Rechts­ge­spräch vor der Haupt­ver­hand­lung

Wird der Inhalt eines Rechts­ge­sprächs vom Vor­sit­zen­den in der Haupt­ver­hand­lung nicht mit­ge­teilt und dem­entspre­chend auch nicht pro­to­kol­liert, so ver­stößt das Gericht hier­durch, auch wenn eine Ver­stän­di­gung (§ 257c StPO) nicht erfolgt ist, gegen die ihm oblie­gen­den Mit­tei­lungs- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten von außer­halb der Haupt­ver­hand­lung geführ­ten Rechts­ge­sprä­chen (§ 243 Abs. 4 Satz 1 und 2, § 273 Abs. 1a Satz 2 StPO).

Rechts­ge­spräch vor der Haupt­ver­hand­lung

Nach dem Rege­lungs­kon­zept des Ver­stän­di­gungs­ge­set­zes wird durch die­se Schutz­me­cha­nis­men das Ziel ver­folgt, eine wirk­sa­me voll­um­fäng­li­che revi­si­ons­ge­richt­li­che Kon­trol­le ver­stän­di­gungs­ba­sier­ter Urtei­le zu ermög­li­chen und soge­nann­te infor­mel­le Abspra­chen zu ver­hin­dern 1. Neben der Gewähr­leis­tung des Trans­pa­renz­ge­bo­tes 2 soll die Mit­tei­lung des wesent­li­chen Inhalts sol­cher Gesprä­che es dem Ange­klag­ten ermög­li­chen, auto­nom – auf­grund umfas­sen­der Unter­rich­tung durch das Gericht über die regel­mä­ßig in sei­ner Abwe­sen­heit durch­ge­führ­ten Erör­te­run­gen – dar­über zu ent­schei­den, ob er den Schutz der Selbst­be­las­tungs­frei­heit auf­gibt und sich mit einer gestän­di­gen Ein­las­sung des Schwei­ge­rechts begibt 3.

Ein Ver­stoß gegen die Trans­pa­renz- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten führt grund­sätz­lich nicht nur zur Rechts­wid­rig­keit einer gleich­wohl getrof­fe­nen Ver­stän­di­gung 4. Er führt auch zur Feh­ler­haf­tig­keit von nicht ver­stän­di­gungs­ba­sier­ten Urtei­len, bei denen nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass sie auf eine geset­zes­wid­ri­ge infor­mel­le Abspra­che oder dies­be­züg­li­che Gesprächs­be­mü­hun­gen zurück­ge­hen 5.

Vor­lie­gend konn­te durch den Bun­des­ge­richts­hof auch ein Beru­hen des Urteils auf dem Rechts­feh­ler nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, weil das Aus­sa­ge­ver­hal­ten des Ange­klag­ten durch die unter­las­se­ne Mit­tei­lung beein­flusst wor­den sein könn­te: Die Kon­stel­la­ti­on eines in der Haupt­ver­hand­lung nicht durch­ge­hend schwei­gen­den sich des Schut­zes sei­ner Selbst­be­las­tungs­frei­heit mit­hin nicht bege­ben­den Ange­klag­ten 6 liegt hier nicht vor. Denn der Ange­klag­te hat sich in sei­nem letz­ten Wort für die von ihm began­ge­nen Taten ent­schul­digt, ohne dies näher aus­zu­füh­ren, wobei das Land­ge­richt die­se Äuße­rung im Rah­men der Beweis­wür­di­gung zur Stüt­zung ihrer Über­zeu­gung von der Täter­schaft des Ange­klag­ten her­an­ge­zo­gen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Janu­ar 2015 – 5 StR 601/​14

  1. vgl. BVerfGE 133, 168, 221 ff.[]
  2. vgl. BVerfGE, aaO, S. 214 ff.[]
  3. vgl. BVerfGE, aaO, S. 231 f.[]
  4. vgl. BVerfGE, aaO, S. 223[]
  5. BVerfGE, aaO, S. 223[]
  6. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 29.11.2013 – 1 StR 200/​13, NStZ 2014, 221[]