Rich­te­rin im Mut­ter­schutz – und der gesetz­li­che Rich­ter

Der nach­ge­burt­li­che Mut­ter­schutz einer Rich­te­rin führt zu einem Dienst­leis­tungs­ver­bot, das ihrer Mit­wir­kung in der Haupt­ver­hand­lung ent­ge­gen­steht. Deren Fort­set­zung ohne Beach­tung der Mut­ter­schutz­frist führt zur gesetz­wid­ri­gen Beset­zung des Gerichts.

Rich­te­rin im Mut­ter­schutz – und der gesetz­li­che Rich­ter

Auf einen Beset­zungs­ein­wand im Sin­ne von § 222b StPO als Rüge­vor­aus­set­zung (§ 338 Nr. 1 Halb­satz 2 StPO) kommt es hier­bei nicht an. Nach die­ser Vor­schrift kann ein Beset­zungs­ein­wand zwar nur bis zum Beginn der Ver­neh­mung des ers­ten Ange­klag­ten zur Sache in der Haupt­ver­hand­lung gel­tend gemacht wer­den. Tritt ein Feh­ler in der Beset­zung des Gerichts aber erst spä­ter ein, gilt die­se Rege­lung nicht.

Die Straf­kam­mer ist in der Zeit des nach­ge­burt­li­chen Mut­ter­schut­zes (hier: der Bericht­erstat­te­rin) falsch besetzt, weil die Bericht­erstat­te­rin infol­ge des abso­lu­ten Dienst­leis­tungs­ver­bots aus § 6 Abs. 1 Satz 1 MuSchG in Ver­bin­dung mit § 2 HRiG, § 95 Nr. 1 HBG und § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HMu­SchEltZ­VO an der Mit­wir­kung in der Haupt­ver­hand­lung ver­hin­dert war.

Es stand nicht im Belie­ben der von dem Dienst­leis­tungs­ver­bot betrof­fe­nen Rich­te­rin, ob sie in der Mut­ter­schutz­frist an der Haupt­ver­hand­lung teil­neh­men oder den Mut­ter­schutz in Anspruch neh­men woll­te. Auch der Spruch­kör­per konn­te dar­über nicht dis­po­nie­ren.

Das abso­lu­te Dienst­leis­tungs­ver­bot gemäß § 6 Abs. 1 Satz 1 MuSchG in Ver­bin­dung mit § 2 HRiG, § 95 Nr. 1 HBG und § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HMu-SchEltZ­VO ist zwin­gen­des Recht 1. Es steht weder zur Dis­po­si­ti­on des Dienst­herrn noch konn­te die Rich­te­rin dar­auf ver­zich­ten. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass es der dienst­leis­ten­den Rich­te­rin anheim gege­ben ist, ihrem Dienst­herrn die Tat­sa­chen der Schwan­ger­schaft sowie der Ent­bin­dung bekannt zu geben. Die Schutz­wir­kung des § 6 MuSchG und das dar­aus fol­gen­de Beschäf­ti­gungs­ver­bot set­zen nicht eine Mit­tei­lung der Mut­ter, son­dern allein Kennt­nis des Arbeit­ge­bers bezie­hungs­wei­se Dienst­herrn vor­aus; ihm ist eine Beschäf­ti­gung der Mut­ter auch dann unter­sagt, wenn die­se einer Dienst­leis­tung zustimmt oder sie gar ver­langt.

Die bei­sit­zen­de Rich­te­rin durf­te sich danach nicht frei­wil­lig zur Dienst­leis­tung in der Haupt­ver­hand­lung bereit erklä­ren. Das Gesetz will durch die zwin­gen­de Anord­nung eines Dienst­leis­tungs­ver­bots einen Ent­schei­dungs­druck von der Mut­ter neh­men, ob sie frei­wil­lig über­ob­li­ga­to­ri­schen Ein­satz zei­gen oder den gesetz­li­chen Mut­ter­schutz in Anspruch neh­men will. Der nach­ge­burt­li­che Mut­ter­schutz kommt des­halb in sei­nen Aus­wir­kun­gen auf die Gerichts­be­set­zung in der Haupt­ver­hand­lung einer Ver­hin­de­rung wegen Dienst­un­fä­hig­keit gleich 2. Kann der Ver­hin­de­rungs­fall nicht durch Unter­bre­chung der Haupt­ver­hand­lung oder Ein­tritt eines Ergän­zungs­falls über­brückt wer­den, ist das Gericht in der straf­pro­zes­sua­len Haupt­ver­hand­lung, für die – anders als in ande­ren Pro­zess­ord­nun­gen – das Gebot der Kon­ti­nui­tät des Quo­rums und Anwe­sen­heit der für das Urteil zustän­di­gen Rich­ter gemäß § 226 StPO gilt, nicht vor­schrifts­ge­mäß besetzt 3.

