­se vom 30.06.1960 – 2 StR 147/​60 Rn. 6, BGHSt 15, 66 ff.; und vom 24.07.2018 – 3 StR 245/​18 Rn. 7; LK-Ris­sing-van Saan aaO, § 55 Rn. 6; SK-Jäger aaO, § 55 Rn. 5[]
  11. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.01.2013 – 5 StR 594/​12 Rn. 2; und vom 16.05.2002 – 3 StR 448/​01 Rn. 5[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 30.06.1960 – 2 StR 147/​60 Rn. 6, BGHSt 15, 66 – zur Beschrän­kung auf die Bewäh­rungs­ent­schei­dung; Stern­berg-Lie­ben/­Bosch in Schönke/​Schröder aaO, § 55 Rn. 7 und 10 mwN[]
  13. vgl. OLG Karls­ru­he aaO[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 11.11.2008 – 5 StR 486/​08 Rn. 2 mwN; Fischer, StGB, 67. Aufl., § 55 Rn. 7 mwN[][]