Maß­re­gel­an­ord­nung – und die uner­heb­li­che Anlass­tat

Die Anlass­tat sel­ber muss nicht erheb­lich im Sin­ne des § 63 StGB sein. Maß­geb­lich ist viel­mehr, wel­che Taten künf­tig von dem Täter infol­ge sei­nes Zustands zu erwar­ten sind und ob die­se erheb­lich sind [1].

Maß­re­gel­an­ord­nung – und die uner­heb­li­che Anlass­tat

Bereits der erneut zu erwar­ten­de Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te, bei dem jeden­falls von einem unbe­nann­ten beson­ders schwe­ren Fall gemäß § 113 Abs. 2 Satz 1 StGB aus­zu­ge­hen ist [2], kann aller­dings als mitt­le­re Kri­mi­na­li­tät gewer­tet wer­den.

Ohne­hin müs­sen die zu erwar­ten­den Taten zwar grund­sätz­lich im Bereich mitt­le­rer Kri­mi­na­li­tät lie­gen, jedoch ist eine Unter­brin­gung nach § 63 StGB auch unter die­ser Schwel­le nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen. Dann ist aller­dings eine beson­ders sorg­fäl­ti­ge Dar­le­gung der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se und der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung der Taten erfor­der­lich [3].

Auch Todes­dro­hun­gen kön­nen eine schwer­wie­gen­de Beein­träch­ti­gung des Rechts­frie­dens dar­stel­len, ins­be­son­de­re wenn die­se unter Ein­satz gefähr­li­cher Gegen­stän­de aus­ge­spro­chen wer­den [4] und den Bedroh­ten nach­hal­tig und mas­siv in sei­nem ele­men­ta­ren Sicher­heits­emp­fin­den beein­träch­ti­gen, da die Bedro­hung aus Sicht des Betrof­fe­nen die nahe lie­gen­de Gefahr ihrer Ver­wirk­li­chung in sich trägt [5].

Das Über­maß­ver­bot nach § 62 StGB wür­de hier einer Anord­nung gemäß § 63 StGB nicht grund­sätz­lich ent­ge­gen­ste­hen. Bei einer Abwä­gung der Gefahr für die All­ge­mein­heit auf­grund der vom Beschul­dig­ten began­ge­nen und zu erwar­ten­den Taten gegen­über will­kür­li­chen Opfern und des Ein­griffs in das Per­sön­lich­keits­recht der von der Maß­re­gel nach § 63 StGB Betrof­fe­nen stün­de die­ser Ein­griff nicht von vor­ne­her­ein außer Ver­hält­nis [6].

Die Ableh­nung der Unter­brin­gung gemäß § 63 StGB ist auch nicht des­halb hin­zu­neh­men, weil eine Unter­brin­gung nach § 64 StGB ange­ord­net wor­den ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Sep­tem­ber 2015 – 1 StR 287/​15

  1. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 15.08.2013 – 4 StR 179/​13[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.08.1972 – 2 StR 264/​72[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 16.06.2014 – 4 StR 111/​14, NStZ 2014, 571, 573; vom 18.11.2013 – 1 StR 594/​13, NStZ-RR 2014, 75; und vom 06.03.2013 – 1 StR 654/​12, NStZ-RR 2013, 303, 304 f.[]
  4. vgl. auch BGH, Beschluss vom 18.11.2013 – 1 StR 594/​13, NStZ-RR 2014, 75, 77[]
  5. BGH, Urteil vom 21.05.2014 – 1 StR 116/​14; Beschlüs­se vom 04.07.2012 – 4 StR 224/​12, NStZ-RR 2012, 337, 338; vom 22.02.2011 – 4 StR 635/​10, NStZ-RR 2011, 271, 272; und vom 03.04.2008 – 1 StR 153/​08, Stra­Fo 2008, 300, 301[]
  6. vgl. auch BGH, Urteil vom 30.11.2011 – 1 StR 341/​11[]