Konn­te die Haupt­ver­hand­lung nicht im Rah­men der gesetz­li­chen Unter­bre­chungs­fris­ten gemäß § 229 StPO mit der Rich­te­rin fort­ge­setzt wer­den und wur­de eine die Mut­ter­schutz­frist beach­ten­de Unter­bre­chung nicht ange­ord­net, war von einer Ver­hin­de­rung der Rich­te­rin an der wei­te­ren Mit­wir­kung in der Haupt­ver­hand­lung aus­zu­ge­hen. Da die­se Fol­ge auf einer gesetz­li­chen Rege­lung beruht, wur­de zugleich in den Schutz­be­reich des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ein­ge­grif­fen 4.

Hier­von wur­den die Ange­klag­ten in ihrem Rechts­kreis betrof­fen. Der Schutz­zweck des Mut­ter­schutz­ge­set­zes, der die Gesund­heit von Mut­ter und Kind im Auge hat, ändert nichts an die­sen pro­zes­sua­len Fol­gen des Dienst­leis­tungs­ver­bots. Eben­so wenig kann aus der Ver­än­de­rung der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit, in wel­cher Frau­en heu­te häu­fi­ger als zum Zeit­punkt des Geset­zes-Erlas­ses Tätig­kei­ten nach­ge­hen, die eine Gesund­heits­ge­fähr­dung von Mut­ter und Kind nicht (mehr) ohne wei­te­res besor­gen las­sen, eine Ein­schrän­kung des zwin­gen­den Geset­zes­be­fehls her­ge­lei­tet wer­den. Das­sel­be gilt für den Umstand, dass bei frei­be­ruf­lich täti­gen Frau­en – also etwa auch bei Rechts­an­wäl­tin­nen in dem­sel­ben Straf­ver­fah­ren – die Vor­schrif­ten des MuSchG gar nicht anwend­bar sind, eine mög­li­che Schutz­frist hier also allein im Belie­ben der Betrof­fe­nen steht.

Nach dem Gesetz­lich­keits­prin­zip aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG darf es, soweit die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 6 Abs. 1 MuSchG gege­ben sind, ange­sichts der zwin­gen­den gesetz­li­chen Rege­lung nicht vom Wil­len der Rich­te­rin abhän­gig sein, ob sie wei­ter an der Haupt­ver­hand­lung mit­wirkt oder das Dienst­leis­tungs­ver­bot befolgt. Andern­falls wäre auch in einer Haupt­ver­hand­lung, in der ein Ergän­zungs­rich­ter im Sin­ne von § 192 Abs. 2 GVG zur Ver­fü­gung steht, des­sen Ein­tritt in das Quo­rum vom will­kür­li­chen Beja­hen oder Feh­len der Bereit­schaft der Rich­te­rin zum über­ob­li­ga­ti­ons­mä­ßi­gen Ein­satz abhän­gig. Das wäre mit dem Gebot der Bestimmt­heit der gesetz­li­chen Mit­wir­kungs­zu­stän­dig­keit gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG unver­ein­bar.

