Pfän­dung des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs eines Straf­ge­fan­ge­nen

Die Pfän­dung des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs eines Straf­ge­fan­ge­nen wegen men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen durch den Staat ist unzu­läs­sig.

Pfän­dung des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs eines Straf­ge­fan­ge­nen

Damit bil­lig­te der Bun­des­ge­richts­hof die Auf­fas­sung des Land­ge­richts Bochum 1, die Pfän­dung mög­li­cher Ansprü­che des Schuld­ners gegen das Land auf Ent­schä­di­gung wegen men­schen­un­wür­di­ger Unter­brin­gung in Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten des Lan­des stel­le eben­so wie die Auf­rech­nung gegen einen sol­chen Anspruch eine unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung dar. Glei­ches gel­te für die aus die­sen Ver­fah­ren ent­ste­hen­den Neben­for­de­run­gen.

Zwar hat der Gläu­bi­ger grund­sätz­lich die Mög­lich­keit, eine dem Schuld­ner gegen ihn zuste­hen­de For­de­rung zu pfän­den 2. Er kann auf­grund der Pfän­dung und Über­wei­sung in der Regel selbst die Auf­rech­nung mit der ihm gegen den Schuld­ner zuste­hen­den For­de­rung erklä­ren. Ob dies auch mög­lich ist, wenn der Gläu­bi­ger ohne die Pfän­dung und Über­wei­sung wegen eines mate­ri­el­len Auf­rech­nungs­ver­bots nicht auf­rech­nen konn­te, ist umstrit­ten 3.

Der Bun­des­ge­richts­hof muss die­ser Fra­ge nicht nach­ge­hen. Denn rechts­feh­ler­frei hat das Land­ge­richt Bochum ent­schie­den, dass bei dem hier vor­lie­gen­den Sach­ver­halt gemäß dem auch für das Pro­zess­recht Gel­tung bean­spru­chen­den § 242 BGB 4 bereits die Pfän­dung des Anspruchs aus­ge­schlos­sen ist. Denn die Pfän­dung des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs wegen men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen erweist sich unter Berück­sich­ti­gung der Funk­ti­on und des Zwecks die­ses Anspruchs und der Eigen­art des zwi­schen dem Schuld­ner und dem Land Nord­rhein-West­fa­len bestehen­den Rechts­ver­hält­nis­ses als unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung.

Steht einem Straf­ge­fan­ge­nen ein Anspruch auf Geld­ent­schä­di­gung für imma­te­ri­el­le Schä­den infol­ge men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen gegen den Staat zu, ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 5 eine Auf­rech­nung des Staa­tes mit Gegen­for­de­run­gen gemäß § 242 BGB unzu­läs­sig. Der Anspruch des Straf­ge­fan­ge­nen auf Geld­ent­schä­di­gung lei­tet sich aus dem Schutz­auf­trag der Grund­rech­te aus Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG ab. Er hat neben der Genug­tu­ung für den Ver­letz­ten auch den Zweck einer wirk­sa­men Sank­ti­on und Prä­ven­ti­on in dem Sin­ne, dass der ver­pflich­te­te Staat dazu ange­hal­ten wird, men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen von vorn­her­ein zu ver­mei­den oder aber zumin­dest als­bald zu besei­ti­gen und nicht län­ger fort­dau­ern zu las­sen 6. Die­sen Zweck kann der Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruch wirk­sam nur erfül­len, wenn er für den ersatz­pflich­ti­gen Staat spür­ba­re Aus­wir­kun­gen hat. Dies ist nicht der Fall, wenn die For­de­run­gen, mit denen der Staat auf­rech­nen möch­te, bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung wert­los sind, weil – wie in vie­len Fäl­len – der Straf­ge­fan­ge­ne ver­mö­gens­los ist 7.

Aus den glei­chen Erwä­gun­gen ist dem Staat auch die Pfän­dung eines gegen ihn gerich­te­ten Anspruchs eines Straf­ge­fan­ge­nen auf Geld­ent­schä­di­gung wegen imma­te­ri­el­ler Schä­den infol­ge men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen zu ver­sa­gen. Eine Zulas­sung der Pfän­dung eines aus einer men­sch­un­wür­di­gen Haft­un­ter­brin­gung her­rüh­ren­den Ent­schä­di­gungs­an­spruchs zur Befrie­di­gung offe­ner Ver­fah­rens­kos­ten wür­de – wor­auf die Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung zu Recht hin­weist – die Funk­ti­on der Genug­tu­ung, der Sank­ti­on und der Prä­ven­ti­on eben­so ins Lee­re lau­fen las­sen wie die Zulas­sung einer Auf­rech­nung. Denn mit dem Zugriff auf die For­de­rung des Straf­ge­fan­ge­nen wür­den deren nach­tei­li­ge Wir­kun­gen ver­blas­sen. Der Staat wür­de sich auf die­se Wei­se eine Befrie­di­gung der wirt­schaft­lich wert­lo­sen For­de­rung ver­schaf­fen und gleich­zei­tig den mit der Zuer­ken­nung des Ent­schä­di­gungs­an­spruchs ver­folg­ten Zweck umge­hen. Letzt­lich trä­ten nach der auf­grund einer Pfän­dung und Über­wei­sung zur Ein­zie­hung regel­mä­ßig erfol­gen­den Auf­rech­nung des Gläu­bi­gers mit dem Ent­schä­di­gungs­an­spruch ledig­lich mit zeit­li­cher Ver­zö­ge­rung die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der unzu­läs­si­gen Auf­rech­nung mit den Jus­tiz­kos­ten­for­de­run­gen ein.

