Revi­si­on im Siche­rungs­ver­fah­ren – und die Rück­nah­me­er­klä­rung

Der Ange­klag­te (bzw. im Siche­rungs­ver­fah­ren der Beschul­dig­te) muss bei bei der Abga­be sei­ner Rück­nah­me­er­klä­rung ver­hand­lungs- und damit pro­zes­su­al hand­lungs­fä­hig gewe­sen sein.

Revi­si­on im Siche­rungs­ver­fah­ren – und die Rück­nah­me­er­klä­rung

Die pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig­keit setzt bei Abga­be einer Rechts­mit­tel­rück­nah­me­er­klä­rung vor­aus, dass der Beschul­dig­te die Trag­wei­te sei­ner Erklä­rung erkennt. Der Beschul­dig­te muss sich in einem Zustand geis­ti­ger Frei­heit und Klar­heit befin­den, in dem er sei­ne Inter­es­sen ver­nünf­tig abwä­gen und wahr­neh­men kann 1.

Eine etwai­ge Geschäfts- oder Schuld­un­fä­hig­keit des Beschul­dig­ten schließt sei­ne pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig­keit nicht zwin­gend aus.

Die Annah­me einer Unwirk­sam­keit der Rück­nah­me­er­klä­rung kommt erst in Betracht, wenn hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass er bei Abga­be der Erklä­rung nicht in der Lage war, Bedeu­tung und Trag­wei­te der Rechts­mit­tel­rück­nah­me zu erfas­sen 2. Zwei­fel an der pro­zes­sua­len Hand­lungs­fä­hig­keit gehen hier­bei zu Las­ten des Beschul­dig­ten 3.

Gemes­sen hier­an hat­te der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall kei­ne Zwei­fel an der Ver­hand­lungs- und pro­zes­sua­len Hand­lungs­fä­hig­keit des Beschul­dig­ten bei Abga­be der Rück­nah­me­er­klä­rung.

Das hand­schrift­lich gefer­tig­te Schrei­ben vom 07.07.2017 ent­hält kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass der Beschul­dig­te Inhalt und Bedeu­tung der Rück­nah­me­er­klä­rung vor dem Hin­ter­grund der pro­zes­sua­len Lage ver­kannt haben könn­te. Unter Bezug­nah­me auf die durch sei­nen Ver­tei­di­ger ein­ge­leg­te Revi­si­on ist die Erklä­rung inhalt­lich und sprach­lich prä­zi­se gefasst, wobei der Beschul­dig­te das zutref­fen­de Akten­zei­chen wie­der­gibt. Durch die For­mu­lie­rung bringt der Beschul­dig­te sei­nen Wil­len zum Aus­druck, das Revi­si­ons­ver­fah­ren zu been­den und die Rechts­kraft des land­ge­richt­li­chen Urteils her­bei­zu­füh­ren.

Das sach­ver­stän­dig bera­te­ne Land­ge­richt hat zwar fest­ge­stellt, dass der Beschul­dig­te an einer psy­chi­schen Erkran­kung in Form einer bipo­la­ren affek­ti­ven Stö­rung lei­det, die mit wahn­haf­tem Erle­ben ein­her­geht, das die Berei­che Sexua­li­tät und Gewalt umfasst; der Beschul­dig­te litt unter Ver­ge­wal­ti­gungs­fan­ta­si­en, die zum Tat­zeit­punkt zu einer Auf­he­bung der Ein­sichts­fä­hig­keit geführt haben. Anhalts­punk­te dafür, dass sich der Beschul­dig­te bei Abga­be der Rechts­mit­tel­rück­nah­me­er­klä­rung – wie vom Ver­tei­di­ger in sei­nem Schrift­satz vom 12.10.2017 behaup­tet – in einem wahn­haf­ten Zustand befun­den habe und des­halb nicht in der Lage gewe­sen sei, die Trag­wei­te sei­ner Pro­zess­erklä­rung zu erken­nen, bestehen hin­ge­gen nicht.

Die wirk­sa­me Rück­nah­me­er­klä­rung ist nach ihrem Ein­gang bei Gericht unwi­der­ruf­lich und unan­fecht­bar gewor­den 4.

Die von dem Beschul­dig­ten (hilfs­wei­se) erneut ein­ge­leg­te Revi­si­on ist unzu­läs­sig, da eine wirk­sa­me Rück­nah­me­er­klä­rung regel­mä­ßig den Ver­zicht auf die Wie­der­ho­lung des Rechts­mit­tels ent­hält 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Okto­ber 2017 – 2 StR 410/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 15.12 2015 – 4 StR 491/​15, aaO; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, aaO, § 302 Rn. 8a[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 28.07.2004 – 2 StR 199/​04, NStZ-RR 2004, 341; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, aaO, § 302 Rn. 8a[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 28.07.2004 – 2 StR 199/​04, aaO; BGH, Beschluss vom 11.10.2007 – 3 StR 368/​07[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.12 1994 – 2 StR 461/​94, NStZ 1995, 356, 357; vom 28.07.2004 – 2 StR 199/​04, aaO[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 28.07.2004 – 2 StR 199/​04, aaO mwN; BGH, Beschluss vom 06.12 2016 – 4 StR 558/​16[]