Aus der sach­li­chen Unab­hän­gig­keit der Rich­te­rin gemäß Art. 97 Abs. 1 GG ergibt sich nichts ande­res. Die Schutz­be­rei­che des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 und des Art. 97 Abs. 1 GG sind von­ein­an­der zu unter­schei­den 5. Kein Rich­ter hat auf­grund von Art. 97 Abs. 1 GG einen Anspruch dar­auf, an einer Sach­ent­schei­dung durch Straf­ur­teil mit­zu­wir­ken, wenn er – obwohl durch gesetz­li­che Vor­aus­be­stim­mung zur Mit­wir­kung beru­fen – durch zwin­gen­de gesetz­li­che Vor­schrif­ten an der Mit­wir­kung ver­hin­dert ist. Durch Art. 97 Abs. 1 GG wird allein die sach­li­che Unab­hän­gig­keit des Rich­ters im Fall der Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit gewähr­leis­tet, nicht aber eine Unab­hän­gig­keit dahin, über die Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit selbst zu dis­po­nie­ren 6.

Abs. 1 Satz 2 GG steht auch der Mög­lich­keit ent­ge­gen, die Beset­zungs­fra­ge im Rah­men einer Inter­es­sen­ab­wä­gung von den Umstän­den des Ein­zel­falls, etwa dem Umfang und der Eil­be­dürf­tig­keit der Sache abhän­gig zu machen. Andern­falls wäre eine "beweg­li­che" Mit­wir­kungs­zu­stän­dig­keit ohne nach­prüf­ba­re nor­ma­ti­ve Kri­te­ri­en für die Ent­schei­dung im Ein­zel­fall eröff­net. Der Straf­kam­mer stand hin­sicht­lich der auch von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Prü­fung der Rich­tig­keit der Beset­zung wegen des abso­lu­ten Dienst­leis­tungs­ver­bots für die Bericht­erstat­te­rin, das im Gegen­satz zu Fäl­len eines rela­ti­ven Dienst­leis­tungs­hin­der­nis­ses vor der Geburt nach § 3 MuSchG auch nicht von einer medi­zi­ni­schen Pro­gno­se abhän­gig war, inso­weit kein Ermes­sen zu.

Da das Dienst­leis­tungs­ver­bot nach § 6 Abs. 1 Satz 1 MuSchG in Ver­bin­dung mit § 2 HRiG, § 95 Nr. 1 HBG und § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HMu­SchEltZ­VO nach der Ent­bin­dung unmit­tel­bar kraft Geset­zes ent­steht und es einer Umset­zung durch eine gericht­li­che Ent­schei­dung nicht bedarf, kommt es auf den für Gerichts­ent­schei­dun­gen über Mit­wir­kungs­zu­stän­dig­kei­ten gel­ten­den Will­kür­maß­stab aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht an 7.

Das Urteil beruht nach der gesetz­li­chen Ver­mu­tung aus § 338 Nr. 1 Halb­satz 1 StPO auf dem Beset­zungs­feh­ler.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Novem­ber 2016 – – 2 StR 9/​15

  1. vgl. BAG, Urteil vom 28.08.1960 – 1 AZR 202/​59, BAGE 10, 7 ff.; LG Bre­men, Beschluss vom 28.04.2010 – 22 Ks 210 Js 2251/​09 in juris; Ambs in Erbs/​Kohlhaas, Straf­recht­li­che Neben­ge­set­ze, 207. Lfg., MuSchG Vor­bem. Rn. 1; Buchner/​Becker, Mut­ter­schutz und Bun­des­el­tern­geld- und Eltern­zeit­ge­setz, 8. Aufl., § 6 MuSchG Rn. 12; Beck­OK-ArbR/Sch­ra­der, 40. Ed., MuSchG § 6 Rn. 1, 7[]
  2. vgl. OLG Hamm, Beschluss vom 16.02.2016 – III3 RBs 385/​15[]
  3. vgl. SK-StPO/­Fris­ter, 5. Aufl., § 192 GVG Rn. 10[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.03.2016 – 3 StR 544/​15, NStZ 2016, 557 mit Anm. Ventz­ke; Norou­zi in Fest­schrift für von Heint­schel-Hein­egg, 2015, S. 349, 352 f.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 23.05.2012 – 2 BvR 610, 625/​12, NJW 2012, 2334, 2335[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.06.2015 – 2 BvR 2718/​10, 1849, 2808/​11, BVerfGE 139, 145, 174[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 14.05.1986 – 2 StR 854/​84, StV 1986, 369, 370[]