Das Pfän­dungs­ver­bot erstreckt sich – wie das Beschwer­de­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat – auch auf die aus der Rechts­ver­fol­gung der Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che erwach­se­nen Ansprü­che, ins­be­son­de­re die Rechts­an­walts- und Gerichts­kos­ten. Wer­den mit dem Auf­rech­nungs­ver­bot – wie hier – Zwe­cke der Sank­ti­on und der Prä­ven­ti­on ver­folgt, muss sich wegen der engen mate­ri­el­len Ver­bin­dung mit der Haupt­for­de­rung das Pfän­dungs­ver­bot auch auf die Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung erstre­cken 8. Mit ent­spre­chen­den Erwä­gun­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass sich das Voll­stre­ckungs­pri­vi­leg des § 850f Abs. 2 ZPO auch auf Ansprü­che auf Erstat­tung von Pro­zess­kos­ten erstreckt, wenn die­se Fol­ge der vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung sind 9.

Die gegen die­ses Ergeb­nis von der Rechts­be­schwer­de erho­be­nen Ein­wän­de grei­fen nicht.

Aus Ent­schei­dun­gen, in denen der Bun­des­ge­richts­hof die Pfän­dung einer For­de­rung für mög­lich gehal­ten hat, gegen die der Gläu­bi­ger mate­ri­ell­recht­lich nicht auf­rech­nen durf­te 10, lässt sich nicht ablei­ten, dass die beab­sich­ti­ge Pfän­dung und Über­wei­sung der For­de­rung auch bei dem hier gege­be­nen Sach­ver­halt zuläs­sig sein müss­te. Denn der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt unter­schei­det sich von die­sen Fäl­len dadurch, dass der zu pfän­den­de Anspruch ins­be­son­de­re auch der Sank­ti­on und Prä­ven­ti­on dient und aus einer Ver­let­zung eines beson­de­ren Rechts­ver­hält­nis­ses zwi­schen dem Straf­ge­fan­ge­nen und dem Staat her­ge­lei­tet wird, das dem Staat beson­de­re Für­sor­ge­pflich­ten auf­er­legt 11. Eine sol­che Grund­la­ge hat auch der von der Rechts­be­schwer­de ver­gleichs­wei­se her­an­ge­zo­ge­ne Schmer­zens­geld­an­spruch nicht. Aus dem glei­chen Grund kommt es auch nicht dar­auf an, dass die Pfän­dung einer For­de­rung aus uner­laub­ter Hand­lung mög­lich ist.

Ohne Belang ist, ob und inwie­weit eine Pfän­dung statt­fin­den kann, wenn die Ent­schä­di­gungs­for­de­rung des Schuld­ners befrie­digt wor­den ist. Selbst wenn dann ein unein­ge­schränk­ter Zugriff von Gläu­bi­gern statt­fin­den könn­te, führ­te dies ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de nicht zu wider­sprüch­li­chen Ergeb­nis­sen. Sol­che hät­ten ihren Grund in den Pfän­dungs­vor­schrif­ten. Die­se unter­sa­gen es der Gläu­bi­ge­rin wegen der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung, auf die For­de­rung des Schuld­ners im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung zuzu­grei­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Mai 2011 – VII ZB 17/​10

  1. LG Bochum, Beschluss vom 09.02.2010 – I-7 T 13/​10[]
  2. Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 829 Rn. 124; Schuschke/​Walker/​Schuschke, Voll­stre­ckung und vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 4. Aufl., § 829 ZPO Rn. 11; PG/​Ahrens, ZPO, 03. Aufl., § 829 Rn. 21; Musielak/​Becker, ZPO, 08. Aufl., § 829 Rn. 14; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 69. Aufl., § 829 Rn. 38[]
  3. vgl. die Nach­wei­se bei Staudinger/​Gursky, BGB (2006), § 393 Rn. 2[]
  4. BGH, Beschluss vom 10.05.2007 – V ZB 83/​06, BGHZ 172, 218, 222 m.w.N.[]
  5. BGH, Urteil vom 01.10.2009 – III ZR 18/​09, BGHZ 182, 301, 304[]
  6. BGH, Urtei­le vom 01.10.2009 – III ZR 18/​09, aaO, S. 304 f.; und vom 04.11.2004 – III ZR 361/​03, BGHZ 161, 33, 35 ff.[]
  7. BGH, Urteil vom 01.10.2009 – III ZR 18/​09, aaO, S. 305[]
  8. vgl. auch BGH, Urteil vom 24.03.2011 – IX ZR 180/​10, WM 2011, 756 Rn. 47 f.[]
  9. BGH, Beschluss vom 10.03.2011 – VII ZB 70/​08, in juris Rn. 16[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 24.06.1985 – III ZR 219/​83, BGHZ 95, 109, 115[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 01.10.2009 – III ZR 18/​09, BGHZ 182, 301 Rn. 14[]